Ranga Yogeshwar: "Manche Reaktion der öffentlich-rechtlichen Kollegen erinnert mich an die Haltung der Autoindustrie"

20.06.2018
 

Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar attestiert Journalisten, sich zu sehr vom Diktat der Auflage und der Quote treiben zu lassen. Die Ausrichtung auf Erregbarkeit statt Aufklärung bereite den Nährboden für falsche Nachrichten, so Yogeshwar in einem Interview für das "medium magazin". Welche Defizite er bei den Öffentlich-Rechtlichen sieht - und wie sie sich beheben ließen.

"medium magazin": Sie kritisieren häufig einen zunehmenden Alarmismus. In Ihrem Buch "Nächste Ausfahrt Zukunft" heißt es aber auch oft "immer mehr", "immer öfter" ... vor allem in Bezug auf die Medienentwicklung. Betreiben Sie da nicht selbst auch Alarmismus?

Ranga Yogeshwar: Vielleicht. Aber mich besorgt die Entwicklung der Medien. Wir stellen fest, dass tradierte Business-Modelle im Onlinejournalismus nicht mehr funktionieren. Verlage kämpfen zunehmend ums Überleben oder verlagern ihren Geschäftsbereich in andere Felder. Für Recherchen wird das Budget immer kleiner und viele Journalisten müssen ein immer größeres Volumen abliefern, um überhaupt zu überleben. Das alles führt zu einer zunehmenden Reduktion von Qualität.

Guter Journalismus hat jedoch eine wichtige Funktion in einer Demokratie. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde deshalb unter anderem die öffentlich-rechtliche Rundfunkstruktur in Deutschland geschaffen, um einen unabhängigen Journalismus zu garantieren. Diese Einrichtung ist großartig. Doch sie verpflichtet auch zu einer elementaren Ernsthaftigkeit. Aber hier werden Fehler gemacht, wenn ich mir beispielsweise deutsche Talkshows angucke. Diese folgen mehr den Gesetzen der Unterhaltung als der Aufklärung. Schon die Besetzung der Protagonisten wird meist bestimmt durch zugewiesene Rollen "der Gute", "der Böse". Sachthemen kommen kaum vor, denn die - so bekomme ich zu hören - drücken auf die Quote. Obwohl zum Beispiel das Thema Digitalisierung relevant ist für unsere Gesellschaft, wird kaum in solchen Talkshows darüber diskutiert. Das halte ich für falsch.

"mm": Trotzdem sind Sie regelmäßig zu Gast in Talkshows.

Ranga Yogeshwar: Ja, das können Sie mir natürlich zu Recht vorwerfen. Aber ich versuche in diesen Foren mit Fakten zu erklären, statt mit Skandalisierung aufzumischen. Es ist zumindest ein Versuch und ich bemühe mich, auch andere Themen anzusprechen. Ich meine, öffentlich-rechtliche Sender haben da eine besondere Verantwortung.

"mm": Wie sollten ARD und ZDF Ihrer Meinung nach dem besser gerecht werden?

Ranga Yogeshwar: Durch eine Diskussionskultur, die Konfrontation durch Verständnis ersetzt. Das wäre schon gegeben, wenn beispielsweise Talkshows drei Maßnahmen zu Themenwahl, Auswahl der Gäste und Verpflichtung zur Sachlichkeit mehr berücksichtigen würden.

"mm": Nun erleben wir - wie auch in der Schweiz und Österreich - Debatten, die das gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche System grundlegend in Frage stellen. Wie erklären Sie die Vehemenz dieser Diskussion?

Ranga Yogeshwar: Wir leben in einer Phase des Wandels. Vieles im Alltag der Menschen hat sich geändert. Die Geschäfte werden durch Onlineportale ersetzt, Hotels werden mit AirB&B konfrontiert und das klassische Taxi wird durch Uber verdrängt. Überall ändert sich also etwas und daher ist es zunächst legitim, auch andere Strukturen zu hinterfragen. Medienplattformen wie Netflix und Youtube rütteln am Selbstverständnis klassischer Medien.

"mm": Finden Sie die Antworten von ARD und ZDF auf ihre Kritiker ausreichend?

Ranga Yogeshwar: Nein. Mich erinnert manche Reaktion der öffentlich-rechtlichen Kollegen an die Haltung der Autoindustrie, die im Hinblick auf die Veränderungen der Mobilität fast hochnäsig wirkt. Hier trifft altes und neues Denken aufeinander und gerade große Strukturen tun sich schwer mit Veränderung.

"mm": Welche Änderungen sollten das sein?

Ranga Yogeshwar: Die bisherigen Strukturen sind überholt und an vielen Stellen zu bürokratisch. Manche Programmentscheidungen werden geradezu erstickt in einem Irrsinn von Sitzungen, Genehmigungsprozessen und Zuständigkeitsdebatten zwischen den einzelnen Sendeanstalten. Manchmal dauert es Monate, bis es zu einer Entscheidung kommt. Diesen Workflow muss man dringend abspecken. Ein Beispiel nur: Als Stephen Hawking starb, wird das Studio London mit dem ARD-Bericht beauftragt - weil es geografisch zuständig ist, statt bei diesem Thema die Wissenschaftsexperten im eigenen Haus zu beauftragen. Diese Überregulierung führt zu einer Verantwortungslosigkeit und das ist schade, denn es gibt in den Sendern großartige Journalisten.

Bei Online plädiere ich für mehr Freiheit, denn hier werden die Sender von kommerziellen Verlagen und von der Politik ausgebremst. Gerade in der heutigen Zeit sollten wir die wichtige Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erkennen, und das bedeutet auch seine Prioritäten zu überdenken. Herausragende Dokumentationen werden zu unmöglichen Sendezeiten ausgestrahlt, das ist falsch.

kress.de-Tipp: Das komplette Interview mit Ranga Yogeshwar können Sie in der "medium magazin"-Ausgabe 3/2018 nachlesen. Darin schildert der Wissenschaftsjournalist gegenüber Chefredakteurin Annette Milz, wie eine Aussage von ihm in einem "Welt"-Interview so zugespitzt wiedergegeben wurde, dass sie vollkommen verzerrt in Fake News und einem Shitstorm bis zu Gewaltaufrufen sowie politischer Diffamierung mündete. Um solche Folgen generell zu vermeiden und mehr Fachkompetenz in die Redaktionen zu holen, schlägt Yogeshwar eine Reihe von Maßnahmen vor. Außerdem macht er Vorschläge, wie beispielsweise Talkshow-Redaktionen ihre Gäste besser vor Angriffen schützen sollten.

Die "medium magazin"-Ausgabe kann gedruckt oder als E-Paper bestellt werden - auch per Mail an vertrieb(at)mediummagazin. Das Heft gibt es auch im iKiosk. Zum Abo hier entlang.

Das "medium magazin" - das Magazin für Journalisten, in dem aktuelle Branchenthemen diskutiert und beleuchtet werden - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteurin ist Annette Milz. Sie ist auch Herausgeberin der Journalisten-Werkstätten.

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Ihre Kommentare
Kopf

Andrea Giovanni Käppeli

26.06.2018
!

Lieber Herr Yogeshwar
Wenn ich Ihr Interview lese, denke ich, Sie sollten einmal einige Takte mit dem SRF, den schweizerischen öffentlich Rechtlichen und unseren Politikern reden. Die passen sich auch immer mehr dem Mainstream an. Nun will die Politik sogar die Möglichkeiten der öffentlichen Medien im Internet beschränken. Himmel, wo sollen wir uns noch informieren? Heute, wo immer mehr Informationen aus dem Internet geholt wird, sollen die öffentlichen Medien, gerade dort nicht informieren ...


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