Der Merkel-Trump-Schnappschuss und die Wahrheit des Journalismus

 

Es gibt Fotos, die Geschichten erzählen und die Welt erklären - wie das von Angela Merkel und Donald Trump am Ende des Gipfels in Toronto. Dem Fotografen Jesco Denzel gelingt ein Schnappschuss, den die "FAZ"-Redakteurin Ursula Scheer preist als "ein Meisterwerk der politischen Ikonografie, in der das Unbehagen der Weltgemeinschaft zu gefrieren scheint". Paul-Josef Raue lenkt für seine Kolumne den Blick auf das Unbehagen, das solche Bilder auslösen, und fragt nach der Wahrheit der Bilder.

Das Bild von Merkel und Trump ist eines der erzählenden Bilder, die sich im Kopf verändern, je länger man verweilt: Auf den ersten Blick zeigt es die Kanzlerin, die auf den amerikanischen Präsidenten energisch einredet - einer Mutter-Kind-Beziehung ähnlich. Er sitzt auf dem Stuhl, die Arme vor dem Körper verschränkt, und hört sich schmollend Mutters Gardinenpredigt an.

Die Feuilleton-Redakteurin Ursula Scheer beschreibt in der FAZ Merkel als Gegenspielerin von Trump: "Beide Hände auf den Tisch gestützt, in ihrem hellblauen Blazer aus dem dunkelblauen und weißen Drumherum heraus leuchtend, beugt sie sich über den amerikanischen Präsidenten und fixiert ihn, der an ihr vorbeisieht, mit den Augen. Ihr Gesichtsausdruck: Ernst? Resigniert? Abwartend? Neutral? Schwer zu sagen."

Auf jeden Fall steht Merkel im Zentrum. Diese Sicht hat wohl Merkels Regierungssprecher Steffen Seibert bewogen, das Foto per Twitter zu verschicken: Es ist ein amtliches Bild, vom Regierungs-Fotografen Jesco Denzel geschossen, ein PR-Foto. Für ein Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" musste der Fotograf Seiberts Presseamt um Erlaubnis fragen und bekam sie nicht; dabei wäre seine Erzählung des Augenblicks, da das Foto entstand, hilfreich zum Verständnis.

Es gibt einen zweiten Blick auf das Bild: Trump reagiert nicht auf Merkel, sondern  auf Macron, der links von Merkel steht; auch andere wie der japanische Regierungschef schauen auf Macron. Martin Zipps beschreibt in der SZ den zweiten Blick: Trumps Sicherheitsberater John Bolton (links, stehend mit Schnauzbart) spricht gerade mit Macron, und Trump  wartet auf Macrons Antwort - "und Merkel blickt ein bisschen konsterniert". Schon bekommt dasselbe Bild eine andere Wahrheit.

Und es gibt einen dritten Blick auf das Foto: Donald Trump zeigt sich bei einer Pressekonferenz in Singapur erstaunt über die Reaktionen in den sozialen Netzwerken und interpretiert das Foto aus seiner Perspektive. Er habe auf Dokumente gewartet mit Änderungen, von ihm gefordert. "Ich weiß, dass es unfreundlich aussah", sagt er, aber die Runde sei entspannt gewesen.

Es gibt ein Reuters-Foto, kurz darauf entstanden, das Trumps Version stützt: Merkel lächelt, Trump hat die Arme gelockert, beugt sich vor und lächelt Merkel an, sogar bei Bolton ist der Anflug eines Lächeln zu sehen.

Ein- und dasselbe Foto und mindestens drei verschiedene Erzählungen: Welche ist die wahre? Regierungen nutzen solche Fotos, um ihre Botschaft, ihre Deutung zu platzieren, am besten schnell in den sozialen Netzwerken. Nicht nur Trump twittert, sondern auch Eduard Macron, Frankreich Regierungschef: Das Foto zeigt ihn, wie er auf Trump einredet, der kaum zu erkennen ist.

Trump selber twitterte nicht; er dürfte das bereut haben nach dem Erfolg des deutschen Fotos, das in den sozialen Netzwerken rasend schnell verbreitet wird und ihn unvorteilhaft zeigt. Dafür bringt das Weiße Haus ein Foto, auf dem Trump halbfreundlich zu sehen ist und Merkel wie Macron überhaupt nicht.

Martin Zipps fragt in der Süddeutschen: Ist das alles nur Propaganda? Auch Denzels Bild - "weil es wie viele andere auch im Auftrag der Regierung geschossen und verbreitet wurde"? Nein, ein Foto ist ein Teil der Wahrheit, wenn es nicht manipuliert worden ist - unabhängig von dem, der es gemacht hat, und von dem, der es verbreitet und dem es nutzt. Allerdings muss eine Redaktion ihren Lesern klar machen, von wem sie ein Bild erhalten hat - gerade wenn sie keine Chance hatte, selber einen Fotografen zu entsenden.

Die Zeiten scheinen vorbei zu sein, dass Fotografen der freien Presse Zutritt bekommen zu historischen Treffen, es sei denn es sind Inszenierungen wie das Vorab-Händeschütteln oder das Abendessen in großer Runde. Da bekommen Redakteure schon nostalgische Gefühle. "SZ"-Redakteur Martin Zips rief bei Roberto Pfeil an, der solch ein historisches Foto geschossen hat: Im Kaukasus sitzen Kohl, Genscher und Gorbatschow an einem Holztisch und beschließen die deutsche Einheit. "Ich war damals der einzige deutsche Bildberichterstatter", erzählt Pfeil - und nicht im Auftrag der Regierung. "Der Regierungssprecher hatte mir gar nichts zu sagen. Ich habe einfach selber die Fotos ausgewählt und dann an meine Agentur geschickt."

Das Denzel-Foto ist wie eine Lektion über den Journalismus, eine Studie über Wahrheit und Ethik. Noch einmal: Zeigt dieser Schnappschuss die Wahrheit? Nein, es ist ein Augenblick, der nicht das Vorher und das Nachher offenbart. Auch ein Film, der den Augenblick verlängerte, zeigte nicht mehr, sondern nur eine andere Wahrheit: Er würde den Zuschauer mitnehmen, der aber nicht verharren kann, die Gesichter studieren und die Körpersprache deuten.

Bilder, die erzählen, lassen die Körper sprechen. Heike Klovert zitiert auf "Spiegel Online" den Tweet der Sprachforscherin Elisabeth Wehling von der Universität Berkely, die Denzels Foto noch anders deutet: "1:0 für den US-Präsidenten! Sitzen während andere Anwesende stehen ist eine klassische Strategie des gestischen Framings, situativ die eigene Autorität zu etablieren & über Bilder zu propagieren - und das global medial wirksam, da jenseits aller Sprachbarrieren."  

Journalismus ist immer ein Ausschnitt der Wahrheit, aufgenommen aus der Perspektive des Journalisten. Das bedeutet nicht: Da alles unsicher ist, ist alles erlaubt. Guter Journalismus weiß um die subjektive Behinderung, er nimmt auch fremde Perspektiven ein, prüft andere Deutungen - und nimmt seine Leser mit ins große Vergleichen.

Der Leser ist nicht nur Zuschauer der Wahrheitssuche, zu dem ihn die Lügenpresse-Verschwörer degradieren. Er weiß, wem er sich anvertraut: Er kennt, zumindest tendenziell,  den Unterschied von Journalismus und Politik, von Journalismus und PR; er liest eine Nachricht der FAZ oder seiner Lokalzeitung anders als einen Tweet von Weigel oder Trump.

Wenn wir von Medien-Erziehung sprechen und sie für die Lehrpläne fordern, schauen wir auf die Mündigkeit der Bürger - die man trainieren kann und fördern.

Guten Journalisten geht es um die Macht der Bürger, die sie zur Kontrolle der Mächtigen fit machen; manchen Politikern geht es nur um ihre Macht;  guten Politikern, die das Volk wirklich vertreten, geht es auch um Macht, aber nicht nur um ihre.

Die Bildunterschrift war wichtig und bleibt es. "Dem Leser das Bild vorlesen", schärfte "Stern"-Chefredakteur Henri  Nannen seinen Redakteuren ein. Wem das gelingt, der sieht die Augen seiner Leser hüpfen, mitunter Dutzend Male zwischen Bild und Bildunterschrift. Heute können wir es in der Blickaufzeichnung, dem Eyetracking, wissenschaftlich belegen.

So erweisen Zeitungen der Wahrheit und damit ihren Lesern einen guten Dienst, wenn sie ein Bild erzählen, einordnen und in den Bildzeilen die wichtigen Personen identifizieren. Bilder erzählen, und die Redakteure erzählen mit.

Der Autor

Paul-Josef Raue gibt zusammen mit Wolf Schneider bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, in dem es ein großes Kapitel über das Foto gibt und ein eigenes über die Bildunterschrift. Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Im Klartext-Verlag erschien von ihm "Luthers Sprach-Lehre". Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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