"n-tv.de"-Chefredakteur Tilman Aretz wünscht sich weniger Hypes im Journalismus

09.05.2018
 

Der Macher der erfolgreichsten deutschen Nachrichten-App "n-tv.de" wünscht sich weniger blinden Trend-Glauben im Journalismus. "Mein Motto lautet: Ausprobieren, aber Ball flach halten. Bloß keine eigene Unit gründen", sagt Tilman Aretz im Interview von "medium magazin". Der "n-tv.de"-Chefredakteur präsentiert seine Strategie am 14. Mai beim European Newspaper Congress.

Einen Irrweg sieht Aretz etwa in Virtual und Augmented Reality für das Nachrichten-Geschäft. "Eine Nachrichtenredaktion muss sich damit nicht beschäftigen", sagt Aretz. Er erkennt keinen Nutzen für aktuelle Berichterstattung. "Die Anwendungen haben ihre Berechtigung im Gamer-Bereich, in der Unterhaltung, im E-Learning, der Medizintechnik, im Ingenieurwesen." Aretz setzt auf klaren Fokus und darauf, Experimente auch schnell zu beenden, wenn sie nicht tauglich sind: "Ich kann immer sagen: Ich weiß nicht, was kommt, also mache ich alles. Aber als Unternehmer und Redaktionsleiter muss ich Entscheidungen treffen."

Für Aretz ist auch die zunehmende Webvideo-Produktion in Zeitungsredaktionen ein nicht nachhaltiger Hype. Er sagt im "medium magazin": "Warum ich von einem Hype spreche: Weil plötzlich alle Redaktionen denken, in der Videoproduktion liege ihre Zukunft. Und das glaube ich nicht. Video ist nur eine Darstellungsform." Wer Informationen aufsaugen wolle, müsse sie lesen. Ein Video zu schauen, dauere zudem länger als Infos in einem Text zu erfassen.

"n-tv.de" ist zwar nicht das erfolgreichste deutsche Nachrichten-Angebot, aber die App besonders reichweitenstark. Im März erreicht sie 70 Millionen Visits und 483 Millionen Page Impressions. Zum Vergleich: Die "Spiegel Online"-App verbucht laut IVW-Statistik 66 Millionen Visits. Bei "n-tv.de" kommen rund 75 Prozent der Nutzer über mobile Geräte, die meisten über die App.

kress.de-Tipp(s): Weitere Thesen zum Feind Facebook und seine Pläne, die n-tv.de-App zu personalisieren, erklärt Tilman Aretz im Interview von Jens Twiehaus in der "medium magazin"-Ausgabe 03/2018. Das Heft ist gedruckt oder digital erhältlich oder als epaper im iKiosk verfügbar. Das "medium magazin" - das Magazin für Journalisten, in dem aktuelle Branchenthemen diskutiert und beleuchtet werden - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteurin ist Annette Milz.

Beim European Newspaper Congress 2018 vom 13. bis 15. Mai in Wien tauschen 500 Chefredakteure und Medienmanager ihre besten Konzepte aus, berichten über erfolgreiche Cases und diskutieren über Werte und Verantwortung. Das komplette Programm und die Anmeldung finden Sie hier. Der European Newspaper Congress wird vom Medienfachverlag Johann Oberauer, der Stadt Wien und Norbert Küpper, Zeitungsdesigner in Deutschland, veranstaltet.

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