Theodor-Wolff-Preis: Wie BLL-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff seine Attacke auf "Welt"-Reporter Marc Neller erklärt

 

In dieser Woche vergeben die Zeitungsverleger den Theodor-Wolff-Preis. Einer der Gewinner im Vorjahr: "Welt"-Reporter Marc Neller. In einem Kommentar greift Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Spitzenverbands der deutschen Lebensmittelwirtschaft BLL und des Dachverbands der deutschen Lebensmittelindustrie BVE, den Journalisten jetzt massiv an. Im Gespräch mit kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük erklärt Minhoff, warum er die Form der Kritik tatsächlich für richtig hält.

kress.de: Herr Minhoff, seit wann gehört es zu den Aufgaben des Hauptgeschäftsführers eines der wichtigsten deutschen Industrien, einen Journalisten zu verunglimpfen?

Christoph Minhoff: Ich verunglimpfe nicht, ich halte den Spiegel vor! Natürlich gehört es zu meinen Aufgaben, unfaire Berichterstattung gegenüber unserer Branche aufzudecken und zu beantworten.

kress.de: Sie haben einen Kommentar veröffentlicht, in dem Sie die Arbeit von Welt-Redakteur Marc Neller diskreditieren. Ist das wirklich die Form, wie ein einflussreicher Lobbyist mit Journalisten heute umgehen sollte?

Christoph Minhoff: Ich diskreditiere nicht, ich kläre auf. Ich benutze Nellers Phrasen und Textpassagen und wende sie gegen ihn selbst an, um eine Methode deutlich zu machen: Komplexe Probleme werden auf einfache Lösungsansätze reduziert, in Gut und Böse moralisiert und schließlich personalisiert. Das geschieht mit dem Stilmittel der provokanten Überzeichnung. Und ja, auch Journalisten stehen heute mit ihrer Arbeit im öffentlichen Meinungsstreit.

kress.de: Warum glauben Sie das?

Christoph Minhoff: Wir erleben eine immer stärkere Frontstellung zwischen klassischen Leitmedien und Wirtschaftsverbänden. Das Gefühl, dass wichtige Medien ausschließlich zu Echo-Kammern von NGO-Kampagnen werden, verbreitet sich rasant. Wir brauchen aber ein faires Miteinander, einen kritischen und glaubwürdigen, nicht aber einen Vorurteils- und Agitationsjournalismus.

kress.de: Mich hat es überrascht, dass Sie so harsch auf das Feature reagiert haben. Sie werden in dem Stück mit keiner Silbe erwähnt.

Christoph Minhoff: Hier wurde vom Welt-Autor aus meiner Sicht eine rote Linie überschritten: Bildbezüge mit Kindern und Drogen, die Eindruckserweckung eines skrupellosen, gefühllosen, sich hinter der Maske des freundlichen Handelsvertreters versteckenden Mammonjägers mit ausschließlich verantwortungslos-merkantilen Absichten. Ich kenne den so beschriebenen Protagonisten gut und empfinde es als eine Verpflichtung, dieses Zerrbild nicht unwidersprochen stehen zu lassen. Mein Text belegt, dass billige, bösartige Propaganda gegen jeden jederzeit möglich ist. Auch jeder Verbandsvertreter könnte mit dieser Methode verunglimpft und diskreditiert werden. Darüber will ich eine Diskussion anregen.

kress.de: Herr Tissen, Chef der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker, braucht also aus Ihrer Sicht einen im Journalismus erfahrenen Anwalt, der ihn schützt. Eine interessante These.

Christoph Minhoff: Warum? Die Wirtschaftsvereinigung ist unser Mitglied. Und es gab eine ungewöhnlich breite Empörung in unserer Mitgliedschaft über dieses missglückte Feature eines der bedeutendsten deutschen Leitmedien. Herrn Neller sprangen gleich foodwatch und Renate Künast zur Seite.

kress.de: Wäre dafür nicht Tissens Pressestelle zuständig?

Christoph Minhoff: Die arbeitet ja auch die inhaltlichen Schwächen des WamS-Artikels auf und ab. Andere Journalisten kritisierten Neller Artikel bereits als "manipulativ". Ich beschäftige mich mit der Methode des personalisierten Vorurteilsjournalismus. Für mich das Kernproblem dieses Beitrages.

kress.de: In einem Leserbrief, der in Gänze auf der Verbandsseite erschienen ist, hat Hauptgeschäftsführer Günter Tissen doch bereits auf den Beitrag reagiert. Warum legen Sie nach?

Christoph Minhoff: Weil es notwendig war, der Betroffenheit Vieler Ausdruck zu verleihen.

kress.de: Getroffene Hunde bellen, lautet ein Sprichwort. Fühlen Sie sich und Ihre Interessengruppe vielmehr durch den Welt am Sonntag Beitrag so sehr entlarvt, dass Ihnen nur der persönliche Angriff auf die Integrität des Welt-Reporters bleibt?

Christoph Minhoff: Ein anderes Stichwort ist: "Was man sagt, ist man selber." Gilt das dann auch für Herrn Neller? Besser noch passt hier: "Haltet des Dieb!" Herr Neller hat mit seinen völlig überzeichneten persönlichen Angriffen die Integrität von Herrn Günter Tissen angegangen. Bitte nicht Anlass und Ursache verwechseln.

kress.de: Sie schreiben beispielsweise: "Seit er das Ressort übernommen hat, schmiert die Auflage der Zeitung ab." Ist das echt das Niveau, mit dem Sie Aufmerksamkeit für Ihre Botschaft erreichen wollen?

Christoph Minhoff: Falsch ist diese Aussage jedenfalls nicht. Sie setzt nur zwei Fakten in einen unzulässigen Bezug. Genau das macht Herr Neller in seinem Artikel: Er stellt falsche Bezüge her und macht eine einzelne Person für ein gesellschaftliches Problem verantwortlich. Das ist Mittelalter: Komplexitätsreduktion, Pranger, mediale Hexenverbrennung.

kress.de: Aber laut Impressum ist Herr Neller längst kein Ressortleiter mehr. Das Thema verantwortet Jennifer Wilton.

Christoph Minhoff: Noch einmal, ich setze richtige Fakten in falsche Zusammenhänge, um die Methode des Neller-Artikels deutlich zu machen. An dem Fakt, dass die "WELT am Sonntag" nach 2014 in der Auflage eingebrochen ist, ist nicht zu rütteln.

kress.de: An einer anderen Stelle schreiben Sie: "Nellers Sprachgewalt ist begrenzt. Er verwendet gerne martialisches Kriegsvokabular, vor allem aber Hilfsverben. Nellers Plattitüden überzeugen dabei so sehr, wie ein Karton, der im Flur umfällt." Reporter Neller gehört unter anderem zu den Preisträgern des Theodor-Wolff-Preises, eines der wichtigsten Journalistenpreise Deutschlands. Glauben Sie wirklich, dass eine hochkarätige Jury einen Preis an einen Autoren verleiht, der nicht schreiben kann?

Christoph Minhoff: Oh - sollte ich gar Majestätsbeleidigung begangen haben? Dieser Artikel ist jedenfalls nicht preiswürdig! Und Journalistenpreise habe ich auch gewonnen! Entrückt mich das von Fehlern und Kritik? Hat ein Preisträger nicht auch einmal einen schlechten Tag? In seinem "Krieger"-Beitrag verwendet Neller tatsächlich mehrheitlich Hilfsverben - ich kann das gerne vorrechnen. Die Plattitüde, dass ein Karton im Flur umfällt und dies Rückschlüsse auf den Protagonisten zulässt, entstammt nicht meiner, sondern der Feder von Marc Neller persönlich.

kress.de: Noch mal, ist dass die richtige Form, wie ein Verband auf einen Report reagieren sollte?

Christoph Minhoff: Nicht immer, aber manchmal! Wenn es darum geht, etwas Grundlegendes zu verdeutlichen, sollte ein Verteidigungsangriff möglich sein. Da zitiere ich Voltaire: "Wenn du wissen willst, wer dich beherrscht, musst du nur herausfinden, wen du nicht kritisieren darfst!"

kress.de: Welche journalistische Kriterien fordern Sie von Journalisten ein?

Christoph Minhoff: Für mich ist Vorurteilsjournalismus eine Geißel unserer Zeit. Da geht es leider nicht um Haltung, sondern um Suchmaschinenoptimierung. Ich sage das immer wieder - auch in meiner Replik: Wir brauchen kritischen, sachkundigen und fairen Journalismus. Einen Qualitäts-Journalismus, der aber alles hinterfragt, der nicht in Klischees verharrt und dem Mainstream hinterherläuft. Wenn uns die Aufklärung eine Erkenntnis gebracht hat, dann die, dass sich die Welt nicht in schwarz und weiß definiert. Wer an Verallgemeinerungen, an Gut-Böse-Schemata glaubt, der spaltet die Gesellschaft.

kress.de: Und die sehen Sie tatsächlich in Gefahr?

Christoph Minhoff: Sie wollen nicht wirklich bestreiten, dass der Journalismus in Deutschland in einer krisenhaften Situation steckt? Ich lese als DJV-Mitglied immer brav den "Journalist". Da ist neben gelegentlicher Larmoyanz eine wirklich gute, selbstkritische Debatte im Gange.

kress.de: Kein ernsthafter Journalist wird eine These untermauern und ins Blatt heben, die nicht stimmt.

Christoph Minhoff: Stimmt! Kein ernsthafter Journalist würde das tun! Aber ich biete Ihnen gerne eine Hospitanz in unserer Pressestelle an. Sie fänden dann Aktenschränke voller Beispiele, in denen Autoren steile Thesen aufgestellt und in entsprechende Blätter gehoben haben. Der Konjunktiv regiert mittlerweile als beliebtester Modi die Artikel deutscher Leitmedien!

kress.de: In den Sozialen Netzwerken wird Ihr Kommentar von anderen Journalisten kritisch gewesen - Ihren Beitrag würde man von der AfD, aber nicht von einem deutschen Verbandschef erwarten. Haben die Kritiker recht?

Christoph Minhoff: Es ist mittlerweile eine beliebte Methode, Kritik mit AfD-Verweisen zu stigmatisieren. Gerade die AfD speist sich aber aus einer Stimmung, in der Vereinfachung zu Diffamierung und Diskriminierung führt. Einfache Antworten machen das Leben vielleicht leichter, aber vermeintlich einfache Lösungen führen oft in die Katastrophe. Die AfD sortiert in gut und böse, schwarz und weiß, Menschen und Fremde. Genau gegen dieses gesellschaftliche Krebsgeschwür gehe ich an. Darüber müssen wir diskutieren.

Ganz nebenbei: Ich habe unglaublich viel Zuspruch in den sozialen Medien für meine Provokation erhalten. Wir können das ja mal abgleichen.

kress.de: Ganz zum Schluss werden Sie versöhnlich, bieten Marc Neller großzügig an, Ihre Kritik in einem persönlichen Gespräch "näher zu erläutern". Hat er sich schon gemeldet?

Christoph Minhoff: Das hat mit Großzügigkeit nichts zu tun: Der ganze Beitrag ist ein aufrüttelnder Aufruf, darüber zu sprechen, wie wir miteinander umgehen wollen. Vielleicht möchte sich Marc Neller ja einer kritischen Diskussion stellen. Er darf mich dann auch gerne verunglimpfen, wenn das seinem Seelenheil dient. Ich bin da nicht so mimosenhaft und stehe jederzeit bereit. Vielleicht bietet "kress" ja eine Plattform.

Seit Jahren organisiert jedenfalls mein Verband einen öffentlichen Mediendialog. In den letzten Jahren trafen hier die bedeutendsten Persönlichkeiten der deutschen Medienlandschaft mit Vertretern aus Wirtschaft und Politik zusammen. Sprachlosigkeit bietet keine Antwort.

Mit Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Spitzenverbands der deutschen Lebensmittelwirtschaft BLL und des Dachverbands der deutschen Lebensmittelindustrie BVE, sprach kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem Newsletter "kressexpress". Kostenlos abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.