Journalismus der Zukunft: Es geht um alles - Demokratie und freie Presse

 

Constantin Seibt braucht für den Journalismus nur wenige Worte und ein schräges Bild: "Die gesamte Tradition liegt in Fetzen: Produkt, Lesergewohnheit, Sozialstatus, Geschäftsmodell." Der Schweizer Top-Journalist rechnet mit der Branche ab und gibt Rat, wie man gegen den Trend doch gestalten kann. Paul-Josef Raue hat für seine JOURNALISMUS!-Kolumne die "Bauanleitung für eine Höllenmaschine" gelesen.

 

Die "Spiegel"-Redakteure haben in ihrem Schmerz, die Online-Zeitung "Daily" schließen zu müssen, einen Tröster gesucht und ihn in Constantin Seibt gefunden. Der geht in seinem Essay, die er eine "Bauanleitung" nennt, von der These aus: Es ist schwer, fast unmöglich, Qualitäts-Journalismus im Netz zu verkaufen. Da es immer wieder Verrückte gibt, die es versuchen, wird er zum Ratgeber. Immerhin hat er es mit der Online-Zeitung "Republik" geschafft.

Seibt, einer der besten deutschsprachigen Reporter, hat bei der aufregenden Gründung seiner Zeitung auch das Management lernen müssen. Also beginnt er, bevor er zum Bauen anleitet, mit der Analyse und schreibt so melancholisch über die Gegenwart des Journalismus wie kaum ein anderer.

Er analysiert drei Gründe für den Niedergang:

  1. "Viele der großen Verlage verabschieden sich von der Publizistik. Und suchen eine Zukunft als Internethandelshaus." Das ist in der Schweiz weitaus dramatischer als in Deutschland: Seibt und Christof Moser gründeten ihre werbefreie "Republik" vor allem wegen der Medienkonzentration, der Macht in immer weniger Händen und der Sparpolitik der großen Schweizer Verlage. Sein Fazit: "Auf das 21. Jahrhundert antwortet die Verlagsbranche mit den Mitteln des 19. Jahrhunderts: mit industriellem Journalismus."

  2. "In der Verlagsbranche arbeiten nicht die einfallsreichsten Leute", eben "Verwalter statt Gestalter".

  3. Journalisten haben sich lange überschätzt und zählen nun zu den Verlierern, was alle ausnutzen: Die Verlagsmanager, die PR-Leute, die Politiker, die Leser.

Was wäre die Antwort? Wie gestalten wir die Zukunft des Journalismus statt nur die Vergangenheit zu verwalten? Die Ratschläge von Seibt sind nicht nur für Online-Startups geeignet, sondern für alle, die den Journalismus schätzen, ob gedruckt oder digital:

  1. Stellen Sie eine Mannschaft aus Spezialisten zusammen! "Wie aus einem Bankeinbrecher-Film, eine Bande mit verschiedenen Fähigkeiten: Businessplan, Marketing, IT, Organisation und Community". Es reicht nicht, nur exzellente und leidenschaftliche Journalisten um sich zu scharen.

  2. Frauen sind die Hälfte der Mannschaft! Zudem brauchen Sie einen Mix nach Herkunft und Mentalität. "Die Debatten werden zwar zäher. Aber die Lösungen entscheidend breiter."

  3. Schmieden Sie einen Plan aus einem Guss und haben Sie Geduld! Das widerspricht zwar anderen Erfahrungen im Netz: Einfach ausprobieren, eine Beta-Version nach der anderen ins Netz stellen, um die Nutzer im Aufbau-Prozess mitwirken zu lassen. Aber wahrscheinlich sind Leser, ob auf Papier oder Online, keine Beta-Typen.

  4. Machen Sie, was Journalisten besonders gut können: Erstens Recherchieren, warum etwas gelang und etwas scheiterte; zweitens den fremden Blick üben, "Abläufe, Angebote, Services" im Verlag beobachten und "Ineffizienzen, Widersprüche, Pfusch" entlarven; drittens gute Ideen bei den besten Adressen stehlen.

  5. Konzentrieren Sie sich auf nur einen Kunden: den Leser! Verzichten Sie lieber auf Werbung.

  6. Hören Sie auf, sich beim Leser zu entschuldigen! Fühlen sich die Leser auch als Chef und Komplize, hören sie verständnisvoll zu und verzeihen viel. Voraussetzung sind Vertrauen und Respekt.

  7. Investieren Sie in hohe Qualität! Dafür brauchen Sie Geld und gute Leute: "Honorare, eine aufwendige Produktion, ein Korrektorat, für schnelle Antworten ein Erste-Hilfe-Team."

  8. Treffen Sie die Leser ins Herz! Die Leser wollen kein braves Produkt mehr; "nur aus Begeisterung zahlen sie."

  9. Zeigen Sie Mut, Größe und Aufrichtigkeit! Das sind die drei Tugenden eines guten Journalismus.

  10. Machen Sie sich klar: Es geht um alles: "Demokratie, Handelsfreiheit, Gewaltentrennung und freie Presse"!

Seibts eigenes Projekt in der Schweiz, die Republik, dient ihm als Vorbild. Nur - wer will ihm nachfolgen? Wer kann es? Dies sind nicht nur Fragen an Entrepreneure, an Gründer, sondern auch an die Konzerne und großen Verlage: Gibt es in den eigenen Reihen Intrapreneure, denen man die Gestaltung anvertrauen kann? Also Angestellte, die wie Unternehmer denken und handeln dürfen? Und wenn ja: Lässt man sie frei laufen?

Beim vorletzten Tipp von Constantin Seibt - der kein Tipp ist, sondern einfach eine Notiz - haben die Redakteur von "Spiegel Daily", so ist zu lesen,  geweint: "Am Ende von SPIEGEL DAILY sehen Sie, dass Ihre Aufgabe ziemlich schwer sein wird: Immerhin lieferten dort hervorragende Leute regelmäßig Hervorragendes. Egal, welches journalistische Projekt Sie heute planen - es wird immer ein Projekt gegen die Wahrscheinlichkeit sein."

Der letzte Tipp, den Seibt anschließt, ist eine Mischung aus Wunsch und journalistischer Zynik: "Viel Glück. Sie werden es brauchen." Hinter "Viel Glück" steht kein Ausrufezeichen!

PS. Ein treffender Satz steht mittendrin im Text von Seibt:
"Ein Problem ist im Journalismus der Anlass nicht für eine Lösung, sondern für einen dunkel funkelnden Essay." Das unterscheide von Ingenieuren, die ein Problem in Einzelteile zerlegen und die Prioritäten bestimmen; und von Marketingleuten mit ihrem "unanständigen Optimismus".

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus. Im Klartext-Verlag erschien vor kurzem "Luthers Sprach-Lehre"; im Herbst kommt die Biografie des Genossenschafts-Gründers Raiffeisen heraus. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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