Nachrichtenchef Michael Klein: "Journalisten haben auf der Straße nichts zu suchen"

06.06.2018
 
 

AfD-Chef Alexander Gauland hat die Nazi-Verbrechen relativiert. Aber sollte man als Journalist gegen Gaulands Partei auf die Straße gehen? DJV-Vorsitzender Frank Überall sieht darin kein Problem, Michael Klein widerspricht: "Das höchste Gut des Journalisten ist seine Glaubwürdigkeit. Wer - wie kürzlich bei einer Demonstration in Berlin - die 'AfD wegbassen' will, kratzt an ihr." Eine Einordnung von Michael Klein, Nachrichtenchef "Wetzlarer Neue Zeitung".

Was ist das höchste Gut des Journalisten? Es ist nicht seine Fähigkeit zu recherchieren und zu formulieren. Das ist Handwerk - und auch Pressesprecher beherrschen es mehr oder weniger gut. Das Pfund, mit dem der Journalist wuchern kann, ist seine Glaubwürdigkeit. Die muss man sich beim Leser, beim Radiohörer oder Fernsehzuschauer hart erarbeiten. Glaubwürdigkeit erwächst aus Unvoreingenommenheit. Ein Journalist, der als Privatier an einer Demonstration unter dem Motto "AfD wegbassen" teilnimmt, erweckt den Eindruck, dass er diese grundlegende Fähigkeit nicht besetzt. Auch wenn er sie tatsächlich hat.

Und deshalb trifft die Frage des "Zeit"-Redakteurs Martin Machowecz den Kern: Kann man nach der Teilnahme an einer Anti-AfD-Demo wirklich wieder glaubwürdig über die AfD schreiben?

Die AfD ist eine Partei, in der extrem rechte Positionen bis in die Spitze hinein eine Heimat finden. Deren Brisanz zu dokumentieren und zu analysieren ist Pflichtaufgabe politischer Journalisten. Die abermalige - kalkulierte - Verharmlosung der Nazi-Verbrechen durch den Vorsitzenden Alexander Gauland darf man selbstverständlich nicht kommentarlos hinnehmen. Die AfD ist aber auch eine Partei, die im Einzelfall vorhandene Probleme thematisiert. Sie zieht daraus nur meistens den falschen Schluss. Wenn etwa Ausländer kriminell werden, dann agitiert die Partei gegen alle Ausländer, auch die überwältigende Mehrheit der Friedvollen - statt einfach nur ein härteres Vorgehen gegen Kriminelle jedweder Herkunft zu fordern.

Es gibt in der AfD neben rechtsextremen Positionen auch Schnittmengen mit anderen Parteien im Deutschen Bundestag. Dies zu differenzieren, ist Aufgabe von Journalismus.

Es ist nicht Aufgabe von Journalismus, komplexe Zusammenhänge zu simplifizieren - so wie es die AfD häufig tut. Differenzierung ist selten das Mittel der Wahl in der Politik - für den Journalismus ist Differenzierung dagegen essenziell. Wer die AfD "wegbassen" will, lässt die Fähigkeit zur Unterscheidung vermissen. Und er ignoriert, dass sich nach allen bekannten Analysen hinter dieser Partei nicht nur Rechtsextremisten sammeln, sondern auch viele Unzufriedene.

Wohin solche Ignoranz führen kann, erleben wir gerade in Italien. Dort gehen Rechts- und Linkspopulisten eine für das Land und ganz Europa unheilvolle Regierungsallianz ein. Wer die AfD "wegbassen" will, dokumentiert, dass er 12 bis 15 Prozent der Bevölkerung für Deppen hält. Ganz sicher erreicht der demonstrierende Journalist damit nicht, dass die AfD verschwindet - im Gegenteil: Er macht sie nur größer.

Der DJV-Vorsitzende Frank Überall irrt, wenn er sagt: "Eine Twitter-Diskussion ist letztlich doch auch nichts anderes als eine Demonstration." Einen Tweet schreibt man selbst. Hier kann man - und man sollte - differenziert argumentieren. Hier kann man deutlich machen, dass man als Journalist offen und unvoreingenommen ist und stets dem Gemeinwohl verpflichtet. Hier kann man zeigen, dass man ohne Ansehen von Personen Positionen bewertet - und dass man dafür stets denselben Maßstab anlegt. Und der Maßstab, den man an die AfD legt, darf kein anderer sein als der, den man an andere Parteien legt.

Eine Twitter-Debatte, wenn man sie unvoreingenommen führt, ist Diskurs im allerbesten Sinn und wahrt die Chance des gleichen Maßstabs. Wenn man sich dagegen dem Motto "AfD wegbassen" anschließt, geht das nicht so einfach. Als Demonstrant oder gar als Aktivist darf man nach Herzenslust undifferenziert sein und sich nur seiner eigenen Sache verpflichtet fühlen. Man darf jedes gute Gegenargument getrost ausblenden und nach Herzenslust Partikularinteressen dienen.

Natürlich ist ein Journalist auch Privatbürger - mit allen demokratischen Rechten. Und deshalb darf er auch auf die Straße gehen. Nur muss er sich der Folgen gewahr sein, die das zwangsläufig für ihn hat: Er hat es danach schwerer, in der - notwendigen - differenzierten Berichterstattung über die AfD als unbefangen wahrgenommen zu werden. Frank Überall hat recht mit der Feststellung, dass die AfD tendenziell verfassungs- und medienfeindlich ist und dass wir Journalisten das besonders thematisieren und bewerten müssen. Das aber ist etwas völlig anderes als eine Partei, die nach demokratischen Wahlen die größte Oppositionsfraktion im Bundestag stellt, "wegzubassen".

Wenn man als Journalist dazu beitragen will, dass der Rechtsextremismus in Deutschland nicht größer wird, dann sind Ausgrenzung und das Kultivieren von Feindbildern der falsche Weg. Besinnen wir uns auf das, was unser höchstes Gut ist: Bleiben wir glaubwürdig.

Autor: Michael Klein

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Ihre Kommentare
Kopf

Tom Röhricht

06.06.2018
!

Werter Kollege,
die Wortwahl der Headline ist sehr unglücklich. Journalisten haben ausschließlich auf der Straße was zu suchen. Sonst wissen sie nicht, worüber sie schreiben. Dass sie nicht demonstrieren sollten - wogegen auch immer - versteht sich von selbst.

Beste Grüße vom Ex-Nachrichtenchef der BILD am Sonntag


Michael Klein

Michael Klein

Medien- und Serviceunternehmen VRM
Senior Editor

20.06.2018
!

Lieber Kollege Röhricht,
die Formulierung ist nicht von mir. Aber ich war und bin mit ihr einverstanden, weil sie meine Position gut zuspitzt. Wobei ich aber auch schreibe, dass es auf das Thema der Demo und den jeweiligen Arbeitsbereich des Journalisten ankommt. Dass man das in diesem Kontext so deuten kann, dass Journalisten nicht mehr draußen recherchieren sollen, halte ich für ausgeschlossen. Und dass jemand nur die Überschrift liest, natürlich auch. Denn sonst würde "Bild" ja nie zuspitzen.


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