Job-Kolumne: Gescheitert nach der Beförderung

 

Neuer Job, aber nach einiger Zeit zeigt sich, dass die Herausforderung zu groß war. Es ist schmerzhaft, nach einer Beförderung zu scheitern, aber gar nicht so selten. Mediencoach Attila Albert über Möglichkeiten, aus der persönlichen Niederlage eine wertvolle Lernerfahrung zu machen.

Die Redakteurin war selbst überrascht, dass sie es innerhalb nur von zwei Jahren nach ihrem Volontariat zur Ressortleiterin befördert worden war. Ein Jahr später hatte ihr Team mehrheitlich gekündigt, die Chefredaktion lehnte die weitere Zusammenarbeit mit ihr ab, und sie selbst ließ sie sich wegen Erschöpfung krankschreiben. Wenig später verließ sie das Unternehmen ganz, um als freie Autorin zu arbeiten. Im Rückblick meinte sie: "Ich hätte das Angebot nie annehmen soll, damals war ich aber stolz und dankbar für die Chance."

Das Scheitern nach einer Beförderung kommt häufiger vor, als man denkt, auch wenn die Medienhäuser selbst oft diskrete Erklärungen nach außen gebe. Der neue Digitalchef, der erst vor einem Jahr eingestellt worden war, wolle sich "neu orientieren". Der Chefredakteur, eben noch als große Hoffnung gepriesen, habe entdeckt, dass er "seine Familie mehr in den Mittelpunkt stellen" wolle. In den Unternehmen selbst spricht sich natürlich herum, woran es lag, und das ist vielfach: Da hat jemand den Job, den er so gern wollte, nicht geschafft.

Für den Arbeitgeber ist solch ein Fall meist recht zügig abgewickelt, üblicherweise mit sofortiger Freistellung, um das Team möglichst schnell auf den Nachfolger zu orientieren. Für den Medienprofi, der eben noch in der Redaktion etwas darstellte und nun werktags zu Hause sitzt, ist das schon etwas schwieriger. Da sind zum einen praktische Fragen: Wie geht es weiter nach der Kündigungsfrist bzw. vereinbarten Gehaltsfortzahlung? Vor allem aber und wichtiger: Wie geht es ganz persönlich nach solch einer Niederlage weiter?

Nach einiger Zeit reflektieren, woran es wirklich lag

Es ist ganz normal, in den ersten Wochen und Monaten von widersprüchlichen Gefühlen überwältigt zu werden. Wut, Trauer, Ärger. Nicht selten ist der Mitarbeiter auch ein wenig froh, dass es zu Ende ist, denn dass es nicht gut lief, ist auch ihm nicht entgangen. Da ist aber häufig auch der Verdacht, ungerecht behandelt worden zu sein - hätte man nicht mehr Zeit zugestanden bekommen müssen, lag es nicht auch am Neid der Kollegen? Mit fortschreitender Zeit und den ersten Bewerbungsabsagen kommen Ängste dazu: Was, wenn ich nichts Ähnliches mehr finde und meine Lücke im Lebenslauf immer größer wird?

In der angesprochenen Zeitspanne ist es völlig in Ordnung, sich diesen Gefühlen und Grübeleien hinzugeben. Man sollte nicht vergessen, auch ein wenig stolz auf sich zu sein. Scheitern schmälert nicht die vorherigen Erfolge, sondern zeigt nur, dass es diesmal nicht genug war. Viele gehen auf Reisen, manche schließen sich in ihrer Wohnung ein. Irgendwann aber sollte eine ernsthafte Reflektion einsetzen: Woran lag es wirklich? In den weit überwiegenden Fällen tatsächlich daran, dass der Job zu viel war - diese Ehrlichkeit sollte man sich zugestehen und nicht der Versuchung nachgeben, nur anderen die Schuld zu geben. Beispiel: "Da bin ich einigen zu schnell zu erfolgreich gewesen!"

Typische Gründe für Scheitern im neuen Job sind mangelnde Erfahrung und die Unfähigkeit, von operativen Arbeiten (z. B. Recherchieren, Schreiben) zu strategischen Tätigkeiten (z. B. Konzepte, Personal und Budget) umzuschalten. Ein Problem ist es häufig auch, angesichts einer gewaltigen Arbeitsbelastung die Nerven zu behalten, Prioritäten zu setzen und langsam vom Getriebenen eben zur Führungskraft zu werden. Kaum einem gelingt das vom ersten Tag an, aber nach drei bis sechs Monaten sollte die Tendenz sichtbar sein.

Aus einem Scheitern folgt nicht zwingend, dass jemand "überfordert" war. Nicht selten war die Position die falsche, passte also nicht zum persönlichen oder fachlichen Profil, oder sie kam zu früh. So ergibt sich aus der Überlegung, was man hätte anders machen können, oft: Man muss sich gar nichts vorwerfen, man hat es versucht und sein Bestes gegeben. Eine Erkenntnis kann sein, dass man eigentlich sowieso etwas anderes lieber und besser macht. Beispiel: Wer am liebsten unterwegs ist, recherchiert und schreibt, wird eventuell als Chefreporter glücklicher als als Chefredakteur.

Das klingt alles naheliegend, ist aber für viele ein schmerzhafter Prozess mit nicht immer ganz angenehmen Einsichten, etwa zum Selbstbild, den eigenen Fähigkeiten und wie sie von anderen beurteilt werden. Ich habe Medienprofis getroffen, die nach zehn Jahren noch verbittert meinten, dahinter stecke nur die Unfähigkeit ihrer damaligen Vorgesetzten oder ähnliches. Man kann sich natürlich mit derartigen Vorstellungen trösten, vergibt damit aber für sich selbst die Chance, nach relativ kurzer Zeit und motiviert etwas Neues anzufangen.

Oft ist es nicht ideal, nach dem Scheitern in einer Führungsposition in den vorherigen Job zurück zu gehen. Das mag praktisch sein, man kennt die Aufgaben und Kollegen und muss sich nichts Neues suchen. Aber oft setzt sich eine stille Enttäuschung fest: Das Gefühl, wieder zurück auf "Los" zurückgeschickt worden zu sein, und es gab ja einmal Gründe, die alte Position zu verlassen. Ein echter Wechsel, in eine andere Abteilung, in ein anderes Unternehmen oder die Selbstständigkeit schließt das Kapitel hingegen wirklich und hinterlässt das langfristig positive Gefühl einer wichtigen Lernerfahrung.

Für erfolgreiche neue Bewerbungen ist ein Scheitern im neuen Job übrigens meist kein Hinderungsgrund, wenn es nicht mehrmals hintereinander in kurzen Abständen vorkommt. Die Unternehmen schreiben im Normalfall sowieso ein günstiges Zeugnis, und für einen Wechsel gibt es viele glaubhafte Erklärungen: Das Pendeln war auf Dauer zu zeitaufwendig, es gab strategische Änderungen, die man nicht mittragen wollte - oder, ganz offen, es hat nicht gepasst. Hier ist es durchaus ehrenhaft und spricht für Kampfgeist, trotzdem noch einige Zeit dabei geblieben zu sein und es wenigstens versucht zu haben.

Zum Autor: Attila Albert (45) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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