"kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand über die kleinen Lügen des Journalisten-Alltags

25.06.2018
 

Von anderen fordern Journalisten gerne Ehrlichkeit. Selbst nehmen wir es damit nicht immer so genau, dabei gefährdet es unser wichtigstes Gut, meint Chefredakteur Markus Wiegand im Editorial des neuen "kress pro".

Kürzlich hatten wir in der Redaktion eine interessante Geschichte auf dem Tisch. Eine Quelle schrieb uns, dass die "Bild am Sonntag" ("Bams") über eine Vermittlungsagentur einen freien Journalisten für ihre Geldseite sucht. Der Autor oder die Autorin sollte gleich die ganze Seite schreiben, die aus einer Nutzwert-Kolumne und meist ein, zwei Nachrichtenspalten besteht. Mit 900 Euro pro Woche sollte der Auftrag ordentlich bezahlt werden und langfristig laufen. Was unsere Quelle aber empörte und auch durch Unterlagen belegen konnte: Die Seite sollte weiter unter dem Namen der Wirtschaftschefin Tanja Treser erscheinen, die mit Bild groß im Seitenkopf abgebildet ist.

Gegenrecherche bei Springer: Dort sagte ein Sprecher, das Ganze sei ein "Missverständnis" der Vermittlungsagentur. Natürlich sollte die Arbeit des Autors "wie branchenüblich mit Kennzeichnung des Autorennamens veröffentlicht werden". Wenn auch zunächst klein unter dem Text. Und: Nach "einer getestet erfolgreichen Zusammenarbeit" würde man die Rubrik unter dem Namen des Autors veröffentlichen.

Um es vorsichtig auszudrücken: Die Argumentation von Springer lässt sich durch das uns vorliegende Material nicht gerade erhärten. Aber glauben wir ausnahmsweise mal an das Gute im Menschen und bei Springer. Dann bleibt als unschöne Tatsache immer noch, dass das Blatt seinen Lesern wenigstens für einige Zeit vorgaukeln wollte, dass seine groß präsentierte Wirtschaftschefin eine Geldseite schreibt, deren Hauptautor eigentlich jemand anderes ist. Eine Quelle bei Springer fragte: Ja, sollen wir denn sofort den Kopf der Seite ändern, nur weil wir vielleicht einmal einen Autor ausprobieren wollen? Die Antwort lautet: Ja.

Die "Bams" ist immerhin das Blatt, das besonders häufig über die Betrügereien von Autoherstellern bei Abgaswerten berichtet. Einige in der Autobranche finden das alles auch nicht so schlimm. Motto: Haben doch alle gemacht.

Im Journalismus sind wir oft nicht viel besser. Viel zu oft überfordern wir Journalisten mit nur scheinbar professionellen Arbeitsweisen unsere Nutzer. Warum nennt die "Bams" nicht einfach den Autor im Kopf der Seite? Ist die Wirtschaftschefin wirklich so eine Mega-Marke? Nein. Leser, die mit den Gepflogenheiten der Branche nicht vertraut sind, gehen aber davon aus, dass eine Frau, die groß über der Seite abgebildet ist, den Text auch geschrieben hat. Das ist typisch: Wir sind als Zunft ziemlich streng, wenn es um die Beurteilung von anderen geht, bei unseren eigenen Sünden sind wir schnell dabei, sie als lässlich darzustellen.

Unnötige Unwahrheiten

Jedes der folgenden Beispiele ist ebenso wenig ein Skandal wie die "Bams"-Episode, aber absolut unnötig: So gaukeln private Radiosender ihren Hörern gerne mal vor, dass aufgezeichnete Gespräche live sind oder dass sie eigene Korrespondenten an Orten weltpolitischer Brisanz haben, obwohl sie nur Agenturen nutzen. Bei Printmedien werden auch schon mal Ortsmarken verschoben, wenn der Korrespondent nicht mittendrin, aber ganz in der Nähe ist. Und bei Zeitschriften werden freie Autoren zu Redakteuren, um die Kompetenz eines Titels zu unterstreichen.

Noch viel entspannter geht man in der Unterhaltung mit dem Thema Wahrheit um. Das Schwesterblatt der "Bams", die "Bild", enthüllte im Februar, dass sich beim ZDF-Erfolgsformat "Bares für Rares" unter den in der Schlange stehenden Menschen im Hintergrund auch Komparsen befinden. Sofort fragten sich Zuschauer in den Kommentarspalten im Netz, ob denn die Auktionsfälle echt sind. Und hat Günther Jauch, immerhin ein Ex-Journalist, eigentlich immer noch diesen Tick, bei "Wer wird Millionär?"-Sendungen so zu tun, als seien sie live, obwohl sie aufgezeichnet sind?

Die Beispiele haben eines gemeinsam: Menschen, die nicht in der Branche arbeiten, werden hinters Licht geführt. Wir leben in Zeiten, in denen die Medienbranche nur noch ein Alleinstellungsmerkmal hat: Glaubwürdigkeit. Wir sollten als Branche strenger mit uns sein und aufhören, dieses Gut ohne Not für dramaturgischen Firlefanz oder aus Eitelkeit aufs Spiel zu setzen. Dazu gehört auch eine vernünftige Fehlerkultur. Beginnen wir also damit, die Forderung gleich selbst umzusetzen: In der vergangenen Ausgabe haben wir im Ranking der Vermarkter fälschlicherweise Michael Heffler zum Chef der TV-Vermarktung für "Das Erste" gemacht. Tatsächlich kümmert sich Uwe Esser als Geschäftsleiter TV darum. Sorry.

kress.de-Tipp: Der Text von Chefredakteur Markus Wiegand ist das Editorial des neuen "kress pro": Diese Themen finden sie darin. Die Ausgabe 5/2018 kann in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt gekauft werden - und ist auch im iKiosk erhältlich. Per E-Mail kann sie unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden. "kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. Zum "kress pro"-Abo.

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