Erste Beweisaufnahme im Millionen-Prozess gegen die "Süddeutsche Zeitung"

22.06.2018
 
 

"Es ist ein Fall, wie er in der Geschichte der Bundesrepublik wohl einmalig ist", heißt es in der Titelstory des aktuellen "Wirtschaftsjournalist". Auf 78,5 Mio Euro Schaden hat ein Geschäftsmann die "Süddeutsche Zeitung" verklagt und mit ihr die beiden "SZ"-Autoren Markus Balser und Uwe Ritzer. Das Landgericht Nürnberg-Fürth hat am Donnerstag mit der Beweisaufnahme begonnen, geladen waren zwei Zeugen. Eirik Sedlmair und Jonas Schneider berichten.

Am Ende der Sitzung zeigte sich die Richterin resigniert. Die Antworten der Zeugen seien mindestens auffällig gewesen, auf konkrete Fragen gab es nur ungenaue Antworten. Vorausgegangen war eine dreistündige Beweisaufnahme, in der es darum ging, ob die "Süddeutsche Zeitung" für ein verpasstes Geschäft des Unternehmers Hannes Kuhn verantwortlich gemacht werden kann.

Die Journalisten Uwe Ritzer und Markus Balser hatten im Juni 2013 über "dubiose Deals" rund um die Pleite des Unternehmens Solar Millenium berichtet. Kuhn habe, so der Vorwurf in der "SZ", Insiderhandel betrieben und gegen sein eigenes Unternehmen gewettet. Wegen der Berichterstattung soll ein millionenschwerer Deal zwischen Kuhn und einem Schweizer Investor geplatzt sein. Das Geld, das Kuhn dadurch angeblich entging, will er sich nun von der "SZ" zurückholen.

Karl J., der Schweizer Investor, und sein Geschäftspartner Wolfgang L. sagten nun vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth aus. Ein Freund habe ihn damals auf den Artikel in der "Süddeutschen Zeitung" aufmerksam gemacht, so J. Er aber habe erst am Tag danach reagiert, als der Schweizer "Tagesanzeiger" die Recherchen der "SZ" aufgriff. Gegenüber des Branchenmagazins "Wirtschaftsjournalist" sagte Winfried Seibert, der Anwalt Kuhns, dass der Artikel in der "SZ" "ursächlich" für den geplatzten Deal gewesen sei.

Ein weiterer Punkt machte die Richterin am Donnerstag stutzig: Bereits 2010 lag bei der Staatsanwaltschaft Düsseldorf Strafanzeige gegen Kuhn vor. Der Vorwurf: Tausendfacher Betrug. J. sei dies bekannt gewesen. Kuhn habe ihm in einem persönlichen Gespräch aber beteuert, dass er unschuldig sei, so J. - und J. glaubte ihm laut eigener Aussage. Das Investment sei dadurch nicht gefährdet worden. "Der Artikel im 'Tagesanzeiger' dagegen hat Fakten geschaffen", sagte L., der Geschäftspartner von J., vor Gericht.

"Fakt ist, dass der Artikel in der 'Süddeutschen Zeitung' nicht ausschlaggebend war", betonte die Richterin am Ende der Sitzung. Es sei deswegen noch genau zu klären, wie groß die Unterschiede zwischen dem Artikel in der "Süddeutschen" und im "Tagesanzeiger" sind. Die Verhandlung wird am 2. August fortgeführt.

kress.de-Tipp: Im Artikel "Die 78,5-Millionen-Euro-Geschichte", erschienen in der Ausgabe 03/2018 des "Wirtschaftsjournalist", erläutert Wolfgang Messner die Hintergründe des Prozesses. Er befasst sich auch mit der Frage, ob hohe Schadensersatzforderungen gegenüber Journalisten schon Schule machen. Bei der großen Titelgeschichte im "Wirtschaftsjournalist" kommen u.a. zu Wort: Uwe Wolff, Litigation-PR-Experte, Medienrechtler Sven Krüger, Kayhan Özgenc, Investigativchef der "Bild am Sonntag", Markus Grill, Leiter des Berliner Büros der Investigativressorts von NDR und WDR, Stephan Lamby, Geschäftsführer Eco Media TV, Christian Fuchs, Investigativreporter bei der "Zeit" und Sönke Iwersen, Leiter Investigative Recherche beim "Handelsblatt". Die aktuelle Ausgabe des "Wirtschaftsjournalist" können Sie als Printausgabe oder E-Paper-Version in unserem Shop kaufen oder im iKiosk erwerben. Per Mail ist sie unter vertrieb(at)oberauer.com erhältlich.

Der "Wirtschaftsjournalist" (Chefredakteurin: Susanne Lang, Herausgeber: Johann Oberauer) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

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