Bülend Ürük zum Bündnis Madsack/DuMont: "In der Verlagsbranche gibt es überhaupt keine Tabus mehr"

 

Der Konzentrationsprozess in der deutschen Zeitungsbranche greift wesentlich schneller um sich, als bislang erwartet. Das beweist die Entscheidung von DuMont, sich für die überregionale Berichterstattung seiner großen Tageszeitung mit Madsack ins Bett zu legen. Von kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Erst vergangene Woche hat DuMont-Vorstand Christoph Bauer für sein Haus wieder exzellente Zahlen präsentieren können, der Umsatz ist deutlich auf 615 Mio Euro gewachsen, das operative Ergebnis konnte auf 72,3 Mio Euro gesteigert werden.

Bauer machte mir im Gespräch aber klar, dass trotz des positiven Ergebnisses es irgendeine Form von Stillstand im größten Geschäftsfeld der DuMont Mediengruppe, bei den Regionalmedien, nicht geben wird. Dafür zeigen gerade die Zahlen der gedruckten Zeitungen seit Jahren fast branchenweit nur in eine Richtung - nach unten.

Die klare Entscheidung der Kölner für eine gemeinsame Politik- und Wirtschaftsberichterstattung mit Madsack unterstreicht vier Dinge:

1. DuMont will in einer Zeit schwierige Entscheidungen treffen, in der das Unternehmen wirtschaftlich gesund und in einer starken Position ist. Für die Zukunftsfähigkeit des beinahe 400 Jahre alten Unternehmens sind die Gesellschafter bereit, selbst unpopuläre Entscheidungen zu treffen, die für viel Kritik sorgen. Dazu gehört es dann auch, sich von Bereichen zu trennen, die 1.) andere besser zu einem akzeptableren Preis stemmen können und 2.) die schon länger vernachlässigt wurden, die für das Vorankommen des Konzerns als Medienhaus keine bedeutende Rolle mehr einnehmen.

2. Alles ist in der Verlagsbranche heute möglich, es gibt überhaupt keine Tabus mehr. Der einstmals kürzeste Witz der Welt ("Einigen sich zwei Verleger...") ist längst keiner mehr, es geht darum, die Verlage zukunftssicher zu machen für die nächsten Jahre, in denen ganz offensichtlich eine tatsächliche Erholung des Kerngeschäfts nicht mehr erwartet wird.

3. Den Verlegern ist der öffentliche Eindruck egal. Die berechtigten Forderungen der Gewerkschaften waren erwartbar, DuMont wird ihnen auch soweit wie möglich nachkommen. Aber eine Umkehr wird die Kritik nicht herbeiführen. Dafür sind die Verleger heute nicht mehr die Publizisten der vergangenen Jahre, sondern vor allem Familienunternehmer, dem Eigentum und ihrem Betrieb verpflichtet.

4. Die eigene überregionale und damit unabhängige Berichterstattung in Politik und Wirtschaft ist bei Lesern von immer mehr Regionalmedien kein Grund mehr, die Regionalzeitung zu abonnieren. In Zeiten, in denen oftmals reine Internet-Medien wie Spiegel Online von Barbara Hans oder T-Online von Florian Harms Themen setzen, beginnt der Rückzug ins eigene, heimische Kerngebiet. Das Überregionale stand für viele Regionalmedien nie im Mittelpunkt. Auch da gibt es Ausnahmen von der Regel, wie ihn beispielsweise Michael Bröcker von der "Rheinischen Post" im selbstbewussten Düsseldorf vormacht, dessen Berliner Korrespondenten oftmals Themen setzen, die im politischen Berlin für heiße Diskussionen sorge .

DuMonts Entscheidung wird nunmehr zu schnelleren Veränderungen auch an anderen Stellen sorgen. So muss sich die Funke Mediengruppe der Frage stellen, warum ihre Zentralredaktion, von Jörg Quoos angeführt, noch immer keinen einzigen externen Kunden beliefert. Da herrscht riesiger Nachholbedarf.

Mit Madsack/DuMont (Gordon Repinski), Rheinische Post (Eva Quadbeck) und Saarbrücker Zeitung (die Zusammenlegung der beiden Büros in Berlin, die zahlreiche Kunden beliefert, wird jetzt schneller kommen als bislang gedacht) und Funke Mediengruppe (Jörg Quoos) sind es nunmehr nur noch drei Regionalmedien, an denen schlichtweg von ihrer Größe niemand aus Politik und Wirtschaft vorbeikommt, der mit seinen Themen die Menschen im Land erreichen möchte.

Ob die Konzentration gut ist, ist eine leidliche Diskussion, sie kann es gar nicht sein. Sie ist aber ein Prozess, der nicht mehr aufgehalten werden kann. Hören wir doch bitte auf, uns etwas vorzumachen. Schon morgen kann es die nächste Nachricht geben, die im ersten Moment wie eine Hiobsbotschaft, dann aber doch nicht den Tod der Zeitungsbranche bedeutet.

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