Burda-Vorstand Philipp Welte beim "ENC" in Wien: "Der Begriff digitale Revolution ist falsch"

 

Leidenschaftlicher Auftakt für den "European Newspaper Congress", für den über 500 hochrangige Medienprofis im Wiener Rathaus zusammengekommen sind. Burda-Vorstand Philipp Welte, zuständig für die Nationalen Medienmarken, appelliert an seine Verlegerkollegen, den digitalen Wandel als Chance zu sehen - um zu überleben. "Unsere Welt ist in einer Veränderung begriffen, die atemberaubend ist."

Welte sprach von der Leidenschaft, mit der man den radikalen Wandel der Branche erkennen und mitprägen müsse. "Wir sind kerngesund, obwohl wir eigentlich mausetot sein sollten", sagte er über sein eigenes Haus, die Heimat großer Print-Marken wie "Focus", "Bunte" und "InStyle". Einmal mehr beschrieb er den digitalen Wandel als Dauerzustand: "Der Begriff der digitalen Revoultion ist falsch", so Welte. "Was wir erleben, ist ein evolutionärer Prozess, der nie enden wird."

Als Menetekel hatte Welte in seiner Rede den zum Jahreswechsel erfolgten Untergang der Traditionsmarke Time Inc. beschrieben. Das US-Haus, an dem sich Burda auch mit dem Portfolio seiner Titel ("Focus" analog zu "Time Magazine", "Bunte" zu "People") lange orientierte, ist als Medienmarke verschwunden.

Die "Ikone Time Inc." existiere nicht mehr, so Welte. "Der Name ist verschwunden, das Tafelsilber ist verteilt." Nun könnte die bange Frage im Raum stehen: "Warum sollte uns das Schicksal dieses großen Verlags nicht auch erleiden?", so der Burda-Vorstand rhetorisch zugespitzt. Die Frage muss er natürlich verneinen - mit Selbstbewusstsein. "Hinter dem Niedergang von Time Inc. steht das katastrophale Festhalten am Vermarkten von Werbeplätzen."

"Entweder wir schaffen es, [...] oder wir verschwinden"

Von dieser ausschließlichen Ausrichtung habe sich Burda längst gelöst. "Wir tranformieren unsere Erlösstruktur", sagte Welte und spielte damit auf das viel vielbeschworene, von ihm entscheidend mitgeprägte "Grow"-Programm (als Antwort auf das marktradikale "Grow or Go"-Modell von US-Digitalriesen wie Facebook und Goggle). "Wir Verlage sind aus dem Olymp abgestiegen und in der Dürre des Longtail angelangt", beschrieb Welte die Situation auf dem radikal umgeschichteten Werbemarkt, den die Print-Häuser lange dominierten. "Entweder wir schaffen es, uns von der Volatilät der Werbemärkte zu befreien", so Welte. "Oder wir verschwinden."

Der eigene Transformationsprozess - mit vielen Transaktionserlösen und Markenverlängerungen, die weit über die Print-Welt hinausgehen - kann er als Erfolgsmodell belegen. 2017 betrugen die Beiträge aus den neuen Erlösgeschäften mit 28% bereits einen größeren Anteil als das Burda-Anzeigengeschäft (21%). Trotzdem: "Wir bleiben ein Verlag", betonte Philipp Welte in Wien erneut mit Verve. "Der Beginn unserer Wertschöpfung bleibt der journalistisch wertvolle Inhalt."

Auf die eigenen Stärken zu vertrauen, ist dabei nicht nur für Burda ein Gebot der Stunde. "Die Menschen lieben unsere Produkte", so Welte. "Das gilt nicht nur für Burda, das gilt für unsere gesamte Industrie." Mehr denn je müssten sich Verlage diese Liebe im Tagesgeschäft verdienen - und aufrecht erhalten. "Wir müssen Empathie, die Nähe zu den Menschen aufrecht erhalten."

kress.de-Tipp: Beim European Newspaper Congress 2018 vom 13. bis 15. Mai in Wien tauschen 500 Chefredakteure und Medienmanager ihre besten Konzepte aus, berichten über erfolgreiche Cases und diskutieren über Werte und Verantwortung. Zu den Fotos und VideosDer European Newspaper Congress wird vom Medienfachverlag Johann Oberauer, der Stadt Wien und Norbert Küpper, Zeitungsdesigner in Deutschland, veranstaltet.

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