Im Paradies der Lokalzeitung: Starke Leser und starkes Design

 

Norwegen zählt zu den Ländern, die fast jedes Jahr einen den Hauptpreise beim "European Newspaper Award" gewinnen; in diesem Jahr war es das "Morgenbladet" aus Oslo mit seiner kleinen 35-köpfigen Redaktion. Was ist das Geheimnis der norwegischen Zeitungen? Paul-Josef Raue sprach in Wien mit drei norwegischen Redakteuren und Norbert Küpper über Magazin-ähnliches Design, über Lesernähe und Geld vom Staat.

Mit einem großen emotionalen Foto, einem Poster ähnlich, begrüßen die Redakteure von "Hallingdólen" jeden Morgen ihre Leserinnen und Leser - schon auf der Titelseite der norwegischen Lokalzeitung. Sie zeigen Menschen aus ihrer Stadt und den umliegenden Dörfern, sie berichten über das, was die Menschen bewegt und worüber sie am Frühstückstisch, in den Cafes und Büros sprechen.  

Bunt und bewegend sind alle Seiten der Zeitung: Starke Bilder, eine klare Ordnung, viel weißer Raum, der das Auge erfreut und die Übersicht erleichtert, wenige Berichte und Kurznachrichten, dafür große Reportagen und vor allem Porträts von den Menschen in der rauen Berglandschaft Norwegens. Wenn es ein Paradies der Zeitungen gibt, so findet man es in Al, der Heimat von "Hallingdólen", und den meisten Regionen in Skandinavien.

Dagegen erscheinen deutsche Zeitungen, als wären sie aus dem Paradies vertrieben. Sie atmen den Geist der Bleizeit, also jener analogen Epoche der beweglichen Lettern, die mit Gutenberg begann und über ein halbes Jahrtausend hielt;  junge Redakteure und Leser kennen sie nur noch aus dem Museum: Eine graue Buchstabenfläche, von eher kleinen Bildern unterbrochen, geprägt durch das Bemühen, keine weiße Fläche stehen zu lassen - denn die Leser könnten argwöhnen, den Redakteuren sei nichts mehr eingefallen.

Einige wenige deutsche Lokalzeitungen wandeln sich schon, zeigen luftige Seiten und größere Bilder, scheuen sich nicht vor emotionalen Geschichten und stellen die Leser in den Mittelpunkt; doch so radikal, wie  Skandinavier Zeitung machen, wagt es noch keine deutsche Redaktion. Die Orientierung am Leser bleibt zu oft eine Forderung, die in Redaktionskonferenzen und auf Kongressen zu hören, aber im Blatt nur rudimentär zu entdecken ist.

Eine reine Lokalzeitung in Deutschland, ohne nationale und internationale Nachrichten? Mit einem großen Foto schon auf der Titelseite eines Tabloids?  "Die Leser würden es lieben", lacht Vidar Håland, Redakteur von "Kvinnheringen", bei einem Gespräch am Rande des größten europäischen Zeitungskongresses, dem ENC in Wien. "Vor allem werden sie es lieben, wenn die Geschichte zu dem Foto stark ist und sie nicht sterben muss hinter einer Wand aus Text: Die Leser wollen sich fesseln lassen, sie wollen mitfühlen, mitdenken."

Deutschland besitzt wahrscheinlich den besten Lokaljournalismus in der Welt, aber ist nicht mehr als Mittelmaß im Design: Redakteure wollen schreiben, schreiben, schreiben und so den Leser für eine Geschichte, für eine Botschaft einnehmen; sie vergessen dabei, den Leser mit einem eindrucksvollen Design einzufangen, mit starken Fotos zu begeistern und mit einer strengen und übersichtlichen Blattstruktur zum Lesen zu verführen statt mit Suchen zu verärgern.

Embrik Luksengard ist Redakteur von "Hallingdólen", einer typischen Lokalzeitung in Norwegen:  Sie erscheint dreimal wöchentlich mit einer Auflage von 9.500 Exemplaren in Ål, einer Stadt mitten in Norwegen, etwa dreihundert Kilometer von  Oslo und Bergen entfernt, den nächsten großen Städten. "Wir sind überzeugt, dass es richtig ist, in die Qualität der gedruckten Zeitung zu investieren", sagt Embrik Luksengard. Im Internet werde die schnelle Nachricht gebracht, die im Zweifel auch die Konkurrenz meldet, in der gedruckten Zeitung die tief recherchierte und gut erzählte Geschichte. "Wir haben einen neuen Weg gefunden, Geschichten in der Lokalzeitung zu erzählen: Sie beginnen stets mit einem starken großen Foto, das schon die gesamte Geschichte erzählt und dem Leser nahelegt: Die musst Du lesen!"

Als  "Hallingdólen" 2016 zur besten Lokalzeitung Europas gekrönt wurde, zeigte sich der Chefredakteur mehr als erstaunt: "Ich verstehe es nicht so recht. Unsere Philosophie ist: Wir schreiben über die Menschen in der Region, sie müssen ein Teil der Zeitung sein. Außerdem räumen wir dem Design einen hohen Stellenwert ein. Gutes Design ist wichtig, denn es macht es den Leuten leichter, die Zeitung zu lesen."

Das ist das Geheimnis: Das gute Design ist neben der Konzentration auf den Leser in der Region das Markenzeichen nahezu aller norwegischen, überhaupt der skandinavischen Lokalzeitungen. Wer ein gutes Design schätzt, muss allerdings seine Redaktions-Organisation ändern: Ein Viertel des Teams ist für das Design verantwortlich; Fotografen und Layouter  ergänzen die Reporter, die nur recherchieren und schreiben, aber nicht selber layouten und produzieren. Diese Struktur macht einen Unterschied aus zu deutschen Lokal-Redaktionen, in denen die Journalisten meist selber layouten und fotografieren.

Was norwegische und deutsche Lokalzeitungen noch unterscheidet: Die reine Lokalzeitung ist in Norwegen die Regel, sie kann auf eine lange Tradition zurückblicken und beschränkt sich auf alles, was für ihre Leser wichtig ist, ihr Leben bestimmt und verändert und zum Gesprächsstoff taugt. Anders als in Deutschland halten viele Leser dazu eine nationale oder regionale Zeitung wie "Bergens Tidende", die  in einer eher dicht besiedelten Landschaft an der Küste erscheint neben fünf, sechs kleinen Lokalzeitungen.

Auch diese Regionalzeitung gestalten die Redakteure wie ein tägliches Magazin. Walter Jensen erzählt von einem Höhepunkt in der Journalismus-Geschichte von "Bergens Tidende": "Als bei einem Lawinen-Abgang eine deutsche Frau verunglückte und die Stadt über nichts anderes sprach, haben wir 18 Seiten darüber veröffentlicht." 18 Seiten im Tabloid entsprechen immerhin rund acht, neun Seiten in einem größeren Format, wie es die deutschen Zeitungen drucken.

Das ist der dritte Unterschied: Alle Lokalzeitungen erscheinen seit den achtziger Jahren im kleinen Tabloid-Format. Schon vorher, so erzählt Walter Jensen, gab es auch im größeren Format große Fotos, sie fallen im Tabloid jedoch stärker ins Auge, wenn sie die gesamte Seite füllen oder als Panorama über zwei Seiten gezogen werden.

In Deutschland hat sich die "Frankfurter Rundschau" schon in ein Tabloid verwandelt; in England stellen seit Januar aus Spargründen der "Guardian" sowie die Sonntagszeitung "The Observer" vom Berliner Format  aufs kleine Format um; der "Guardian" berichtet: 2400 Leser haben sich begeistert gemeldet, und die Zahl der Abonnenten ist seitdem stark gestiegen.

Norwegen ist die Heimat der Lokalzeitung: Jede Region hat ihre eigene Zeitung, die meist nur zwei oder drei Mal in der Woche erscheint mit einer Auflage von ein paar tausend Exemplaren; zudem  gibt es selbst in Regionen mit 20.000 oder 30.000  Einwohnern zwei Zeitungen oder mehr. Der Staat unterstützt die Lokalzeitungen, die nicht marktführend sind, und befreit sie, wie alle Zeitungen, von der Mehrwertsteuer; die Förderung gibt es ohne inhaltliche Kontrolle.

In einem kürzlich veröffentlichtem Weißbuch zur Medienförderung  betont eine Experten-Kommission: "Die Produktionsbeihilfe für Nachrichten- und Zeitungsmedien hat zur Aufrechterhaltung einer differenzierten Presse beigetragen hat." Sie hebt insbesondere den Beitrag  zur Entstehung lokaler Zeitungen hervor, "die für die lokale Vielfalt und die lokale Demokratie von großer Bedeutung sind". Die Kommission, die das Weißbuch herausgibt, "schlägt einen Mindestsatz für lokale Zeitungen mit einer Auflage von 1.000 - 6.000 Exemplaren vor, der auf 750.000 norwegische Kronen (entspricht 80.000 Euro) festgesetzt werden soll. Dies wird die lokalen Zeitungen stimulieren, die für die lokale Demokratie lebenswichtig sind, aber oft vor großen Herausforderungen stehen, wenn es um Innovation und Wandel geht".

Staatliche Finanzhilfen und  die Pflicht für Behörden, Journalisten jegliche Frage zu beantworten sowie die Freiheit der Presse überhaupt  ist der Garant für eine stabile Demokratie in Norwegen: In keinem Land Europas erreichen die Zeitungen so viele Menschen: Auf tausend Einwohner kommen 650 Zeitungs-Exemplare; in Deutschland sind es halb so viele.

Die Lokalblätter sind in dem schwach besiedelten Land das entscheidende Bindeglied, sie halten die Menschen informiert und halten die Gesellschaft zusammen. Die Leser danken es mit ihrem großen Vertrauen; immerhin steht Norwegen auf Platz 1 der Rangliste der Pressefreiheit: In keinem Land der Welt können Journalisten so frei arbeiten.

Info

Schon im Oktober 2016 berichtete Paul-Josef Raue in seiner Journalismus-Kolumne über die norwegische Lokalzeitung  "Kvinnheringen". Norbert Küpper, einer der bekanntesten deutschen Zeitungs-Designer, antwortete darin auf die Frage, ob in Deutschland  Zeitungen wie in Norwegen möglich wären:

"Nein, wenn man von einem Tag zum anderen zu einem stark visuell geprägten Design wechselte, gäbe es viele Probleme mit Lesern... Aber Erneuerung muss sein, sonst bekommen die Jungen überhaupt keine Lust, wenn sie denn Zeitung lesen wollen... Redaktionen und Leser sind gleichermaßen konservativ. Auch Redaktionen zweifeln an Veränderungen.  Es scheint so, als würden Redakteure nie eine andere Zeitung in die Hand nehmen: Man sieht immer nur die eigene Zeitung. Dass man vieles auch anders machen kann, wird oft nur zögernd wahrgenommen."

Während des "European Newspaper Congress" Mitte Mai in Wien verwies Küpper auf ein Beispiel des Wandels: Die "Allgemeine Zeitung" in Mainz hat eigens einen Art-Direktor eingestellt, um der Samstagsausgabe und den 34 Lokalteilen einen Magazin-Charakter zu geben.

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus"  heraus; dort taucht der Lokaljournalismus in einem eigenen Kapitel auf; zur Zeit schreibt Raue zusammen mit WAZ-Chefredakteur Andreas Tyrock an einem Lokaljournalismus-Buch, das im Herbst im Klartext-Verlag erscheinen wird. Der gibt auch Raues Buch "Luthers Sprach-Lehre" heraus. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem Newsletter "kressexpress". Kostenlos abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf

Uwe Walter

03.06.2018
!

Für mich liegt der Erfolg auch an der sozialen, gelebten Gemeinschaft. Es ist ein miteinander sprechen, ein Storysharing, ein Wahrnehmen, Fördern und Pflegen seiner Menschen und deren Region. Jeder Bürger zählt, wie auch jeder Journalist. Alle kommen darin mit ihrer Stimme vor. Sie reden in diesem Medium miteinander auf Augenhöhe. Wer so was in Deutschland machen will, bitte melden. Danke für den Artikel. Danke Kress.


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.