Paul-Josef Raue über Navid Kermani, Denk-Verbote und eine Langzeit-Reportage

 

Das Internet schien zuerst Leser, dann Journalisten zur eiligen, kurzen Form zu verführen: Viel wissen, wenig genau, noch weniger tief. Wie stets folgte die Gegenbewegung: Die lange Reportage wird von Journalisten wieder geschätzt - und sogar die Langzeit-Reportage wie vorbildlich durch Navid Kermani, der für den "Spiegel" mehrere Wochen durch den Osten Europas reiste, acht lange Reportagen schrieb und danach ein Buch veröffentlichte, um zwei Drittel erweitert: "Entlang den Gräben. Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan." Paul-Josef Raue hat für seine Kolumne das Buch gelesen und mit Kermani gesprochen.

Im Herbst 2015 folgte Navid Kermani der Flüchtlingsroute durch den Balkan, reiste für den "Spiegel" in umgekehrter Richtung von Budapest nach Assos in der Türkei: Acht Seiten füllte seine Reportage, ein - auch für den "Spiegel" - ungewöhnlich langes Stück. Ein Jahr später folgte eine noch längere Reise, von Deutschland in den Iran, und ein noch längeres Lese-Stück: Geplant und angekündigt war eine vierteilige Serie, sie wuchs an zu einer achtteiligen im "Spiegel" mit rund 35.000 Wörtern.

Kermanis Route führt in die "Außenbezirke der westlichen Welt": Polen und Litauen, Weißrussland und Ukraine mit der Krim, Russland mit Tschetschenien, schließlich Armenien, Aserbeidschan, Berg Karabach und schließlich der Iran, dessen Pass Kermani neben dem deutschen besitzt: Iran ist die Heimat seiner Eltern. Das Buch, das der Serie folgt, spricht nicht mehr von den "Außenbezirken", sondern von den Gräben, von einer Reise "entlang den Gräben".

In Ost- und Zentralafrika  ist der "Grabenbruch" keine Grenze, sondern ein massiver Einschnitt in die Erde, ein oft ergreifendes Natur-Spektakel; Kermanis "Gräben" sind Menschenwerk, Folge von Kriegen, Vertreibung, von Verträgen, die Sieger machen, und von ein wenig Frieden. Es ist unser Grabenbruch. Kermanis Reportagen sind keine gewöhnlichen Reiseberichte, nur am Rande spielt die Schönheit oder Tristesse von Städten und Landschaften eine Rolle. Menschen stehen im Zentrum der Reportagen: "Ich möchte die Menschen verstehen", schreibt er und trifft sich mit denen, die am Rande leben, spricht gerne mit jungen Leuten, weil ihn die Zukunft mehr berührt als die Gegenwart, er fragt Philosophen und Priester und nur selten Politiker.

Die Reise ist gut vorbereitet, eine Apparat wie der "Spiegel" ist nützlich und hilfreich, allein könnte ein Journalist solch eine Reise mit all den  Verabredungen kaum planen, zumindest würde sie länger dauern, teuer werden und von mehr Zufällen begleitet. Da setzt auch die Kritik an der Mammut-Reportage an. Claudia Mäder in der "NZZ"  entdeckt in den Gesprächen zwar "erhellende Schlaglichter, kompakte Stimmungsbilder ergeben sich aber selten, und wo Kermani nur Reisender und nicht auch Heimischer ist, bleiben seine Einblicke in die Gegenwart eher flüchtig".

Fast spöttisch nennt Sonja Zekri in der "Süddeutschen Zeitung" die Reiseberichte eine  "Hochgeschwindigkeitsreportage", mit der Kermani "eine völlig neue journalistische Form aus der Taufe gehoben" habe. Ein, zwei, höchstens drei Tage in einer Region oder Stadt - das reiche nicht. Solch eine Reise sei "der schiere Wahnsinn, auf so halsbrecherische Weise durch ein Gebiet von diesen - topografischen, historischen und politischen - Dimensionen zu hasten".

Vom Spott abgesehen ist die Kritik verständlich: Kann einer wirklich bei kurzen Besuchen ein Land und seine Menschen verstehen? Müssen die Beobachtungen nicht an der Oberfläche bleiben? Diese Debatte ist so alt wie der Journalismus, sie zielt auf die Wahrheit im Schreiben: Kann nur der gültig Menschen und Ereignisse beschreiben und einordnen, der lange mit den Menschen lebt und ihren Alltag  versteht? Oder kommt der Journalist einer Wahrheit näher, der von außen schaut, keine Vorurteile mitschleppt und keine Rücksicht nehmen muss? "Man bleibt ein Fremder, wenn man reist", sagt auch Kermani. Ist das nicht auch der Sinn einer Reise? Erst recht einer journalistischen?

Man muss länger bleiben, um besser zu verstehen. Das ist richtig, nur: Wie lange ist länger? Und: Es gibt auch ein zu langes Bleiben. Nähe oder Distanz? Beides hat seine Vor-, beides seine Nachteile. Es kommt auf den Journalisten an und seine Haltung: Hat er Weltkenntnis? Hat er ausreichend Erfahrung, um Sätze und Stimmungen, Positionen und Zufälle einzuordnen? Ist er fair genug, viele Standpunkte, möglichst konträre, aufzunehmen - und nicht gleich in die Denk-Körbchen "gut" und "böse" einzuordnen? Hat er überhaupt Interesse an Menschen? Zeigt er Respekt, auch vor dem anderen?

Kermani kennt zwei große Welt-Kulturen, den Islam und das Christentum, er forschte über die Religionen, ist viel gereist, hat viel geschrieben, ist ein politischer Schreiber, aber kein Ideologe, kein Missionar. Er macht gleich zu Beginn der Reise seine journalistische Haltung klar, seine grundsätzliche, die so einfach und radikal eher selten anzutreffen ist in unseren Redaktionen.

Zum Start möchte er in Schwerin eine AfD-Veranstaltung besuchen. Er, der sich "irgendwie als links versteht", schreibt dem AfD-Abgeordneten, der in der rechten Partei weit rechts steht,  einen langen Brief, nachdem dieser ihm erst eine Zusage, dann eine Absage erteilt hatte; er versucht, ihn umzustimmen und erläutert ihm, wie er als Journalist auf Reisen geht:

"Die Tagespolitik interessiert mich nicht, vielmehr die grundlegenden sozialen und kulturellen Entwicklungen innerhalb einer Gesellschaft, wie sie sich im täglichen Leben abzeichnen. Wie bei allen meinen Reportagen geht es nicht darum, die eine Wahrheit zu verkünden, sondern verschiedene Sichtweisen und Erfahrungen kennenzulernen und nebeneinander stehen zu lassen, auch im Widerspruch. Dabei muss mein Anspruch als Reporter grundsätzlich der sein, dass sich der Dargestellte ungeachtet meines eigenen Urteils auch wiederfindet in der Darstellung - und bis jetzt hat sich in den 20 Jahren, seit ich Reportagen schreibe, keiner meiner Gesprächspartner verunglimpft gefühlt, geschweige denn prozessiert oder Ähnliches."

Er verspricht dem Abgeordneten, er wolle "begreifen, was Sie umtreibt, was Sie bewegt, was Ihre und die Erfahrungen Ihrer Wähler sind". Es folgt ein erstaunlicher Satz, der selten von einem Journalisten zu lesen, noch seltener in einer Talkshow zu hören ist:

"Die ganzen Denk- und Sprech- und Kennenlernverbote gehen mir, salopp gesagt, auch ganz schön auf die Nerven - man muss doch reden, wenn man sich in einer Gesellschaft nicht die Köpfe einschlagen will." Kermani darf teilnehmen, hört zu und versteht, was die Köpfe der Menschen verwirrt, aber das ist eine eigene Geschichte. Er weiß auch, wie einsam er dasteht mit dieser Einstellung unter Journalisten: "Sorry, meine lieben linken Freunde, das schreiben zu müssen", lesen wir, als er den AfD-Politiker respektvoll als "kein bisschen aggressiv" beschreibt.

Kermani lässt den Leser in der Schwebe: Wer hat Recht in Ländern, die nicht nur weit entfernt liegen, sondern auch fremd erscheinen? Er nimmt den Lesern das Urteil nicht ab: Er kann und will es nicht fällen. Die Schwebe hat allerdings etwas Verwirrendes, deutlich in der Passage des Grenzübertritts von Armenien in den Iran:

"So viel für die europäische Einigung spricht, so schwierig die Lebensverhältnisse und politischen Zustände nach Osten und Süden werden, hat es doch auch etwas Schönes, wenn Grenzen noch Grenzen sind und es einen Unterschied macht, ob man diesseits oder jenseits ist, einen wirklichen Unterschied nicht nur der Sprache, sondern der Systeme, Lebensweisen, Kulturen und Erfahrungen, wie es ihn so tiefgreifend innerhalb der Europäischen Union nicht mehr gibt. Nur offen müssen die Grenzen sein, sonst lernt man die Unterschiede gar nicht kennen und also auch nicht sich selbst."

Da wird die Verwirrung zur Verstörung: Hat es wirklich etwas Schönes, wenn Grenzen noch Grenzen sind?  So viele Fragen, so viel Fremdes? Nein, die Reportagen sind aus dem besten Stoff gemacht, über den Journalisten verfügen: Sie erzählen, liefern die Fragen beiläufig, aber eindringlich mit. Nur wer erzählen kann und will, sollte sich an eine Langzeit-Reportage wagen.

Im letzten, dem Isfahan-Kapitel erzählt Kermani vom Mullah: "Jedesmal verblüffend, wenn man die Mullahs einmal ohne Politik erlebt, in ihrem ureigenen Element, als Erzähler, Theaterkünstler." Der Mullah rührt seine Zuhörer, erzählt eine Geschichte vom Tod und der Liebe - und haucht am Ende ein "poch, poch" ins Mikrofon, er ahmt das Pochen des Herzens nach, bis er in die Herzen der Zuhörer dringt. Und alle weinen sie, diese harten Männern. "Das ist die ganz große Erzählkunst", schreibt Navid Kermani.

Porträt Navid Kermani

Kermanis Eltern, sein Vater ist Arzt, zogen 1959 aus Iran nach Deutschland.  1967, also acht Jahren später, wird Navid in Siegen geboren: Ein persischer Vorname, der "Frohe Botschaft" bedeutet. Als Junge fuhr er oft in den  Sommerferien zu den Großeltern in Isfahan. Darüber schreibt er:

"Meine Großeltern waren Großgrundbesitzer und hatten Bedienstete, bei denen das Essen den ganzen Tag in der Küche vor sich hin brutzelte. Dieser Geruch und das Aroma frischer Kräuter füllten den gesamten Innenhof, und wir Kinder haben draußen dem Klappern der Töpfe und der Stimme meiner Großmutter zugehört, die dazwischenrief. Mit meinen Sommerferien in Isfahan verbinde ich ein tiefes Wohlgefühl und Liebe."

Kermani studierte Orientalistik und habilitierte sich mit der Schrift. "Der Schrecken Gottes - Attar, Hiob und die metaphysische Revolte". Heute ist er Schriftsteller und Journalist, lebt in Köln, hat zusammen mit seiner Frau, einer Islamwissenschaftlerin, zwei Töchter, und sitzt als Fan des 1. FC Köln oft im Stadion. 2014 hielt er die Festrede im Bundestag zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes. 2017 war er als Kandidat für den Bundespräsidenten im Gespräch, doch darüber spricht er nicht.

Für Journalisten ist die Reise zur Person Navid Kermani auch nicht einfach. Tobias Haberl hat für das Magazin der "Süddeutsche Zeitung" ein Langzeit-Porträt geschrieben, ein "#meisterstück",  5000 Wörter lang: "Der gute Mensch von Isfahan". Haberl hat Kermani ein Jahr lang begleitet, auch wenn es schwer war, sich mit ihm zu verabreden und ihn zu treffen.

Der Autor

Paul-Josef Raue moderierte im Mai beim Lessing-Festival in Wolfenbüttel eine Lesung mit Navid Kermani. Auf Raues letzte Frage: "Was wäre ihr Wunsch nach Beendigung Ihrer Schriftstellerkarriere?" antwortete Kermani, ohne zu zögern: "Präsident des 1. FC Köln". Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus; sein Buch "Luthers Sprach-Lehre" erschien 2017 im Klartext-Verlag. Der Essay "Transmedialer Wandel und die German Angst" ist gerade erschienen in dem Band "Die neue Öffentlichkeit" (Verlag Springer VS). Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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