"Journalisten sollten Wahrheitssucher sein" - Martin Rücker antwortet Sebastian Frevel in der NGO-Debatte

15.06.2018
 
 

Gehen Journalisten zu unkritisch mit NGOs um? In einem Gastbeitrag auf kress.de sah der Kommunikationsberater Sebastian Frevel darin ein Problem. In seiner Entgegnung fordert Martin Rücker, ehemaliger Journalist und heutiger Geschäftsführer der Verbraucherorganisation foodwatch, einen Journalismus mit Haltung.

Es ist ja richtig: Oft genug gelangen Themen und Positionen ungefiltert in die Medien. Vor einigen Jahren kritisierte foodwatch - in Zusammenarbeit mit Kinderärzten und der Bundeszahnärztekammer - einige Säuglingsprodukte als ungeeignet für Babys. Focus Online titelte: "So füttern wir unsere Babys mit Brei und Keksen krank" - und sattelte damit bei der Wortwahl gegenüber unserer eigenen Kommunikation noch deutlich drauf. Gegenstimmen, Stellungnahmen kamen in dem Text nicht vor. 

Das scheint Sebastian Frevel zu bestätigen: "NGOs sind auch nur Lobbygruppen", schreibt der geschäftsführende Gesellschafter bei Beust & Coll in seinem kress.de-Gastbeitrag am 4. Juni. Er "warnt" Journalisten gar ausdrücklich vor Nichtregierungsorganisationen, denn: Zu viel Skandalisierung trifft auf eine zu unkritische Berichterstattung, so in Kurzform Frevels Problembeschreibung. Ganz also wie im Fall foodwatch/focus.de - NGO trompetet, Medium berichtet, Unternehmen sind "die Bösen"? Mitnichten. 

Nur einen Tag später berichtet dieselbe Autorin erneut auf focus.de über dasselbe Thema. Überschrift diesmal: "Hört doch mal auf, Eltern dauernd zu verunsichern!" Zu Wort kommen Nestlé, Hipp und andere Industrievertreter, die unwidersprochen kein gutes Haar an der Kritik von foodwatch und Ärzten lassen. Es ist, um 180 Grad gedreht, die Gegengeschichte. Leser gewinnen so einen völlig unterschiedlichen Eindruck vom selben Thema, je nach dem, welchen der beiden Texte sie gelesen haben. Und wer beide liest, ist komplett ratlos.

Was nur auf den ersten Blick wie ausgleichende Gerechtigkeit wirkt, ist in Wahrheit eine Kapitulationserklärung des Journalismus. Darüber lohnt es zu debattieren. 

Mit seiner Warnung vor den NGOs führt Sebastian Frevel jedoch weg vom eigentlichen Problem. Dessen Kern ist, dass Medien überhaupt und viel zu oft "Informationen" ungeprüft und ohne Einordnung übernehmen, gleich aus welcher Quelle. Das geschieht mit Meldungen von NGOs ebenso wie mit Verlautbarungen von Unternehmen oder Wirtschaftsverbänden, und Behörden wie Ministerien dürften sich dabei noch erheblich leichter tun. Und das Publikum bleibt desinformiert zurück. Reden wir also über Journalismus. 

Was - jedenfalls in der Breite - fehlt, ist Journalismus mit Haltung. 

Dabei ist Haltung nicht gleichbedeutend mit "gemein machen". Haltung meint: Journalisten sollten Wahrheitssucher sein. Ich möchte häufiger lesen: "So ist es", statt: "A sagt so, B hingegen sagt so...". Es kann mich auch nicht freuen, wenn unsere Informationen ungeprüft übernommen werden und geschrieben steht, dass "laut foodwatch" die Regierung dieses plane oder in jenem Produkt x Prozent Zucker seien. Denn das "laut" sät auch dort Zweifel, wo kein Zweifel besteht. Ein "So ist es", wo möglich, macht die Information präzise und schafft erst die Voraussetzung für notwendige Debatten. 

Wo Recherchieren, Überprüfen, Einordnen geboten wäre, beschränkt sich Journalismus viel zu sehr auf die Montage von Aussagen. Wo nachgefragt werden müsste, lassen Journalisten sich mit Stellungnahmen abspeisen, die komplett am Thema vorbeigehen. Und wo es bitter nötig wäre, Themen über lange Zeiträume zu verfolgen, um zu sehen, was aus all den Ankündigungen wird, ob Vorhaben umgesetzt oder gänzlich verwässert werden, richtet man lieber den nächsten Live-Ticker zu einem banalen Ereignis ein. Das alles ist ein erhebliches Problem für unsere Demokratie, denn Aufgabe von Medien ist die effektive Kontrolle von Macht. Oft genug bleibt sie auf der Strecke.

Sebastian Frevel hat natürlich Recht: NGOs sollten ebenso kritisch betrachtet werden wie andere Informationsquellen. Aber das sollte eben eine Selbstverständlichkeit sein, eine NGO ist schließlich nicht unfehlbar und informiert nicht allein deshalb stets korrekt, weil sie NGO ist. Vor den Organisationen zu "warnen", weil deren "Eigeninteressen" ihre Verlautbarungen bestimmten, ist dann aber doch eine arg einfach gestrickte Argumentation - nach dem Muster: Schaffen wir einen möglichst großen Skandal, dann fließen auch die Spendengelder. Richtig ist nicht nur, dass sich NGOs mit Zugang zu seriösen Medien diese Glaubwürdigkeit erarbeitet haben. Sondern auch: Ist ihre Kommunikation nicht wahrheitsgemäß, fällt sie gerade unternehmenskritischen NGOs auch schnell auf die Füße - dafür sorgen schon die Kritisierten selbst, notfalls juristisch. Und wem es vor allem ums Geld verdienen geht, der sollte statt bei zivilgesellschaftlichen Vereinen lieber bei Unternehmen anheuern. 

Diese sind keineswegs wehrlose Opfer ungerechtfertigter NGO-Attacken. Mit gewaltigem PR-, Marketing- und Lobbyaufwand schaffen es gerade Großkonzerne, Öffentlichkeiten und Medien für ihre Zwecke zu nutzen - bis hin zu äußerst fragwürdigen Modellen, denke man nur an all die Kooperationen zwischen Unternehmen und Verlagen, an bezahlte Medieninhalte in redaktionellem Gewand. Welches Medium fragt noch, welche Interessen all die Interviewpartner und Gastkommentatoren haben, die als vermeintlich neutrale "Buchautoren" oder "Experten" vorgestellt werden - meist ohne Hinweis auf deren geschäftliche Verbindungen? Wer prüft bei Regierungs- und Behördenmitteilungen, ob die stets hehren Ziele aus den Überschriften mit dem Handeln im Einklang sind, bevor der Spin 1:1 übernommen wird? Wer zitiert nicht nur korrekt die Aussage eines Ministers, sondern prüft, ob diese Aussage korrekt ist, bevor sie auf den Ticker geht? 

Auch hier: Es geht um Haltung. Es wird so viele NGOs nicht geben können, die all die Desinformationen von Wirtschafts- und staatlichen Quellen kritisieren können. Der Journalismus hat hier eine Aufgabe. 

Autor: Martin Rücker

Zur Person: Martin Rücker ist seit April 2017 Geschäftsführer von foodwatch Deutschland. Zuvor leitete der gelernte Journalist die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Organisation. Der gebürtige Stuttgarter studierte Journalistik an der Fachhochschule Hannover und arbeitete zunächst als freier Journalist für das dpa-Landesbüro Niedersachsen/Bremen sowie für verschiedene Tageszeitungen, Magazine und Hörfunksender. Nach Stationen als Lokal- und Politikredakteur bei der "Neuen Presse" in Hannover folgte der Wechsel von der Leine an die Spree: Als Korrespondent im Pressebüro Slangen + Herholz berichtete Martin Rücker für Tageszeitungen aus ganz Deutschland über das politische Geschehen in der Hauptstadt, unter anderem für die Passauer Neue Presse, die Ruhr Nachrichten (Dortmund) und die Schweriner Volkszeitung. Danach folgte der Sprung zu foodwatch, auf die "andere Seite des Schreibtisches". Als Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit war es gut acht Jahre lang seine Aufgabe, den ehemaligen Kolleginnen und Kollegen die Themen und Positionen von foodwatch schmackhaft zu machen. Im Zuge des Aufbaus von foodwatch als EU-weit agierende Verbraucherrechtsorganisation fungierte Martin Rücker auch als Koordinator für die internationale Medienarbeit. 2013/2014 übernahm er das Projektmanagement für die Eröffnung des französischen foodwatch-Büros in Paris. Im April 2017 übernahm Rücker als Nachfolger von Gründer Thilo Bode die Geschäftsführung von foodwatch Deutschland.

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