Warum Holger Stark für die "Zeit" Whistleblower wachpfeifen möchte

 

Noch ein weltumspannender Recherche-Verbund: Ab sofort arbeitet die "Zeit" mit der Whistleblower-Stiftung "The Signals" sowie Partnern vom "Daily Telegraph" und WikiTribune in Großbritannien, "Mediapart" in Frankreich sowie "The Intercept" in den USA zusammen. Investigativ-Chef Holger Stark erklärt im exklusiven kress.de-Interview, wie er IT-Konzerne ins Visier nimmt - ohne sich hinter verschlossenen Türen zu verstecken.

kress.de: Herr Stark, gemeinsam mit einflussreichen anderen Medienpartnern richten Sie sich bei der "Zeit" an Whistleblower, Ihnen Blicke hinter die Kulissen der IT-Unternehmen und deren Umgang mit Daten zu ermöglichen. Was versprechen Sie sich konkret von diesem Aufruf?

Holger Stark: Wir haben in den vergangenen Jahren gespürt, wie zentral der Umgang mit Daten für unsere Demokratie ist. Für unsere Gesellschaft ist es wichtig, dass sich Menschen zu Wort melden, die auf illegale Praktiken in ihren Unternehmen gestoßen sind. Der Skandal um Facebook und Cambridge Analytica hat uns gerade erst gezeigt, was hinter den Kulissen alles mit den Unmengen an Daten geschehen kann, die die großen Tech-Konzerne sammeln. Ohne Christopher Wylie, den Whistleblower, der die Affäre ans Licht gebracht hat, wüssten wir nichts darüber.

"Wir haben vereinbart, dass jede Redaktion alle eingehenden Reaktionen erhält."

kress.de: Wie muss man sich die Zusammenarbeit mit den Kollegen in Großbritannien, Frankreich und den USA vorstellen. Wie teilen Sie sich mögliche Fundstücke auf und wie koordinieren Sie die internen redaktionellen Abläufe?

Holger Stark: Wir haben vereinbart, dass jede Redaktion alle eingehenden Reaktionen erhält – also kein Medienhaus exklusive Informationen besitzt. Wir befolgen alle die gleichen Sicherheitsstandards, etwa durch verschlüsselte Kommunikation. Und wir entscheiden gemeinsam, wann wir veröffentlichen. Anfang des Jahres haben wir uns in Frankreich getroffen, zwei Tage lang ausführlich miteinander geredet und uns tief in die Augen geschaut. Am Ende hat es immer auch viel mit persönlichem Vertrauen zu tun, wie gut Journalisten harmonieren.

kress.de: Der rechtliche Status von Whistleblowern ist weiterhin oft recht unsicher. Wie wollen Sie sicherstellen, dass sich Ihre Informanten tatsächlich nicht nur geschützt fühlen?

Holger Stark: Diese Aufgabe hat die Stiftung The Signals übernommen, die mit Antoine Deltour und John Kiriakou zwei prominente Whistleblower und mit Ben Wizner einen international renommierten Menschenrechtsanwalt  als Berater gewonnen hat. Die Stiftung kümmert sich um den Schutz der Whistleblower, um Anwälte und psychologische Betreuung, bis im Extremfall hin zu einer sicheren Unterbringung. Die beteiligten Redaktionen kümmern sich um den Inhalt, also das, was ein Whistleblower an Recherchehinweisen mit sich bringt. Beides ist feinsäuberlich voneinander getrennt.

"Nur wenige Menschen sind so mutig wie Edward Snowden."

kress.de: Trotz prominenter, von Insider-Informanten angetriebenen Recherche-Erfolgen müssen Whistleblower oft weiterhin Strafverfolgung fürchten. In wie weit hemmt die rechtliche, aber oft auch persönlich wirtschaftlich unsichere Lage die Szene potenzieller Quellen, sich Ihnen zu öffnen?

Holger Stark: Die Angst vor Vergeltung spielt bei vielen potenziellen Whistleblowern eine Rolle. Nur wenige Menschen sind so mutig wie beispielsweise Edward Snowden und bereit, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Umso wichtiger ist es, dass The Signals künftig die rechtliche Unterstützung abietet.

kress.de: Die juristischen Abteilungen großer, oft weltumspannender IT-Konzerne und ihrer Anwaltskanzleien sind gefürchtet. Wie viel Feuerkraft kann dem ein Medienverbund überhaupt entgegen stellen?

Holger Stark: Wir können und müssen dem zuallererst unseren gesellschaftlichen Auftrag entgegenhalten: Journalistinnen und Journalisten sind dazu da, Missstände aufzudecken. Für eine Demokratie ist das essentiell. Natürlich hilft es, sich grenz- und redaktionsüberschreitend zu unterstützen. Aber wichtiger sind für uns zwei andere Dinge: Solides Handwerk und Mut. Medien müssen mutig sein.  

kress.de: Wie früh binden Sie das eigene "Zeit"-Justiziariat ein?

Holger Stark: So früh wie möglich, bei Großprojekten weit bevor ein eigentlicher Text entsteht. Den Aufruf an Whistleblower, den wir diese Woche veröffentlichen, hat unser Justiziar vor vielen Wochen geprüft und freigegeben.  

kress.de: Eitelkeiten im Kampf um exklusive Geschichten sind Journalisten nicht fremd. Welche Gedanken schossen Ihnen durch den Kopf, als Sie die ersten Veröffentlichungen rund um das Groß-Rechercheprojekt "Panama Papers" in der "SZ" lasen?

Holger Stark: Wow, was für ein spektakuläres Projekt, das endlich Licht in das Dunkelfeld der Steueroasen und Steuerhinterzieher bringt. Chapeau, Kollegen, mehr davon!

"In vielen Redaktionen wird in Investigationen investiert."

kress.de: Immer öfter finden sich auch deutsche Medienhäuser zu investigativen Recherche-Verbünden zusammen. Wie wichtig sind diese Kooperationen für zeitgenössischen Journalismus?

Holger Stark: Das Tolle daran ist, dass viele Chefredakteure erkannt haben, wie wichtig investigative Recherche ist, gerade in Zeiten, in denen viele Menschen den Medien nicht mehr vorbehaltlos vertrauen. In vielen Redaktionen wird in Investigationen investiert. Die Kräfte zu bündeln ist einerseits gut, birgt aber auch ein gewisses Risiko: wenn Redaktionen zu viel Nähe zueinander entwickeln, nährt das Vorbehalte und Gerüchte, ob da wohl hinter den Kulissen gekungelt wird. Insofern gibt es natürliche Grenzen des Gemeinsamen. 

kress.de: Sind übergreifende Investigationen anderes nicht mehr zu stemmen?

Holger Stark: Bei großen Projekten wie den Panama Papers ist das sicher so. Die "Zeit" hat zum Beispiel jüngst anlässlich des Mordes an der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia mit rund 20 europäischen Redaktionen kooperiert. Aber nicht jede Investigation muss so groß sein. Wir entscheiden das von Fall zu Fall.

kress.de: Hinter Ihrem Aufruf steht ein Bündnis mit Partnerpublikationen. Haben Sie sich ad hoc zusammengefunden oder bahnt sich da eine weiterreichende Kooperation auch für andere Themen an?

Holger Stark: Die Zusammenarbeit soll über das erste gemeinsame Projekt hinaus reichen. Aber schauen wir erst einmal, wie es sich anlässt.

kress.de: Ihr Chefredakteur hat – nicht zuletzt bei Ihrer Berufung in die Chefredaktion – die Devise ausgegeben, "Recherche" zu einer weiteren festen Säule der "Zeit" zu machen. Wie stark empfinden Sie den Druck, konkret "zu liefern"?

Holger Stark: Giovanni di Lorenzo ist ein Chefredakteur, der uns wo er nur kann fördert, aber natürlich auch fordert. Dass wir auf ganz gutem Wege sind, zeigen der Nannenpreis und der Reporterpreis, den die "Zeit" jeweils in der Kategorie Investigation erhalten hat. Wenn wir Druck haben, dann vor allem selbstgemachten: wir alle im Journalismus wissen nicht genug von dem, was hinter den Kulissen von Politik und Wirtschaft abläuft. Das treibt uns an. 

"An einem einzigen Projekt über viele Monate zu sitzen, kann sich kaum jemand mehr leisten."

kress.de: Wie beeinflusst die Konzentration auf investigative, oft ja sehr langzeitig angelegte Recherchen Ihren redaktionellen Alltag im üblichen "Zeit"-Betrieb?

Holger Stark: Das ist immer ein Balanceakt. Unser Anspruch ist es, aktuelle Recherchen und langfristige Projekte zugleich voranzutreiben. An einem einzigen Projekt über viele Monate zu sitzen, kann sich kaum jemand mehr leisten. Und immer wichtiger wird es für uns, solche Projekte eng zwischen Print und Online zu verzahnen.

"Ich halte nichts davon, wenn sich investigativ arbeitende Journalisten abschotten."

kress.de: In wie weit arbeiten Sie mit Ihrem Team – etwa an dem konkreten Whistleblower-Projekt – hinter verschlossenen Türen und möglicherweise auch räumlich sowie organisatorisch abgeschirmt von der restlichen "Zeit"-Redaktion?

Holger Stark: Ich halte nichts davon, wenn sich investigativ arbeitende Journalisten abschotten. Im Gegenteil: wir wollen ja, dass möglichst viele Kolleginnen und Kollegen investigativ recherchieren. Und wir brauchen die Fachkenntnis von Ressorts wie der Wirtschaft oder der Politik. Am liebsten ist es mir, wenn sich Projekte ergeben, an denen mehrere Ressort zusammen arbeiten. Wir wollen das Haus für investigativen Journalismus begeistern, nicht zurückstoßen. Recherchen wie der Fall Dieter Wedel oder zu den Behördenfehlern im Umgang mit Anis Amri zeigen: Gemeinsam sind wir am besten. 

kress.de: Ihrem Aufruf ist zu entnehmen, dass es zunächst um IT-Unternehmen gibt. Welche weiteren Branchen und Themen haben Sie sich auf Ihre Liste gesetzt?

Holger Stark: Oh, die Liste ist lang. Lassen Sie sich überraschen!

Zur Person: Holger Stark, Diplom-Politologe und Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München und der Berliner Journalistenschule, ist ein enger Weggefährte von "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Beide arbeiteten bereits beim "Tagesspiegel" zusammen. Nach Stationen bei der "Berliner Zeitung" und im Hörfunk war Holger Stark von 1999 bis 2001 Redakteur des "Tagesspiegel" in Berlin. Er wechselte zum "Spiegel", wo er 2006 stellvertretender Leiter des Deutschlandressorts wurde und 2010 schließlich dessen Leiter in Berlin. Seit dem Sommer 2013 berichtete er aus Washington, bevor er als Nachfolger von Stephan Lebert Mitte 2016 zur Hamburger "Zeit" wechselte. Dort verantwortet er das Ressort für das Investigative und die Recherche. Seitdem ist er auch Mitglied der Chefredaktion. In den vergangene Jahren hat Stark gemeinsam mit Kollegen zwei Mal den Henri-Nannen-Preis bekommen: In der Kategorie Dokumentation für die Rekonstruktion des tödlichen Bombenabwurfs bei Kunduz 2011. Er war außerdem Teil des Teams, das die Überwachung des Handys von Bundeskanzlerin Angela Merkel durch die NSA aufdeckte und dafür 2014 mit dem Henri-Nannen-Preis für die beste investigative Leistung ausgezeichnet wurde. 

kress.de-Tipp: Den Whistleblower-Aufruf in der aktuellen "Zeit"-Ausgabe und bei Zeit Online findet man hier.

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