Paul Josef Raue über einen außergewöhnlichen Ombudsmann: Domprediger Hempel

 

Wer meint, Ombudsleute seien eher langweilige Journalisten, sollte Joachim Hempel treffen. Einer wie er, gerade weil er anstrengend ist, tut Lesern wie Redakteuren gut. Paul-Josef Raue porträtiert in seiner Kolumne einen Ombudsmann, der aus der Reihe fällt: Joachim Hempel (69) war Domprediger in Braunschweig, zuvor Vikar in Äthiopien, Pfarrer auf dem Dorf und Pressesprecher der Landeskirche. Hempel gehört nicht zur Redaktion, was die Leser offenbar schätzen: Er schaut von außen auf die Journalisten und kritisiert sie, unabhängig und offen.

 

Joachim Hempel ist ein Achtundsechziger. Als junge Pfarrer wie er, auf ihrem langen Marsch durch die Institutionen, die Öffentlichkeit entdeckten, spürten sie reichlich Gegenwind von den Älteren. Die mieden die Medien und wehrten sie mit dem Argument ab: "Was Journalisten auch schreiben, es ist immer verkehrt; die verstehen uns einfach nicht."

Auf die Frage, ob das Verhältnis heute besser sei, bleibt Hempel skeptisch: "Nein, aber es ist nicht mehr so verbreitet. Ich frage die Medien-Verweigerer unter den Pfarrern gerne: Wenn euch die Journalisten schon nicht verstehen, was meint ihr: Wer versteht euch überhaupt noch? Auch bei euren Predigten am Sonntag? Da machen sie  große Augen."

Heute sind die Achtundsechziger Geschichte, lassen sich feiern zum 50-Jahr-Jubiläum. Und Joachim Hempel ist Ombudsrat, in einer Konstruktion, die zu ihm passt: Er bildet den Rat zusammen mit David Mache, dem jungen Vize-Chefredakteur der "Braunschweiger Zeitung", und scheut sich nicht zu schreiben, wenn sein Urteil anders als das eines angestellten Redakteurs ausfallen sollte.   

Joachim Hempel stammt aus einer Drucker-Familie, er hat seine Kindheit zwischen Farbeimern und Papierschnipseln verbracht, er hat schon in der Schule die Öffentlichkeit gesucht - und wie jeder gute Achtundsechziger verachtete er die Medien, aber suchte sie gleichzeitig, weil er wusste: Wer die Welt verändern will, braucht Massen, die er erreichen kann, ob lokal oder national.

Die Verbesserung der Welt war nicht so einfach, wie es sich Theologiestudenten im roten Marburg ausdachten. Wirklichkeit orientierte sich nicht an der Theorie, im wirklichen Leben gab es ein kleines, ausgezehrtes Kind, das Joachim Hempel auf seinem Arm trug, ohne Chance zu überleben. Das war eine existentielle Erfahrung in Äthiopien, wo Hempel als Vikar seine Ausbildung als Pastor absolvierte.

Dort holte sich Hempel das, was Wolf Schneider auch jedem Journalisten rät, dringend rät: Weltkenntnis. Wer nicht weiß, wie es auf dieser Welt aussieht, wer es nicht mit eigenen Augen und einem sterbenden Kind auf dem Arm gesehen hat, der taugt weder für den einen Beruf, den des Pfarrers, noch für den anderen, den des Redakteurs.

Zurück in Deutschland wird Hempel Pfarrer auf dem Dorf, verkehrt mit Herzogin Victoria Luise und mit Gutsarbeitern, die ihr Leben lang Rüben verzogen hatten; er organisiert Ungewöhnliches wie den "Kirchenschlaf", bekommt von Alfred Biolek eine Einladung zur TV-Show "Mensch Meier", tritt dort mit Arnold Schwarzenegger auf und gewinnt einen silbernen Pokal, der im Edeka-Geschäft des Dorfs ausgestellt wird. Auch der Bischof lädt ihn ein, nachdem es der "Kirchenschlaf" bis in die Leserbrief-Spalten der "Braunschweiger Zeitung" geschafft hatte.  "Können sie den Kirchenschlaf nicht Meditations-Stunde nennen, dann sind doch die Leserbriefe überflüssig?", fragt der Bischof. Hempel widerspricht: "Nenne ich es Meditationsstunde, kommen 20 Leute; nenne ich es aber Kirchenschlaf, kommen am Sonntagnachmittag 150 Leute."

Vom Dorf geht es in eine Behörde, denn nichts anderes ist ein Landeskirchenamt: Hempel wird der erste Pressesprecher der Landeskirche. Die Türen zu den Zentralredaktionen ließen sich für ihn nur schwer öffnen; fünf Jahre brauchte er, um in der "Braunschweiger Zeitung" einen Termin für das Gespräch zwischen Chefredakteur und Bischof zu organisieren.

"Da bin in die  Lokalredaktionen gegangen", erinnert sich Hempel. "Die waren in der Regel alle freundlich, weil sie endlich mal etwas anderes hatten als nur Feuerwehr und Gartenverein und Schützenverein."

Schließlich wird Pressesprecher Hempel zum Domprediger gewählt, predigt jeden Abend um Fünf in der Abend- Andacht, zu der Hunderte kommen. 2800 Abend-Predigten werden es bis zu seinem Ruhestand.

Und predigen konnte und kann er, er spricht zu politischen Tages- und Allzeit-Fragen, er mischt sich ein in Debatten seiner Heimatstadt; doch seine Predigten drehen sich immer um drei Themen, die existentiellen: Der Einzelne und das Ganze, Wahrheit und Lüge, Achtung und Respekt.

Er schätzt, was auch alle Journalisten schätzen sollten: Unsere Sprache. Als Domprediger kritisierte er, wie heute als Ombudsmann, alle, die fahrlässig mit der Sprache umgehen, schludrig mit Formulierungen und fahrlässig mit der Rhetorik. Er sieht sich in der Nachfolge Luthers. Auch wenn der vor fünf Jahrhunderten lehrte, so könne man von ihm lernen: "Setz die biblischen Texte in farbige Sprache um! Dazu musst du natürlich selbstbewusst genug sein, um das wirklich auch zu versuchen. Es nützt nichts, nur Luther zu zitieren oder einfach nur nachzureden oder mit Versatzstücken zu arbeiten." Hempel erzählt keine Lehrsätze, keine Theorien, er erzählt Geschichten, die die Menschen bewegen - und die sie behalten.

Ein großes Interview zu seinem Abschied aus dem Dom liest sich in Teilen wie die Vorbereitung auf das Ehrenamt als Ombudsmann. "Journalisten sind Opfer ihres Tempos geworden und Opfer der Vielfalt. Früher gab es diesen klassischen Journalisten, der  eine humanistische Grundausbildung hatte: Den konnten sie ansprechen auf alles, was es in der Gesellschaft gab. Aber diesen Typus  finden sie immer seltener. Das ist kein Vorwurf: Die  Zusammenhänge werden eben immer  komplizierter; ein Journalist lebt nicht mehr allein aus seiner Bildung, die bei den Jüngeren auch immer dünner wird. Er muss eine Sache erst einmal  selbst verstehen, bevor er  sie anderen erklären kann."

Hempel sieht eine Verbindung zwischen einem Domprediger und einem Lokaljournalisten. Beide seien ständig kontrollierbar: "Journalisten müssen jeden Tag schreiben; Domprediger müssen jeden Tag predigen. Die Menschen erleben dein Hoch und dein Niedrig,  du bist öffentlich und veröffentlicht:  Alles, was du machst jeden Tag, ist zu lesen oder zu sehen oder zu hören.  Öffentlicher geht es nicht in einer Stadt, wo wir täglich den Leuten begegnen, über die wir schreiben oder sprechen." Fröhlich sei das jedenfalls nicht, wenn man auf dem Marktplatz den Stadt-Mächtigen über den Weg läuft,  "denen der Domprediger gerade die Leviten gelesen hat oder der Chefredakteur im Kommentar die ungeschminkte Wahrheit geschrieben hat."

Im Sommer wird Hempel als Ombudsmann schon Geschichte sein. Er zieht, als fast Siebzigjähriger, für ein halbes Jahr wieder nach Äthiopien, um die dortige Gemeinde vor dem Zusammenbruch zu retten. Und was bleibt haften in der Rückschau des Ombudsmanns? Zum einen die Auseinandersetzung mit den Bürgern, die "parallele Wirklichkeiten in unserer Gesellschaft".

"Und es bleibt viel Kopfschütteln über Unmengen von Häme, Hass und Shit und über egomanisches Bedeutendsein-Wollen." Zum anderem bleibt der Respekt vor den Redakteuren haften, "die den Dialog mit den Lesern von sich aus wollen (nicht alle...). Welcher Beruf lädt schon zur Totalkritik ein und stellt sich ihr in Foren, Online, auf Leserseiten und persönlichen Beantwortungen und Gesprächen?"

Die Quellen

Neben persönlichen Gesprächen vor allem das Buch "Der Domprediger. Ein Gespräch mit Joachim Hempel über Gott und die Welt, über Luther, Braunschweig und die Menschen", das Paul-Josef Raue, der Autor dieser Kolumne, 2014 geführt hat (Klartext-Verlag, Essen, 174 Seiten, nur antiquarisch erhältlich).
Die Ombudsleute bei deutschen Zeitungen (darunter auch Hempel) waren im August 2016 schon einmal Thema dieser Kolumne: "Sagen Sie es uns ins Gesicht!"

Info: Vereinigung der Medien-Ombudsleute

Am 27. April gründeten Journalisten in Würzburg die erste deutsche Vereinigung der Ombudsleute und wählten Anton Sahlender, Leseranwalt der "Main Post", zum Vorsitzenden: Der Bericht auf Kress-News.

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig (wo er das Modell des Doppel-Ombudsrats konzipierte), Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus; dort taucht der "Ombudsmann" im Kapitel über die Zukunft der Zeitung auf. Raues Buch "Luthers Sprach-Lehre" kam 2017 im Klartext-Verlag heraus. Der Essay "Transmedialer Wandel und die German Angst" ist gerade erschienen in dem Band "Die neue Öffentlichkeit" (Verlag Springer VS). Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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