"Stimme"-Chefredakteur Uwe Ralf Heer: "Manche Kollegen haben vorgeschlagen, ihr Ressort abzuschaffen"

11.06.2018
 

Seit November 2016 hat die "Heilbronner Stimme" die Zahl der Ressorts und Ausgaben eingedampft, die Abläufe neu organisiert und das Blatt sowie den Digitalauftritt erneuert. Chefredakteur Uwe Ralf Heer sagt im "kress pro"-Interview, wie er seine Mitarbeiter beim Wandel mitgenommen hat.

"kress pro": Zu Beginn des Projekts haben Sie vier Arbeitsgruppen gegründet, die sich mit der Ausgaben- und der Ressortstruktur, der Weiterentwicklung Ihrer digitalen Produkte und der journalistischen Qualität beschäftigt haben. Worauf haben Sie bei der Bildung dieser Projektgruppen Wert gelegt?

Uwe Ralf Heer: Wir sind strikt nach dem Bottom-up-Prinzip vorgegangen. Die Projektgruppen hatten zwischen vier und sechs Mitglieder. Das waren Redakteure aus verschiedenen Ressorts, darunter nur wenige Ressortleiter, und Vertreter anderer Abteilungen des Hauses. Die Gruppen haben sich in der Regel an einem Tag pro Woche zusammengesetzt, Vorschläge erarbeitet und die Zwischenergebnisse einer Steuerungsgruppe vorgestellt, die aus dem Verleger, dem Geschäftsführer, dem Chefredakteur, unserer Projektorganisatorin sowie den Beratern bestand. Sie hat entschieden, ob die Richtung stimmt, was zu weit oder auch nicht weit genug geht. Die Veränderungen kamen aus der Redaktion heraus, was auch zu ihrer hohen Akzeptanz in der Redaktion beigetragen hat.

"kress pro": Nach welchen Kriterien haben Sie die Mitglieder der Gruppen bestimmt?

Heer: Es waren Leute darunter, die durch pfiffige Ideen aufgefallen sind, und einige, die ich perspektivisch für Führungsfunktionen im Blick habe. Ich habe aber auch die Querdenker in der Redaktion berücksichtigt.

"kress pro": Sie betonen die Offenheit des Prozesses. Ein paar Vorgaben gab es für die Gruppen aber schon, oder?

Heer: Ein paar Dinge waren unverhandelbar, zum Beispiel ein Wochenendmagazin am Samstag oder die tägliche Themenseite im Lokalen.

"kress pro": Welche Ideen und Initiativen haben Sie überrascht?

Heer: Jede Menge. Unser Montagsinterview mit besonderen Menschen aus der Region ist aus der Arbeit der Projektgruppen heraus entstanden. Manche Kollegen haben selbst vorgeschlagen, ihr Ressort abzuschaffen, weil das für sie im Sinne einer zukunftsweisenden Redaktionsstruktur war. Ich fand das bemerkenswert, weil ich befürchtet hatte, dass sich einige an alten Strukturen festklammern würden. Manche Vorschläge waren aber zu extrem, zum Beispiel der, Ressortleiter ganz abzuschaffen. Wir haben zwar aus vier Lokalredaktionen eine gemacht, aber eine Struktur mit einem Ressortleiter und Stellvertretern, die die Leute mitnehmen und als Ideenscout arbeiten, bleibt erforderlich.

"kress pro": Zu den Vorgaben, die Sie gemacht haben, gehört die Trennung der Redaktion in Editoren und Reporter, die bei Ihnen Autoren heißen. Wie arbeiten Sie jetzt?

Heer: Vor dem Projekt "Stimme Future 2021" hatten wir eine Mischform. Ein Lokalredakteur hat auch Texte freier Mitarbeiter redigiert und sie beauftragt, zu Terminen zu gehen. Jetzt produziert ein gutes Dutzend Editoren die Seiten und redigiert sie. Die Autoren sind von all dem entlastet und konzentrieren sich aufs Schreiben. Wir haben einen einheitlichen Produktions-Desk für die regionalen und überregionalen Seiten, an dem wir nach einem neuen Schichtmodell arbeiten. Morgens entstehen dort die Themenseiten und die nicht aktuellen Seiten, später alle aktuellen Mantelseiten und die lokalen Seiten. In einem anderen Gebäudeflügel der Redaktion sitzen die Autoren, die nur Content für Print und Digital liefern. Von der Trennung in Editoren und Autoren ist nur der Sport ausgenommen, weil er am Wochenende in kurzer Zeit viele aktuelle Seiten produzieren muss.

"kress pro": Was versprechen Sie sich von der Zweiteilung?

Heer: Ich meine, dass Synergien in Redaktionen ein Riesenthema sind. Es gibt ganz viele Doppelstrukturen, die nicht mehr zeitgemäß sind. Bei uns haben schon die ersten Wochen gezeigt, dass wir durch die Trennung in Editoren und Autoren einen deutlichen Zuwachs an eigenen Geschichten haben.

kress.de-Tipp: Das Interview ist ein Auszug aus einem Gespräch, das "kress pro"-Autor Henning Kornfeld mit Uwe Ralf Heer geführt hat. Darin geht der Chefredakteur der "Heilbronner Stimme" näher auf die Trennung von Editoren und Autoren ein, spricht über Themen-Teams sowie den Wegfall von Führungsfunktionen. Heer sagt auch, warum es bei der Online-Berichterstattung klare Pläne braucht und man mit Freiwilligkeit nicht weiter kommt. Die aktuelle "kress pro"-Ausgabe (mit diesen Inhalten) kann in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt gekauft werden - und ist auch im iKiosk erhältlich. Per E-Mail kann sie unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden. "kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. Zum "kress pro"-Abo.

Zur Person: Uwe Ralf Heer ist seit zwölf Jahren Chefredakteur der "Heilbronner Stimme" und verantwortlich für alle ihre Medienangebote (Print, Online, Web-TV). Der 53-Jährige ist in Roigheim bei Heilbronn aufgewachsen und hat nach dem Abitur und einer kaufmännischen Ausbildung Germanistik, Geschichtswissenschaft und Politikwissenschaften studiert. 1991 kam er als Volontär zur "Heilbronner Stimme", wurde dann Redakteur und stellvertretender Ressortleiter im Sport-Ressort der Zeitung. Im Jahr 2000 wechselte er als Sportchef zum "Wiesbadener Kurier", kehrte aber schon 2001 nach Heilbronn zurück, wo er als Redaktionsleiter die neue Lokalausgabe "Kraichgau Stimme" übernahm. Heer wurde 2004 stellvertretender Chefredakteur und 2006 Chefredakteur der "Heilbronner Stimme". Mit interessanten Menschen aus der Region führt er regelmäßig "Extrem-Interviews" bei einer Achterbahnfahrt im Freizeitpark Tripsdrill.

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