Personalchef Thomas Gottlöber im Interview: "Querdenker sind bei der Handelsblatt Media Group willkommen"

 

Die Handelsblatt Media Group hat im Frühjahr mit einer Recruitment-Kampagne "105 kühne Köpfe" gesucht. Auch jetzt hat sie noch 80 offene Stellen. Personalchef Thomas Gottlöber sagt, warum ihm auch "Querdenker mit spannenden Vitas" willkommen sind. Teil 7 einer Interviewreihe mit den Personalverantwortlichen von Medienunternehmen.

kress.de: Herr Gottlöber, die Handelsblatt Media Group hat im März eine Recruitment-Kampagne mit dem Slogan "105 kühne Köpfe gesucht" gestartet. Wie viele kühne Köpfe haben Sie seitdem schon gefunden?

Thomas Gottlöber: Wir haben seit März etwa 30 Stellen besetzt. Es gibt in der Handelsblatt Media Group aber immer noch etwa 80 offene Stellen, die es zu besetzen gilt.

kress.de: In einigen Stellenanzeigen formulieren Sie als Anforderung Mut. Warum muss man mutig sein, um bei Ihnen zu arbeiten?

Thomas Gottlöber: Unternehmerisches Denken und der damit verbundene Mut, auch mal unkonventionelle Wege zu gehen oder Neues zu testen, sind uns HR-seitig sehr wichtig. Wir suchen Köpfe, die für Exzellenz stehen und die nicht verzagt an neue Herausforderungen herangehen, sondern sie mutig anpacken.

kress.de: Gibt es offene Stellen, deren Besetzung Ihnen ganz besonders unter den Nägeln brennt?

Thomas Gottlöber: Grundsätzlich suchen wir sehr breit nach neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Schwerpunkte gibt es im digitalen Bereich und in der Vermarktung. Wir stehen als Arbeitgeber dort mit Digital-Unternehmen oder Agenturen im Wettbewerb um die besten Talente, zum Beispiel um Web-Developer oder Spezialisten für 360-Grad-Vermarktung. Auch für unser Tochterunternehmen Euroforum, das wir im vergangenen Jahr übernommen haben, suchen wir neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, etwa Konferenzmanager, die dort den Live-Journalismus verstärken.

kress.de: Warum sollten Digital- und Vermarktungstalente ausgerechnet zu Ihnen kommen?

Thomas Gottlöber: Wer etwas bewegen will und die Zukunft wirklich mitgestalten möchte, sollte die Chance nutzen, Teil unserer Gemeinschaft zur Verbreitung und Aktivierung des wirtschaftlichen Sachverstands zu werden. Journalistische Höchstleistungen treffen bei uns auf kreative Innovation. Darüber hinaus sind unsere Marken das Hauptargument – das merken wir auch in Vorstellungsgesprächen. Mit "WirtschaftsWoche" und "Handelsblatt", aber auch mit unserem Vermarkter iq media marketing haben wir einen guten Stand am Markt.

kress.de: Warum haben Sie überhaupt so viele Stellen auf einmal ausgeschrieben?

Thomas Gottlöber: Wir haben uns nicht im März spontan dazu entschlossen, auf einen Schlag 105 neue Köpfe zu suchen. Die Kampagne ist auch als Image-Kampagne angelegt, um am Markt deutlich zu machen, dass die Handelsblatt Media Group auf Wachstumskurs ist, dass wir unser Personal in den vergangenen Jahren verstärkt haben und dass wir das auch weiterhin tun wollen.

"Wir sind in den vergangenen zweieinhalb Jahren um über 20 Prozent gewachsen."

kress.de: Wie hat sich die Zahl der Mitarbeiter der Gruppe in den vergangenen Jahren entwickelt?

Thomas Gottlöber: Wir haben derzeit rund 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Bord. Das bedeutet, dass wir in den vergangenen zweieinhalb Jahren um über 20 Prozent gewachsen sind, und zwar organisch. Das Wachstum durch Übernahmen wie die von Euroforum kommt noch hinzu.

kress.de: Unter den Stellen, die Sie jetzt ausgeschrieben haben, sind nur wenige für Redakteure.

Thomas Gottlöber: Journalismus entwickelt sich weiter – und diese fortlaufende Entwicklung ist uns wichtig. Wir möchten unsere Leserinnen und Leser mit neuen Content-Formaten überraschen und sie dort abholen, wo sie Medien nutzen. Dafür setzen wir auf Kompetenzen, die früher nicht denselben Stellenwert bei der Journalistenausbildung hatten, die aber in Zeiten der Digitalisierung und der zunehmenden Bedeutung von Live-Kommunikation immer wichtiger werden. Daher suchen wir neben Redakteurinnen und Redakteuren mit einem "klassischen" Aufgabenprofil auch Social-Media-, Video- und Datenjournalisten.

kress.de: Haben sich denn innerhalb der Gruppe die Gewichte verschoben? Ist der Anteil der Redakteure am Personal womöglich gesunken?

Thomas Gottlöber: Nein. Die Zahl der Redakteurinnen und Redakteure und die Höhe der Redaktionsbudgets sind kontinuierlich gestiegen. Die Digitalisierung hat bei uns einen hohen Stellenwert, aber wir finanzieren sie nicht, indem wir Redaktionsbudgets kürzen. Im Gegenteil: Auch in den Journalismus investieren wir viel Geld.

kress.de: Im Februar hat sich Ihr Verleger Dieter von Holtzbrinck von Gabor Steingart getrennt, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung. War die Personalkampagne auch eine Reaktion darauf, weil Steingarts Abschied zu Verunsicherung im Unternehmen und der Branche geführt hat?

Thomas Gottlöber: Die Personalie war nicht der unmittelbare Grund. Wir wollten vielmehr zeigen, dass die Handelsblatt Media Group trotz der Trennung weiterhin ihre Transformation vorantreibt - auch durch Investitionen.

"Die Personalie Gabor Steingart hat am Anfang für ein kurzes Ruckeln gesorgt."

kress.de: Wie sehr hat Steingarts Abschied Ihr Personal verunsichert und erschwert er die Personalakquise?

Thomas Gottlöber: Ehrlich gesagt nicht. Die Personalie hat am Anfang für ein kurzes Ruckeln gesorgt, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben aber sehr schnell festgestellt, dass hinter diesem Unternehmen 1.000 Köpfe stehen und nicht nur einer.

kress.de: Sie selbst sind seit 2007 im Unternehmen. Was hat sich seitdem im Hinblick auf die Unternehmenskultur getan?

Thomas Gottlöber: Unser Geschäft ist schneller geworden und fordert uns täglich heraus, neue Geschäftsmodelle auszuprobieren. Innerhalb des Unternehmens haben wir daher Silos aufgebrochen und sind enger zusammengerückt. Die Gemeinschaft steht für uns mehr denn je im Mittelpunkt. Wir möchten, dass sich alle Kolleginnen und Kollegen als ein bereichsübergreifendes Team verstehen, das gemeinsam erfolgreich ist. Hierarchisches Denken wurde reduziert, wir fordern und fördern eine klare und transparente Kommunikation. Auch die Werte Unabhängigkeit, Innovation und Exzellenz bilden wichtige Säulen unseres Miteinanders.

kress.de: Haben Sie Beispiele dafür?

Thomas Gottlöber: Ein großer Vorteil ist, dass jetzt alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Düsseldorf an einem neuen Standort sitzen. Allein das sorgt schon dafür, dass die kollaborative Arbeit gefördert wird. Wir haben nun Teams aus Produkt-Managern, Analysten, Kaufleuten und Journalisten, die zusammen am Markt agieren können. Und für die Journalistinnen und Journalisten und andere Kreative haben wir die Agenda der Freiheit eingeführt.

kress.de: Was meinen Sie damit?

Thomas Gottlöber: Die Kolleginnen und Kollegen sollen dorthin gehen, wo die Geschichten gemacht werden. Es hat keinen Sinn, dass sie im Newsroom in Düsseldorf sitzen und von dort aus über ein Unternehmen in Essen schreiben. Wir haben nun eine neue vernünftige IT-Infrastruktur, die uns ermöglicht, mobil zu arbeiten – sei es von unterwegs oder von der Dachterrasse unseres Unternehmenssitzes aus.

kress.de: Ihre Reporter haben auch in der Vergangenheit schon das Haus verlassen. In welchem Maße hat die Agenda der Freiheit den Arbeitsalltag der Redakteure wirklich verändert?

Thomas Gottlöber: Ich habe schon das Gefühl, dass die Agenda der Freiheit wahrgenommen wird. So gibt es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die heute nicht mehr in Düsseldorf arbeiten, sondern zum Beispiel in Hamburg, vornehmlich im Home Office. Einfach aus dem Grund, dass über die Branche, über die sie berichten, nun einmal dort vor Ort ist. Wir müssen die Möglichkeiten der Technik nutzen und uns auch da ausprobieren.

kress.de: Sie haben beschrieben, wie sich das Unternehmen gewandelt hat. Haben sich auch die Ansprüche vor allem junger Bewerber an den Job geändert und wie stellen Sie sich darauf ein?

"Wir müssen uns auf verschiedene Lebensmodelle einstellen."

Thomas Gottlöber: Ja, sie wollen Spaß und Freude an ihrer Arbeit haben, ihnen ist aber auch ihr Privatleben wichtig. Das fordern auch junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich hier bewerben, ein. Das sind Faktoren, die wir nach und nach angehen wollen. Wir eröffnen daher zum Beispiel in voraussichtlich sechs Wochen eine betriebliche Kita. Damit wollen wir insbesondere jungen Frauen signalisieren, dass bei uns Beruf und Elternschaft vereinbar sind. Wir haben auch eine relativ hohe Teilzeitquote von rund 20 Prozent. Wir müssen uns auf verschiedene Lebensmodelle einstellen, um die größten Potenziale unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Bord zu halten.

kress.de: Den journalistischen Nachwuchs der Gruppe bilden Sie in der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten aus. Haben Sie die Ausbildungsinhalte an die neuen Herausforderungen des Marktes angepasst?

Thomas Gottlöber: Das machen wir kontinuierlich. In unserer Journalistenschule zählt die Aufbereitung von Inhalten für die digitalen Kanäle ebenso wie Schulungen im Bereich Social Media und Video schon seit längerem zur Ausbildung. Und auch der Live-Journalismus, der neben Print und Digital das dritte Standbein der Handelsblatt Media Group ist, wird immer wichtiger. Das bieten wir nun auch Externen an: Vor einem Monat haben wir hierzu die Handelsblatt-Akademie für moderne Kommunikation gegründet, die Seminare auch in diesen Bereichen anbietet.

kress.de: Wie viele der Volontäre, die Sie an der Schule ausbilden, übernehmen Sie anschließend?

Thomas Gottlöber: In der Regel übernehmen wir alle.

kress.de: Mit welchen Fähigkeiten und Qualifikationen haben junge Journalisten bei der Handelsblatt Media Group besonders gute Chancen?

Thomas Gottlöber: Eine exzellente akademische Ausbildung, idealerweise mit ersten praktischen Erfahrungen, ist sicherlich die Basis für eine Vielzahl der Jobs. Willkommen sind aber genauso Querdenkerinnen und -denker, die mit spannenden Vitas beispielsweise aus Startups oder Tech Companies begeistern und Know-How für neue Produkte oder Content-Kanäle mitbringen. Wir brauchen Generalisten und Spezialisten, die sich mit speziellen journalistischen Darreichungsformen auskennen. Nicht jede Journalistin bzw. jeder Journalist muss alle davon beherrschen, jeder sollte sie aber verstehen, Neugier dafür mitbringen und den Medienwandel begreifen.

Zur Person: Thomas Gottlöber, 40, ist seit 2007 Justiziar der Handelsblatt Media Group und seit 2011 Leiter der Rechtsabteilung. Im Jahr 2016 hat er zusätzlich die Leitung des Personalbereichs übernommen.

Das Gespräch mit Thomas Gottlöber ist Teil 7 einer kress.de-Interviewreihe mit den Personalverantwortlichen von Medienunternehmen. Lesen Sie auch:

Teil 1 - Florian Klages, Leiter Corporate HR bei Axel Springer, verrät, wie man bei Springer schnell Karriere macht.

Teil 2 - Jannis Tsalikis, HR-Director von Vice Media, sagt, welche Sätze er in Bewerbungen nicht lesen will.

Teil 3 - Adrian Schimpf, Leiter Personal & Recht bei der Madsack Mediengruppe, sagt, was er bei jungen Job-Bewerbern manchmal vermisst.

Teil 4 - Ulf Werkmeister, Personalchef von ProSiebenSat.1 Media, erzählt warum er mit seinen Kollegen beim "Breakfast mit Ulf" über die Unternehmenskultur diskutiert.

Teil 5
- Jasmin Meier, Abteilungsleiterin Personal beim Mittelbayerischen Verlag, erklärt, wie ihr Haus "Volontäre mit Marktsicht" ausbildet.

Teil 6 - Günter Maschke, Personalchef von Gruner + Jahr, ermutigt Geisteswissenschaftler dazu, eine kaufmännische Karriere bei G+J anzugehen.

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