Prof. Bernd Mathieu im Interview: "Die junge Journalisten-Generation hat keine Scheuklappen mehr"

 

Ende des Monats verabschiedet sich Bernd Mathieu aus der Chefredaktion der Aachener Zeitungen. Ob ihn Geschäftsführer Andreas Müller vor die Tür setzt, wie Zeitungen guten Nachwuchs ausbilden und was er in Zukunft macht, hat Mathieu am kress.de-Telefon Bülend Ürük verraten.

kress.de: Herr Mathieu, Sie geben bereits Ende Juli die Chefredaktion der Aachener Tageszeitungen ab, obwohl Sie das Rentenalter längst nicht erreicht haben. Setzt Sie Geschäftsführer Andreas Müller vor die Tür?

Bernd Mathieu: Unsinn! Ich hätte ja noch einige Jahre hierbleiben können. Man hat mich sogar darum gebeten. Die Möglichkeit hätte ich also gehabt, aber ich habe für mich entschieden, dass es nach 23 Jahren als Chefredakteur und mit fast 64 nun mal gut sein muss.

kress.de: Wann haben Sie entschieden, in Aachen soll jetzt jemand anders übernehmen?

Bernd Mathieu: Schon vor gut einem Jahr. Seitdem habe ich das vorbereitet und konstruktiv daraufhin gearbeitet, dass die Nachfolge so geregelt wird, wie sie jetzt auch geregelt worden ist. Als die Gesellschafterversammlung vor kurzer Zeit die Entscheidung entsprechend getroffen hat, war ich sehr zufrieden.

"Ich habe in meiner Arbeit nie massiven finanziellen Druck empfunden"

kress.de: Wissen Journalisten in den Regionalzeitungen eigentlich, welchen schweren Stand die Zeitungsverlage heute haben?

Bernd Mathieu: Gewiss nicht alle. Bei uns hier in Aachen habe ich den Eindruck, dass es uns im Vergleich zu anderen etwas besser geht. Ein Grund: Wir haben die Redaktionen von "Aachener Nachrichten" und "Aachener Zeitung" schon 2003 auf einer stabilen Basis und mit nachhaltigem Erfolg fusioniert. Bei uns wird deshalb nicht über betriebsbedingte Kündigungen gesprochen. Ich habe in meiner Arbeit nie massiven finanziellen Druck empfunden, maßvolle Sparkonzepte hat die Redaktion stets selbstständig und auf eigene Initiative umgesetzt. Das gehört zur Verantwortung einer Chefredaktion. Wir konnten immer den Kollegen, die nach ihrem Volontariat Redakteur geworden sind, bis auf Elternzeitvertretungen einen unbefristeten Arbeitsvertrag anbieten, was ja auch außergewöhnlich ist. Dafür bin ich dankbar.

kress.de: Viele Häuser klagen gerade beim Nachwuchs über Bewerber, die Jahr für Jahr schlechter werden. Sie konnten mit dem Umbau der Volontärsausbildung auch junge Leute anziehen, die eigentlich nur noch im Digitalen unterwegs sind?

Bernd Mathieu: 2013 haben wir unsere Volontärsausbildung konsequent multimedial ausgerichtet. Unsere Volontäre sind keine Urlaubsvertretungen, sondern haben einen Ausbildungsplan, an dem wir uns orientieren. Dazu gehören auch Stationen zum Beispiel beim WDR-Fernsehen in Köln oder Düsseldorf, an der RTL-Journalistenschule oder in der Redaktion von "Hart aber fair". 

kress.de: Was bringt das Ihrem Haus, wenn Ihr Nachwuchs woanders hospitiert und nicht in der Redaktion sitzt und Blatt macht?

Bernd Mathieu: Das ist doch kein Gegensatz, sondern eine wertvolle Ergänzung! Unsere Volontärinnen und Volontäre kommen zurück, haben gute Erfahrungen gemacht und konnten schon sehr praxisnah mitarbeiten. Das motiviert. Sie können moderieren, Videos produzieren, sie haben eine Top-Ausbildung, die sie woanders in dieser Vielfalt eher nicht bekommen. Das ist ein großer Vorteil für unser Haus, der bewirkt, dass wir auch im Digitalen gut aufgestellt sind. Wir machen viele Experimente, leider funktionieren nicht alle, aber daraus lernt man.

kress.de: Was zeichnet Ihren Nachwuchs aus?

Bernd Mathieu: Alle unsere Volontärinnen und Volontäre sind interessiert an Recherche, an journalistischen Stilformen, an Interviews, Reportagen, an Dokumentationen, an Persönlichkeitsrecht, an der ganzen Palette, die zur Seriosität des Jobs dazu gehört. Und sie setzen das selbstverständlich multimedial um, und da ist Print nur eine Variante. Sie machen zum Beispiel einen kleinen Print-Teaser für das Video, das wir im Netz veröffentlichen.

kress.de: Sind die jungen Journalisten heute besser?

Bernd Mathieu: Ungleich besser als meine Generation, wenn ich es nur aufs Digitale beziehe. Für sie ist es selbstverständlich, sofort und aktuell über Social Media und über andere Kanäle etwas ins Netz zu setzen. Schnelligkeit ist bei ihnen in diesem Bereich im Blut. Und wenn man diese Kompetenz mit einer gründlichen Recherche und einem Exklusivitätsanspruch kombiniert, ist das aus meiner Sicht ein sehr kompetenter und qualitätsvoller Journalismus.

kress.de: Reicht das im Wettbewerb?

Bernd Mathieu: Zumindest unterscheidet uns das von allen möglichen Leuten, die einfach meinen, sie können irgendetwas Halbgares in die Welt setzen. Die junge Journalisten-Generation hat unterdessen keine Scheuklappen mehr, für die sind gute Blogger keine Gegner, sondern Partner. Im Idealfall werden gemeinsam mit Startups neue Angebote entwickelt, das finde ich sehr schön.

kress.de: Zukünftig werden Sie die Medien-Akademie Ruhr der Funke Mediengruppe in Essen beraten. Können Sie vom Journalismus also doch nicht loslassen?

Bernd Mathieu: Wenn ich dazu beitragen kann, in der Volontärsausbildung und in der Weiterbildung etwas zu verbessern, werde ich das gerne tun. In Essen werde ich zudem an einigen Tagen im Jahr als Dozent arbeiten. Das korrespondiert auch gut mit meiner bisherigen Professorentätigkeit an der FH Aachen. Und was sich sonst noch anbietet und entwickelt, werden wir ab August sehen, nicht vorher.

Mit Bernd Mathieu sprach Bülend Ürük.

Zur Person: Prof. Bernd Mathieu, Jahrgang 1954, ist seit 1995 Chefredakteur der "Aachener Zeitung", seit 2003 auch der "Aachener Nachrichten". Er ist Mitglied der Jury vom Theodor-Wolff-Preis und seit 2008 Professor der Fachhochschule Aachen im euregionalen Studiengang Communication and Multimediadesign. Im Jahr 2002 wurde Mathieu mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

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