Der Konjunktiv: Wie Journalisten ihn richtig nutzen - und meiden können

 

Froben Homburger, der Nachrichtenchef der "dpa", liest im Urlaub einen spannenden Krimi, ärgert sich und twittert: "Auf den ersten 50 Seiten schon zwei Handvoll Konjunktiv-II-statt-I-Verwechslungen. Ich kann so nicht lesen." Der falsche Konjunktiv, vom Übersetzer geschrieben und Lektor übersehen, ist auch ein Trauma vieler Journalisten. Paul-Josef Raue gibt in der 100. Folge seiner Kolumne Tipps, wie wir ihn richtig nutzen und wie wir ihn so oft wie möglich meiden können.

Bastian Sick gibt nicht nur dem Genitiv eine Überlebenschance, sondern auch dem Konjunktiv. In einer Kolumne hilft er Lehrern, wie sie Schülern den Konjunktiv kurzweilig erklären können. Er erfindet die Geschichte von Vater und Sohn, die in den Sprachzoo gehen und sich den Konjunktiv anschauen, der so traurig dreinschaut.

"Eine hübsche Geschichte", sagt danach sein Freund Henry, "aber mich stört das Happy End. Tatsache ist doch: Der Konjunktiv ist vom Aussterben bedroht. Er liegt quasi in den letzten Zügen. Wenn du beschrieben hättest, wie Vater und Sohn vor einem leeren Käfig stehen, weil der Konjunktiv vorige Woche gestorben ist, dann wäre die Geschichte glaubwürdiger."

Bastian Sick stimmt ihm zu: "Der Konjunktiv macht keine großen Sprünge mehr." Wäre es also nicht besser, ihn wirklich sterben zu lassen? Nein, schreibt auch Wolf Schneider, der sein Sprachwitz-Buch nennt: "Gewönne doch der Konjunktiv!"; gleich im ersten Kapitel beginnt er mit der Alltags-Floskel, die jedermanns beliebtester Konjunktiv ist:  "Was wäre, wenn...?"

Da ist der erste Ratschlag angebracht: Wie vermeide ich den Konjunktiv? Die meisten zitierten Schneider in indirekter Rede, also im Zitier-Konjunktiv, um klar zu machen: Ich bin der Autor, der einen anderen gnädig zu Wort kommen lässt. Doch nichts ist schöner und genauer als ein treffendes Zitat, selbst wenn es über vier Sätze läuft und eh schon den Konjunktiv nutzt, also Schneider Wort für Wort:

"'Was wäre, wenn...?' Irgendwann muss diese Frage zum ersten Mal erklungen sein, und mit ihr hatte die Sprache einen Durchbruch von unerhörter Kühnheit vollzogen: Wer so fragte, der wollte nicht mehr beschreiben, was ist, sondern dreist darüber spekulieren, was sein könnte oder sollte. Die Welt wollte er in Frage stellen, die Utopie gegen sie ausspielen, sie mit Zweifeln zersetzen oder mit Forderungen überziehen. Eine verwegenere Tat haben wir mit sprachlichen Mitteln nie vollbracht."

Es wäre ein Frevel, diese Sätze in den Konjunktiv des Zitierens zu jagen. Aber kaum eine Redaktion wagte es, selbst Wolf Schneider empfiehlt: In einem Absatz zwei Sätze in indirekter und einer in der direkten Rede. Man versuche mal, dies mit dem Schneider-Zitat auszuprobieren!

Noch verwirrender wird die indirekte Rede mit "Gänsefüßchen", also mit  Zitat-Einschub wie in diesem Beispiel: "Merkel sprach am Wahlabend, es sei Anspruch der CDU, die 'große Volkspartei der Mitte' zu bleiben." Warum bringt der Redakteur nicht im Wortlaut das Zitat, zumal Merkel nicht für lange Sätze berühmt oder berüchtigt ist.

Der Wechsel von indirekter und direkter Rede über mehrere Absätze ist schöner als der ständige Gebrauch des Zitier-Konjunktivs, aber schön ist er nicht - zumal die indirekte Rede eine Distanz des Redakteurs zu dem Gesagten nahelegt: Ich muss es zwar zitieren, aber meine Meinung ist es nicht.

So haben die Zensoren in der DDR den Zitier-Konjunktiv verboten, wenn Journalisten über Erich Honeckers Reden schrieben: Statt "Honecker sagte, die DDR sei..." mussten die Journalisten den Indikativ nutzen: "Honecker sagte, die DDR ist..." Wenn statt Honecker Helmut Kohl zitiert wurde, war der Konjunktiv zwingend vorgeschrieben. Die Begründung der staatlichen Zensur zeigt, dass die Politiker weder den Konjunktiv verstanden hatten, noch ihren Bürgern vertraut: Honecker sage immer die Wahrheit - im Gegensatz zu Kohl.

Wer also die indirekte Rede vermeiden will, der hat gute Gründe: Sie hat den Makel - bisweilen aber auch den Vorteil - der Distanzierung; die Leser mögen sie nicht, weil sie auch den Konjunktiv selten im Alltag gebrauchen; sie wirkt bisweilen altbacken. Was tun?

1. So oft wie möglich wörtlich zitieren: Wem der Chefredakteur in die Quere kommt oder ein pingeliger Kollege, der auf bewährte Regeln verweist, der bringe längere Zitate am Schluss des Artikels in einer Infobox oder in einer Randspalte als "Wortlaut".

2.  Formeln nutzen wie "Nach Merkels Worten ist die CDU..."oder "Wie Merkel sagte, ist..." oder "Laut Merkel ist die CDU..." "Nach-wie-laut" fordert den Indikativ.

3. Einen Vorspruch formulieren, der klar macht, wer einen Absatz lang spricht: "Nach Merkels Worten sieht die Strategie der CDU so aus...", es folgt der Indikativ einen Absatz, vielleicht sogar zwei kurze Absätze lang.

Der Konjunktiv der indirekten Rede ist nicht immer zu vermeiden, er kann durchaus reizvoll sein, vor allem wenn die Rede weitschweifig ist und Zitate schwierig zu verstehen sind, wenn Fremdwörter und Verschachtelungen den Leser irritieren. Die häufigsten Fehler benennt "dpa"-Nachrichtenchef Homburger in seinem Tweet: was ihn bei der Krimi-Lektüre ärgerte, zählt zu den Standard-Fehlern in journalistischen Texten:

"In der Regel geht es um wäre/sei, hätte/habe, käme/komme", antwortet der Nachrichtenchef dem Twitter-Kommentator "@Wortwart". "Wäre" ist der Konjunktiv der Unmöglichkeit, der Irrealis, er ist in der indirekten Rede immer falsch ebenso wie "hätte" (richtig: habe) und "käme" (richtig: komme)  und "ginge" (richtig: gehe).

Es gibt noch einige Fettnäpfchen, in die stapfen kann, wer den Konjunktiv nutzt oder auch nicht, vor allem beim Irrealis und seinen oft nicht eindeutigen Formen. Wer's wissen und lernen will, schaue nach in Wolf Schneiders "Deutsch für Profis"; dort sind im Anhang von Kapitel 30 auf einer Seite die grammatischen Formen aufgelistet, leicht zu lesen und zu verstehen (im Gegensatz zur Duden-Grammatik).

Ein Lese-Tipp für die Sprachgenießer unter uns Journalisten, die nicht nur Krimis lesen  und Lust haben auf mehr "Konjunktiv": Der Schriftsteller Uwe Timm hielt vor Lehrern eine Rede, lobte die deutsche Sprache und die Zartheit des Konjunktivs am Beispiel von Kleists "Anekdote aus dem letzten preußischen Krieg". Es scheint, als habe Kleist in seinem Text "sei" mit "wäre" verwechselt und "habe" mit "hätte". Doch Timm beschreibt den Kleistschen Kunstgriff:

"Durch die Verschiebung vom Potentialis in den Irrealis deutet er an, dass der Erzähler selbst Zweifel an der Geschichte des Wirts hat." Ob Journalisten sich den Kunstgriff auch zu eigen machen sollten, wenn sie Zweifel habe oder anderer Meinung sind?

Kleist war übrigens auch Journalist, gab ein halbes Jahr lang die "Berliner Abendblätter" heraus, schrieb Polizeimeldungen und allerlei, was den Mächtigen nicht gefiel - und kritisierte die journalistische  "Kunst, das Volk glauben zu machen, was die Regierung für gut findet".

WORTLAUT: Auszüge aus dem "dpa-kompass":

1. Berichte gewinnen durch direkte Rede an Authentizität. Es ist unmöglich, über eine wichtige Ansprache nur in indirekter Rede zu berichten.

2. Indirekte Rede steht im Konjunktiv. Häufig werden jedoch Konjunktiv und Konditional verwechselt.

3. Faustregel: Bei "würde", "hätte" oder "wäre" ist stets besonderes Nachdenken geboten - ein Fehler droht:

Nicht: Er sagte, er würde am Montag mit Müller sprechen. Sondern: Er sagte, er werde am Montag... Und: Sie sagten, sie würden am Montag... Aber: Er würde am Montag mit Müller sprechen, wenn der nach Berlin käme.

Nicht: Sie hätte ihm das Geld gegeben, versicherte die Frau. Sondern: Sie habe ihm das Geld gegeben, versicherte die Frau. Aber: Sie hätte ihm das Geld gegeben, wenn er sie nur gefragt hätte, sagte sie.

4. Bei richtiger Verwendung von Konjunktiv und indirekter Rede kann man oft auf das unschöne "dass" verzichten: "Er sagte, er werde am Montag mit Müller sprechen" statt "Er sagte, dass er am Montag mit Müller sprechen werde".

5. Wird die Quelle direkt im Hauptsatz eingebaut, bleibt alles beim - schöneren und direkteren - Indikativ: Nach Angaben des Gärtners sind die Bäume grün. / Laut Gartenverband blühen bereits die Kirschen. / Nach den Worten des Gärtners sind das Zeichen für den Frühling. /Die Ernte hat nach einer Mitteilung des Verbandes noch nicht begonnen.

Nachsatz

Mit Sprachkennern wie Froben Homburger zu mailen, ist stets ein Gewinn. Das sind einige Fehler, die er in meiner ursprünglichen Fassung gefunden hat:

  1. Überlebens-Chance - richtig: Genitiv-s ersetzt den Bindestrich, daher: Überlebenschance.

  2. Komma oder kein Komma? "Die Begründung der staatlichen Zensur zeigt, dass die Politiker weder den Konjunktiv verstanden hatten, noch ihren Bürgern vertraut..." Homburger entscheidet, einig mit dem Duden: Kein Komma vor dem "noch".
    Ich halte es trotzdem für lesefreundlich, weil vor dem "noch" eine Pause sinnvoll ist.

  3. "zu Eigen" ist falsch: Kleinschreibung, also "zu eigen". Vorsicht: Das Korrekturprogramm von Word zeigt bei der Großschreibung keinen Fehler an.

Der Autor

Paul-Josef Raue feiert Kolumnen-Jubiläum: 100 Mal "JOURNALISMUS!"; zusammen mit der Serie "Journalismus der Zukunft", die davor lief, sind es schon 120. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, in dem auf zwei Seiten des Nachrichten-Kapitels der Konjunktiv zum Thema wird. Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Im Klartext-Verlag erschien von ihm "Luthers Sprach-Lehre". Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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