Alf Frommer zum "Vogelschiss"-Skandal: "Will, Illner und Plasberg machen sich zu Komplizen der Geschichtsrevisionisten"

04.06.2018
 
 

Wenn der Tod von 57 Millionen Menschen im Zweiten Weltkrieg als "Vogelschiss" bezeichnet wird, wird es an der Zeit, dass auch Anne Will, Maybrit Illner und Frank Plasberg ihren Umgang mit den Antidemokraten der AfD neu definieren. "Oder hat man früher ständig Politiker der Republikaner, DVU oder NPD in Talkshows eingeladen? Nein, hat man nicht und das aus gutem Grund", betont Alf Frommer in einem kress.de-Gastkommentar.

Alexander Gauland und damit die AfD haben es - mal wieder - getan. Die Grenzen von dem was in Deutschland gesagt werden kann, wurden wieder einmal überschritten. Die Aussage, dass "Hitler nur ein Vogelschiss in der über 1000-jährigen Geschichte Deutschlands" sei, reiht sich ein in die "Entsorgung der Integrationsbeauftragten Aydan Özuguz" oder Höckes Bezeichnung des Holocaust-Mahnmals als "Mahnmal der Schande".

Mit Fug und Recht lässt sich sagen - die AfD ist eine antidemokratische Partei, die immer unverhohlener und offener ihre rechtsradikalen Parolen tätigt. Und was passiert? Außer der Empörung im Internet nicht viel. Im Gegenteil: Politiker wie Gauland oder seine AfD Co-Chefin Alice Weidel sind weiterhin gern gesehene Gäste in den Talkshows von ARD und ZDF. Man fragt sich: Warum?

Erst vergangene Woche war Gauland zu Gast bei Anne Will, es ging um die Bremer Asyl-Affäre, die gerade das große Aufreger-Thema der Neurechten und der "Bild"-Zeitung ist. Noch mal zur Einordnung: wir sprechen von mutmaßlich 1200 falschen Asyl-Bescheiden und keiner kann heute sagen, ob der Skandal wirklich einer ist. Aber es wird trotzdem so getan, als ob unsere Gesellschaft daran zerbricht. Auch bei Maybrit Illner wurde darüber geredet.

Selbst wenn kein AfD-Vertreter Gast ist, sind ihre Themen auf der Agenda dieser Sendungen.

Heute Abend macht Frank Plasberg "Flüchtlinge und Kriminalität" zum Thema. Im Erklärungstext heißt es "Können solche Flüchtlinge integriert werden? Wie unsicher wird Deutschland dadurch?" - dass hört sich eher nach dem AfD Parteiprogramm an, als nach einer ausgewogenen Talkshow des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Bewusst oder unbewusst, benutzen Redaktionen Narrative und Erklärungsmuster des rechten Rands. Tendenz: eher steigend.

LESEN SIE AUCH (aus dem Archiv): Kommentar von kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük: Die AfD hat in der Elefantenrunde nichts zu suchen

Das Thema Flüchtlinge und Integration ist überhaupt zu einem Meta-Thema geworden, das im Grunde alles überlagert: Redet man über Frauenrechte, geht es gleich um Islam. Geht es um Judenhass, wird mehr über den importierten muslimischen Antisemitismus gesprochen (den es leider gibt), als über Politiker wie Poggenburg, Höcke und natürlich Gauland. Die sitzen aber im Gegensatz zu Flüchtlingen sogar in Landesparlamenten und im Bundestag.

Mit Macht und Einfluss machen sie den alten deutschen Antisemitismus wieder hoffähig und werden durch das deutsche Fernsehen dabei unterstützt.

Denn wer wie Gauland in einer Talkshow sitzt, wird damit geadelt, dass er anerkannter Teil des öffentlichen Diskurses ist. Damit macht man sich in gewisser Weise zum Komplizen dieser Geschichtsrevisionisten. Denn es dürfte doch jetzt endgültig klar sein, dass die AfD weit außerhalb dieses Diskurses steht.

Oder hat man früher ständig Politiker der Republikaner, DVU oder NPD in Talkshows eingeladen? Nein, hat man nicht und das aus gutem Grund.

Natürlich reden Politiker lieber über Flüchtlinge, als über die viel dringenderen Probleme unseres Landes: Rente, Digitalisierung, Pflegenotstand oder Mieten sind sehr komplizierte Themen, bei denen es keine einfachen Lösungen gibt. Anders bei Asyl-Suchenden, die kann man einfach abschieben und das Problem scheint gelöst. Das passt in 60 oder 75 Minuten Talk-Format und macht Quote. Setzt man dann noch einen AfD-Politiker dazu und lässt den seine menschenverachtenden Parolen verkünden, verbessert das die Quote noch mehr. Und darum dreht sich ja heute alles.

Die Verantwortlichen von ARD und ZDF müssen sich aber fragen lassen, ob sie für die Quote nicht zum Handlanger der Politiker werden, die sie als öffentlich-rechtlichen Rundfunk am Ende abschaffen wollen. Die Hitler zum "Vogelschiss" erklären, den Holocaust relativieren und schließlich "Deutschland über alles" gröhlen. Sowas hat nichts in einer Talkshow zu suchen.

Vergangene Woche sind Zehntausende Menschen in Berlin auf die Straße gegangen und haben gegen 2000 AfD-Sympathisanten demonstriert. Trotzdem verklären Teile der Politik diese Minderheit als das Volk. Die Sorgen und Ängste der Bürger, die nicht AfD gewählt haben - immerhin 87 Prozent - werden dagegen weniger beachtet.

Dabei wäre es doch auch mal Zeit für Optimismus: immer mehr Flüchtlinge finden Jobs und werden integriert. Der Satz von Bundeskanzlerin Merkel "Wir schaffen das" wird anscheinend Wirklichkeit. Trotz aller Unkenrufe.

Vielleicht kann Frank Plasberg mal darüber eine Sendung machen? Klingt verrückt - gerade in den Zeiten der politischen Cholera.

Autor: Alf Frommer

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UPDATE, 4. Juni, 19.04 Uhr: Wie Kurt Sagatz und Joachim Huber im "Tagesspiegel" berichten, will Frank Plasberg zukünftig auf Alexander Gauland als Gast von "hart aber fair" verzichten.

 

Ihre Kommentare
Kopf

Ulricus

04.06.2018
!

es ist eben nicht demokratisch gedacht, wenn man bestimmte Politiker, die einem mißliebig sind, von der Diskussion in den ö-r Medien ausschließn will. Albern ist es, die Medien, die diese mißliebigen Politiker einladen, als "Komplizen von Geschihtsrevisionisten" zu schmähen. Alf Frommer begründet nicht seine Meinung, sondern begnügt sich damit, was ihm nicht paßt zu verunglimpfen. Es fehlt die rationale Erörterung ohne Emotion!


Frank

04.06.2018
!

Der Vergleich der AfD mit NPD und DVU hinkt in einem Punkt: Die AfD ist stärkste Oppositionspartei im Bundestag. Gefällt mir nicht, ist aber so. Wenn ARD & ZDF die AfD mit permanenter Nicht-Beachtung strafen, dann setzen sie sich dem Vorwurf aus, das Spektrum der politischen Meinungen nicht abzubilden. Und da kann man dann tatsächlich schlecht dagegen argumentieren.


H.Georg Eiker

H.Georg Eiker

Eiker - Coaching & Strategische Politikberatung - Medientraining
Inhaber

05.06.2018
!

Sehr geehrter Herr Frommer, nun rüsten Sie 'mal wieder ab! Ihr "Wording" > "Handlanger und Komplizen von Geschichtsrevisionisten und Antidemokraten" < ist sowohl sachlich als auch begrifflich auf dem Polemik-Niveau, das Sie der AfD vorwerfen. Und wenn Sie wirklich wissen wollen, was die Menschen an Sorgen & Ängsten umtreibt, dann schauen Sie doch 'mal bei der MASLOW-PYRAMIDE und für ein UPGRADE Ihres "Geschichtsbewusstseins" bei Prof. A.DEMANDT/Prof.D.ENGELS Analysen nach.
MfG
H. Georg Eiker


Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

05.06.2018
!

Herr Eiker, für Sie naht also der Untergang des Abendlandes à la Oswald Spengler. Mit Bürgerkrieg und allem Pipapo. Könnte man vielleich mal über eine mögliche Zukunft reden, in der nicht DIE Länder untergehen, aus denen die Menschen kommen, die nur bei uns eine Zukunft sehen? Wir brauchen zur Orientierung (E)Utopien, nicht Dystopien, wenn es mit der Menschheit weitergehen soll.


Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

05.06.2018
!

Liebe Redaktion, könnten Sie bitte meinem "vielleich" noch ein t anhängen? Ich finde keinen Korrekturbutton. Danke


H.Georg Eiker

H.Georg Eiker

Eiker - Coaching & Strategische Politikberatung - Medientraining
Inhaber

05.06.2018
!

Sehr geehrter Herr Froitzheim,
wer die Geschichte nicht versteht und nicht aus ihr lernt, kann die Zukunft nicht gestalten...zum vertieften Verständnis trägt der geschichtsmorphologische Ansatz aus meiner Sicht entscheidend bei! Und wie sich Europas Zukunft entwickeln kann, beschreibt Prof. Engels in einigen Szenarien und historischen Analogien. Dazu berücksichtigen Sie noch die demografische Entwicklung u. das Wanderungspotenzial Afrikas und Sie sind in der Realität angekommen.
MfG
H.G. Eiker


S. Rose

05.06.2018
!

"Sowas hat nichts in einer Talkshow zu suchen." ...ohoho!!!...aufgepasst: Dieser Satz klingt auch nach AfD. Denn als Demokrat hat man allein nicht zu bestimmen, was in einer Talkshow zu suchen hat und was nicht. Eine Demokratie kann und muss auch einen "Vogelschiss" aushalten können. Wichtig ist, dass darüber geredet und diskutiert wird. Menschen wie Herr Gauland müssen ins Fernsehen. Ansonsten würden Sie Ihre Parolen - wie schon einmal - im Hinterzimmer eines Gasthauses verbreiten.


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