Sebastian Frevel warnt Journalisten: "NGOs sind auch nur Lobbygruppen"

04.06.2018
 
 

NGOs genießen eine hohe Glaubwürdigkeit. Auch bei Journalisten. In der Berichterstattung kann das zum Problem werden, warnt Sebastian Frevel in einem Gastbeitrag für kress.de.

Kürzlich gab es wieder so einen Fall. Die Verbraucherorganisation Foodwatch stellte eine neue Studie vor, und in den Schlagzeilen war nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen, dass Journalisten mit kritischer Distanz aus Pressematerial berichteten. In dem Report warf die NGO Coca-Cola vor, mitverantwortlich für die Zunahme von Krankheiten wie Fettleibigkeit oder Diabetes zu sein.

Das Manager-Magazin titelte online: "Wie Coca-Cola die Kids und die Jugend ködert". Die Überschrift in der Rhein-Zeitung lautete "Trink dich dick!", und bei Tagesschau.de erschien ein Artikel mit der Überschrift "Süße Gefahr". Er beginnt mit den Worten: "Die Deutschen lieben ihre Coca-Cola. Auch wenn jeder weiß, dass die Zuckerbombe ungesund ist. Süßgetränke fördern Übergewicht, Diabetes und Karies. Eine Zuckersteuer könnte helfen." Das ist auch genau das, was Foodwatch fordert.

Die Journalisten distanzieren sich in ihren Texten von der Aussage der Studie, indem sie Formulierungen wie "laut Foodwatch" verwenden. Aber der Eindruck, der zurückbleibt, ist unmissverständlich: Da ist auf der einen Seite der böse Lebensmittelkonzern, der die Gesundheit seiner Kunden aus Profitgier aufs Spiel setzt. Auf der anderen Seite stehen die guten Aufklärer, und das wird schon in ihrer Bezeichnung deutlich: die Verbraucherschützer.

Dieser Eindruck entsteht nicht nur in der Berichterstattung über Foodwatch, sondern auch, wenn es um andere Nicht-Regierungsorganisationen geht.

Das Problem dabei ist nicht die kritische Berichterstattung über die Wirtschaft und ihre Interessenvertreter, sondern die allzu unkritische über Nicht-Regierungsorganisationen.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich halte NGOs für unverzichtbar.

Sie bilden ein wichtiges Gegengewicht im Spiel der demokratischen Interessen. Sie verhindern, dass Wenige ihre Ziele zum Schaden Vieler durchsetzen. Sie machen öffentlich, was nicht öffentlich werden soll.

Auf den ersten Blick gleicht ihre Aufgabe damit der von Journalisten. Deshalb sind Jobs bei Nicht-Regierungsorganisationen für Journalisten interessant. Viele NGO-Mitarbeiter haben früher selbst in Redaktionen gearbeitet. Sie sind gut vernetzt und wissen, wie man mit Journalisten spricht.

Vielleicht entsteht auch deshalb in der Zusammenarbeit der Eindruck, im Grunde kämpfe man ja für die gleiche Sache. Ein kleiner Unterschied verschwimmt dabei allerdings: Wer für eine Nicht-Regierungsorganisation arbeitet, ist kein Journalist mehr, sondern ein Aktivist.

Diese Unterscheidung ist nicht unwichtig, denn während Journalisten die Aufgabe haben, Transparenz herzustellen und beide Seiten zu Wort kommen zu lassen, zeigen Aktivisten nur das, was ihren eigenen Absichten nutzt, und denen ihrer Organisation.

Wenn Foodwatch eine Lebensmittel-Ampel fordert, ist nicht zu erwarten, dass sie auf ihrer Website darüber aufklären, was für und was gegen eine solche Ampel sprechen würde. Von einem Journalisten würde man das schon erwarten.

Auch Nicht-Regierungsorganisationen sind also Lobbyisten mit Interessen, die sich nicht vollkommen mit dem Gemeinwohl decken. Für eine NGO kann eine öffentlichkeitswirksame Konfrontation ohne nennenswertes Ergebnis gewinnbringender sein als ein vernünftiger Kompromiss im Stillen. Über eine stille Einigung, über eine kleine Verbesserung wird niemand groß berichten. Aber ohne Aufmerksamkeit fließen keine Spenden. Und ohne Spenden können die Organisationen sich nicht finanzieren.

In diesem Dilemma stecken die meisten NGOs. Dass es speziell Foodwatch oft eher um den Effekt geht als um die Sache, ist kein neuer Vorwurf. Im Mai 2013 zitierte die Welt in ihrem Bericht "Nahrungsmittel-Lobby wehrt sich gegen Foodwatch" den Unilever-Manager Harald Melwisch mit den Worten: "Es hat Treffen und Gespräche mit Foodwatch gegeben. An einem konstruktiven Dialog ist die Organisation aber nicht interessiert. Im Vergleich mit anderen Nicht-Regierungsorganisationen ist dieses Verhalten uneffektiv. Inhaltlich erreicht Foodwatch gar nichts."

Dass es auch diese Perspektive gibt, sollten Journalisten bedenken, wenn sie über Nicht-Regierungsorganisationen berichten. Dann ergibt sich unter Umständen ein etwas anderes Bild, und man wird sehen, dass sich Gut und Schlecht oft gar nicht so leicht auseinanderhalten lassen, wie man ursprünglich dachte, weil vieles einfach von der Perspektive abhängt.

Man kann der Meinung sein, dass Coca-Cola gezwungen werden muss, den Zuckergehalt in seinen Getränken zu reduzieren, weil viele Menschen so große Mengen davon zu sich nehmen, dass sie ihre Gesundheit gefährden.

Man kann aber auch die Überzeugung vertreten, dass erwachsene Menschen selbst wissen müssen, wie sie sich gesund ernähren, dabei aber keine Bevormundung brauchen - und für die gesunde Ernährung von Kindern die Eltern verantwortlich sind. Sie müssen den Kindern beibringen, dass zu viel Zucker ungesund ist. Und wer sich gesund ernährt, kann hin und wieder auch ein Glas Cola vertragen.

Auf welche Weise Menschen das sehen, entscheiden sie selbst. Die Aufgabe von Journalisten ist lediglich, sie in die Lage zu versetzen, diese Entscheidung treffen zu können. Dazu müssen sie offenlegen, von wem Informationen stammen und welche Interessen diese Gruppen verfolgen. Und in diesem Fall bedeutet das: Sie müssen Lobbyisten von Nicht-Regierungsorganisationen genauso kritisch behandeln wie Interessenvertreter aus der Wirtschaft.

Autor: Sebastian Frevel

Zum Autor: Sebastian Frevel ist Experte für Corporate und Public Affairs und geschäftsführender Gesellschafter der von Beust & Coll. Beratungsgesellschaft. Er twittert unter FREVEL_Berlin.

Hat Sebastian Frevel recht? Schreiben Sie uns an chefredaktion(at)newsroom.de.

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