DJV-Vorsitzender Frank Überall widerspricht "Zeit"-Redakteur: "Natürlich dürfen Journalisten gegen die AfD demonstrieren"

 

Für teils heftige Reaktionen hat am Wochenende ein Journalist der "Zeit" in den sozialen Netzwerken gesorgt: Journalisten, die gegen die AfD demonstrieren und am nächsten Tag wieder über die AfD berichten, würden dem Journalismus schaden. DJV-Chef Frank Überall sieht das anders, nimmt im Gespräch mit kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük demonstrierende Journalisten in Schutz.

Martin Machowecz, Redakteur im Leipziger Büro der Wochenzeitung "Die Zeit", kritisiert Journalisten für ihre Teilnahme an Demonstrationen gegen die AfD. So entstehe der problematische Eindruck, Journalisten seien alle geschlossen gegen die Partei. In seinem Tweet schreibt Machowecz, der die Deutsche Journalistenschule in München besucht hat: "Ich sehe recht viele Journalisten in meiner Timeline, die gestern offenbar mehr oder weniger privat an einer Demo namens "AfD wegbassen" teilgenommen haben. Ich finde das problematisch. Kann man denn dann am nächsten Tag wirklich wieder glaubwürdig über die #AfD schreiben?".

kress.de: Herr Prof. Dr. Überall, wann haben Sie das letzte Mal demonstriert?

Prof. Dr. Frank Überall: Ich war in letzter Zeit auf Streikversammlungen im Zusammenhang mit der Tarifauseinandersetzung bei den Zeitungsverlegern. Die letzten politischen Demonstrationen, bei denen in aufgetreten bin, waren beispielsweise eine Mahnwache für Deniz Yücel, eine Aktion zur Kritik am Bundesparteitag der AfD in Köln und eine Demonstration gegen ausufernde Überwachung.

kress.de: Waren Sie dort privat oder dienstlich?

Frank Überall: Dienstlich im Sinne meines Ehrenamts beim Deutschen Journalisten-Verband (DJV). Mit rein privaten Demo-Auftritten bin ich extrem zurück haltend.

kress.de: Haben Sie über die Demonstration danach auch berichtet?

Frank Überall: Nein, nicht im Rahmen einer journalistischen Berichterstattung - nur im Rahmen unserer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit als Gewerkschaft und Berufsverband.

kress.de: Am Wochenende hat sich Martin Machowecz, Leiter des "Zeit"-Büros in Leipzig, zu Wort gemeldet. Er hat kritisiert, dass Journalisten privat auf einer Demonstration gegen die AFD waren. "Kann man denn dann am nächsten Tag wirklich wieder glaubwürdig über die AfD schreiben?", lautete seine Frage auf Twitter. Was meinen Sie?

Frank Überall: Ich spreche dem Kollegen doch auch nicht die Fähigkeit ab, jetzt noch ausgewogen über Journalismus zu berichten, nur weil er sich jetzt kritisch geäußert hat. Eine Twitter-Diskussion ist letztlich doch auch nichts anderes als eine Demonstration. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich finde es gut, dass sich Martin Machowecz öffentlich und demonstrativ zu Wort gemeldet hat. Aber ich teile seine Meinung eben nicht. Das muss eine Demokratie mit Meinungsvielfalt aushalten.

kress.de: Machen sich Journalisten denn nicht mit einer Sache gemein, wenn sie gegen etwas auf die Straße gehen?

Frank Überall: Natürlich, aber auch Journalistinnen und Journalisten sind Staatsbürger. Wir geben unsere demokratischen Grundrechte ja nicht mit der Berufswahl ab. Aber es muss klar getrennt sein: Demonstrieren nur in der Freizeit, berichten und kommentieren im journalistischen Beruf. Wer das nicht trennen kann, verstößt gegen unser Berufsethos.

kress.de: Herr Machowecz sagt, nur bei Kirche und Fußball sei es unproblematisch, wenn Journalisten sich mit der Sache gemein machen. Gelten für Journalisten andere Maßstäbe, wenn sie über Politik berichten?

Frank Überall: So einfach kann man sich das aus meiner Sicht nicht machen. Kirche und Fußball sind doch auch gesellschaftliche Teilsysteme, in denen es durchaus politisch zugeht. Entweder muss man sich jeglicher gesellschaftlich-politischer Betätigung enthalten - oder eben nicht. So lange man nicht selbst zum Akteur wird, empfinde ich das nicht als problematisch. Es geht bei der AfD ja auch nicht um irgendeinen Fall: Die Partei ist tendenziell verfassungs- und medienfeindlich. Deshalb dürfen und müssen gerade Vertreterinnen und Vertreter unseres Berufsstandes sie besonders kritisieren. Dazu zählt in einem solchen, grundsätzlichen Fall auch die Teilnahme an Demonstrationen.

kress.de: Schränken sich Journalisten ein, wenn sie an einem Tag gegen etwas demonstrieren, und am nächsten Tag wieder darüber berichten müssen?

Frank Überall: Ja, wenn Demo-Auftritte von Journalistinnen und Journalisten nicht auf solche Ausnahme-Situationen beschränkt bleiben. Wer dauerhaft aktiv Politik machen will, ist im Journalismus falsch. Aber eine politische Orientierung darf man durchaus haben. Man muss in jedem Einzelfall abwägen, ob man sich öffentlich und demonstrativ engagiert und welche Folgen das für das eigene Arbeitsgebiet haben kann. Ich berichte beispielsweise als DJV-Vorsitzender nicht mehr über Warnstreiks im öffentlichen Dienst, weil ich mich als aktiver Gewerkschafter da selbst für befangen halte - dadurch geht mir einiges an Honorar verloren, denn ich habe früher regelmäßig darüber berichtet. So etwas muss man bewusst entscheiden.

kress.de: Welchen Rat würden Sie Kollegen geben - sollen sie ihr Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit wahrnehmen oder eher darauf verzichten?

Frank Überall: Nicht grundsätzlich darauf verzichten, aber immer aktiv die Frage nach der Angemessenheit und nach einer möglichen Befangenheit zulassen. Lieber einmal zu viel mit Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion darüber sprechen, falls man sich unsicher ist.

Mit Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands, sprach kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

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