ARD-Korrespondent Jan-Philipp Burgard: "Trump-Wähler sind nicht dumm"

 

An diesem Donnerstag wird der ARD-Korrespondent Jan Philipp Burgard für seine phoenix-Dokumentation "Alaska im Klimawandel" mit dem RIAS Medienpreis ausgezeichnet. Mit dem Preis werden Beiträge belohnt, die besonders zur deutsch-amerikanischen Verständigung beitragen. kress.de hat mit Burgard über sein Buch "Ausgeträumt, Amerika" gesprochen, wo er auch der Situation der Medien in den USA unter Präsident Donald Trump auf den Grund geht.

kress.de: Herr Burgard, Ihr Buchtitel trägt ein Fragezeichen, und da wir hier ein Interview führen, gebe ich die Frage gleich an Sie weiter: Gibt es den amerikanischen Traum noch?

Jan Philipp Burgard: Ich habe sie tatsächlich immer noch erlebt, diese Geschichten vom amerikanischen Traum, der sich erfüllt. Zum Beispiel durfte ich die Nordkoreanerin Jinhye Scho kennen lernen, die in ihrer Heimat in Haft saß und sogar gefoltert wurde. Doch ein amerikanischer Pastor kaufte sie frei. Heute betreibt sie in der Nähe von Washington ein erfolgreiches Pflege-Unternehmen. Aber die Statistiken zeigen, dass solche Geschichten seltener werden.

kress.de: Wie wird das statistisch erfasst?

Jan Philipp Burgard: Mit Umfragen. Demnach denkt nur noch ein gutes Drittel der US-Bevölkerung, dass sich ihr amerikanischer Traum erfüllt hat. Darunter sind deutlich mehr Menschen mit Hochschulabschluss, als Menschen mit niedrigen Bildungsabschlüssen. Und die Chance, eine Universität zu besuchen, ist für Kinder von afroamerikanischen Mittelklasse-Familien deutlich niedriger als für weiße Kinder. Auch hier zeigt sich also die Spaltung des Landes, die sich unter Trump noch verschärft.

kress.de: Hat Amerika also wirklich ausgeträumt?

Jan Philipp Burgard: Ich bleibe Optimist. Die US-Gesellschaft hat in ihrer wechselvollen Geschichte immer wieder ihre Selbstheilungskräfte unter Beweis gestellt. Präsidenten kommen und gehen. Der amerikanische Traum wird lebendig bleiben. 

"Trump ist nicht die Ursache für die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft."

kress.de: Dennoch: Ist der amerikanische Traum mit der Präsidentschaft Obamas zu Ende gegangen? Oder ist es genau anders herum: Hat Trump gewonnen, weil er versprach, den American Dream "zu erneuern"?

Jan Philipp Burgard: Viele gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen, die Trumps nationalistischem Triumphzug den Weg bereiteten, hatten schon lange vor der Präsidentschaftswahl 2016 eingesetzt. Trump ist nicht die Ursache für die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft, er bringt sie nur brutal zum Ausdruck. Und er treibt sie lustvoll weiter voran. Statt die Ängste seiner Bürger zu lindern, schürt der Präsident sie und transformiert sie in Wut.

kress.de: Sie schreiben eingangs, Sie wollten „nicht über die Menschen draußen im Land sprechen, sondern mit ihnen“. Mal ehrlich: Haben das die Medien vor der Präsidentschaftswahl unvoreingenommen genug gemacht?

Jan Philipp Burgard: Für die meisten US-Journalisten kam Trumps Wahlsieg wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Viele haben das zum Anlass für Selbstkritik genommen und gesagt: Ab jetzt müssen wir unsere "Blase" Washington viel öfter verlassen und wieder spüren, was die Amerikaner draußen im Land bewegt. 

"In Deutschland werden Trump-Wähler häufig als ungebildet oder sogar rassistisch wahrgenommen."

kress.de: Sie haben überall in den USA ein Jahr lang mit den Menschen "draußen im Land" gesprochen. Was ist Ihr wichtigstes Fazit?

Jan Philipp Burgard: In Deutschland werden Trump-Wähler häufig als ungebildet oder sogar rassistisch wahrgenommen. Ich bin aber auf viele hart arbeitende, warmherzige Amerikaner getroffen, die feststellen mussten, dass ihr amerikanischer Traum sich nicht mehr erfüllt. Viele dieser Amerikaner haben aus Angst, Wut oder Verzweiflung Trump gewählt, nicht aus Dummheit. Aus meiner Sicht sollten wir Medien diese Menschen ernst nehmen und sie nicht verurteilen. Das gilt nicht nur für Amerika, sondern auch für Europa, wo Rechtspopulisten ja viel Aufwind haben.  

kress.de: Auch Richard Spencer, den Sprecher der "Alt Right"-Bewegung, haben Sie getroffen. Welche Rolle spielen Rechtsextremisten in den USA? Haben Sie unter Trump an Einfluss gewonnen?

Jan Philipp Burgard: Die Alt Right-Bewegung ist zu Beginn von Trumps Präsidentschaft in gewisser Weise salonfähig geworden, als Trump mit Steve Bannon den ehemaligen Chef von Breitbart News zu seinem Chefstrategen im Weißen Haus machte. Bannon hatte Breitbart als "Plattform für die Alt Right" bezeichnet. Viele Anhänger der "Alt Right", auch Richard Spencer, hatten also das Gefühl, mit Bannon einen Interessenvertreter im Weißen Haus zu haben.

kress.de: Äußerte sich das auch konkret?

Jan Philipp Burgard: Ja, denn es gibt noch einen bemerkenswerten Punkt: Nach den Ausschreitungen von Charlottesville, bei denen eine junge Gegendemonstrantin getötet wurde, hat Trump die rechtsextremen Gewalttaten lange nicht klar verurteilt. Der frühere Anführer des Ku-Klux-Klans dankte Trump daraufhin für seine Unterstützung. Allerdings ist das Phänomen hier schwerer messbar als in Deutschland, weil es hier nur ein Zwei-Parteiensystem gibt.  

"Trump beschimpft unabhängige Journalisten als 'Feinde des amerikanischen Volkes'."

kress.de: Als Sie darüber berichten, unter der Präsidentschaft Obamas das Weiße Haus betreten zu haben, legen Sie ein "Bekenntnis" ab: Sie hätten sich gefühlt wie ein kleiner Junge zu Weihnachten. Hat der Ort unter Trump für Sie diese Magie verloren?

Jan Philipp Burgard: Ja. Trump nennt Medien, die es wagen ihn zu kritisieren, oft "Fake News". Er beschimpft unabhängige Journalisten als "Feinde des amerikanischen Volkes". Also muss auch ich mich wohl als Feind fühlen, wenn ich das Weiße Haus betrete.

kress.de: Wenn Sie für Trump ein „Feind“ sind, was ist er dann für Sie? Auch ein "Feind"?

Jan Philipp Burgard: Nein, Trump ist für mich nicht mehr und nicht weniger als das Objekt meiner Berichterstattung.

kress.de: In Ihrem Kapitel über die Medien unter Trump zitieren Sie Präsident Thomas Jefferson, einen damaligen Vorkämpfer für die Pressefreiheit, mit dem wenig schmeichelhaften Satz, Zeitungen würden größtenteils "nur eine Karikatur von unzufriedenen Geistern präsentieren". Ist das gespaltene Verhältnis des aktuellen Präsidenten zur Presse also gar nicht neu?

Jan Philipp Burgard: Neu ist die Art und Weise, mit der man als Berichterstatter teilweise angefeindet wird. Ein Beispiel: Bei einer Veranstaltung von Präsident Trump in Kentucky waren 20.000 Menschen in der Halle, wir Journalisten standen in einem abgetrennten Bereich in der Mitte. Trump wetterte immer wieder gegen die "Fake News" und zeigte auf uns. Man konnte spüren, wie in der Halle der Hass gegen uns stieg. Ein junger Mann blickte mir provokant direkt in die Augen. Und je öfter Trump auf der Bühne gegen die Medien polterte, desto mutiger wurde der junge Mann. Irgendwann zeigte er mir die Faust. Das hat mich wirklich erschreckt. Später fragte ich einen Teilnehmer ganz neutral, wie er sich als Republikaner die plötzliche Nähe des Präsidenten zu Russland erklären kann. Einem Land, in dem die Pressefreiheit wenig gilt und in dem Journalisten erschossen werden. Das Gespräch war kurz und endete mit seiner Aussage: "Solche wie dich sollte man auch erschießen."

kress.de: An einer Stelle berichten Sie über ein Gespräch mit Jim Acosta, dem CNN-Reporter im Weißen Haus. Sie seien überrascht gewesen, wie bereitwillig und freundlich er mit Ihnen über die Situation der Medien gesprochen habe. Das wiederum hat mich überrascht: Ist ein solcher Kollegenplausch in den USA unüblich? Sind US-Journalisten arrogant?

Jan Philipp Burgard: Nein, der Kollegenplausch ist in den USA genauso üblich wie in Deutschland. Aber hier gibt es ein paar "Stars" unter den White-House-Korrespondenten, die kaum einen Meter durch Washington laufen können, ohne nach einem Selfie gefragt zu werden. Jim Acosta ist einer davon. Er ist, wie die meisten von uns, immer sehr in Eile und deshalb habe ich mich gefreut, dass er sich spontan Zeit für ein Gespräch mit mir genommen hat.

kress.de: Wenn Sie selbstkritisch über die Branche nachdenken, was ist heute noch dran an Jeffersons Vorwurf, Journalisten seien oft frustriert? Es muss doch frustrierend sein, so lange gegen Trump angeschrieben zu haben, und nun sitzt er im Oval Office und macht das Gegenteil von dem, was die meisten Medien wollen?

Jan Philipp Burgard: Ich kann nur für mich persönlich sprechen, und ich schreibe in meinem Buch nicht gegen Präsident Trump an, sondern ich beschreibe den Zustand der USA und erkläre seinen Erfolg bei vielen Wählen sowie die Auswirkungen seiner Politik. Und frustriert bin ich ganz und gar nicht, im Gegenteil. Ich liebe meinen Job.

kress.de-Tipp: Jan Philipp Burgard, Ausgeträumt, Amerika? Unterwegs in einem gespaltenen Land, 207 Seiten, € 14,99, ISBN: 978-3-499-63376-8

Hintergrund: Jan Philipp Burgard studierte Politik, Neuere Geschichte und Öffentliches Recht in Bonn und Paris. Er schrieb für Zeitungen und Magazine wie den "Iserlohner Kreisanzeiger", "Bonner Generalanzeiger", "Focus" und "Handelsblatt". Als Producer im ARD-Studio Washington erlebte er 2008 den Aufstieg Barack Obamas und promovierte 2011 über dessen "Jahrhundertwahlkampf". Nach Stationen bei den ARD-"Tagesthemen", als Reporter für den NDR und das ZDF sowie als Referent des WDR-Intendanten wechselte Burgard 2016 in die "Tagesschau"-Redaktion. Seit 2017 ist er Korrespondent und stellvertretender Leiter des ARD-Studios in Washington.

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