Nach "SZ"-Rauswurf: "Abendzeitung" verpflichtet Karikaturisten Dieter Hanitzsch

 

Der 85-jährige Karikaturist Dieter Hanitzsch hat in München eine neue publizistische Heimat gefunden. Ab sofort zeichnet Hanitzsch für die "Abendzeitung München".

"AZ"-Chefredakteur Michael Schilling freut sich über die Verpflichtung von des bekannten Karikaturisten: "Dieter Hanitzsch ist - wie die Abendzeitung - eine Münchner Traditionsmarke und hat mit der AZ eine gemeinsame Geschichte: Von 1961 bis in die Achtziger hat er bereits für die Abendzeitung gearbeitet - und freut sich jetzt über sein Comeback. So wie ich mich freue", sagt Schilling am kress.de-Telefon.

Die "Süddeutsche Zeitung" hatte Mitte Mai eine Karikatur von Hanitzsch gedruckt, die Israels Premierminister Benjamin Netanjahu in Gestalt der israelischen ESC-Siegerin Netta mit einer Sprechblase "Nächstes Jahr in Jerusalem!" und einer Rakete in der Hand zeigt. Auf der Rakete ist ein Davidstern abgebildet, im Schriftzug "Eurovision Song Contest" ersetzt ein Davidstern das "v". Der Davidstern steht als Symbol für das Volk Israel und das Judentum.

Die Darstellung war vielfach als antisemitisch kritisiert worden. "SZ"-Chefredakteur Wolfgang Krach hatte sich in einer öffentlichen Stellungnahme für die Zeichnung entschuldigt.

Im Anschluss teilte die Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung" überraschend mit, dass Hanitzsch für das Blatt nicht mehr zeichnen werde: "Grund hierfür sind unüberbrückbare Differenzen zwischen Herrn Hanitzsch und der Chefredaktion darüber, was antisemitische Klischees in einer Karikatur sind", hieß es dazu in einer Stellungnahme.

Der öffentlich teils heftig geführten Debatte mochte die Mehrheit der Mitglieder des Deutschen Presserats aber nicht folgen - einen Verstoß gegen den Pressekodex konnte der Presserat nicht erkennen. Die Gesichtszüge des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu in der Karikatur, die die "Süddeutsche Zeitung" veröffentlicht hatte, seien zwar überzeichnet, im Rahmen der Meinungsfreiheit sei dies aber zulässig. Die Grenze zur Diskriminierung von Juden nach Ziffer 12 des Kodex sei nicht überschritten.

Gerade weil der Presserat so klar entschieden habe, stehe einer Zusammenarbeit mit der Redaktion der "Abendzeitung" nichts im Wege, erklärt Chefredakteur Michael Schilling. Und er betont: "Vorwürfe, Hanitzsch sei antisemitisch motiviert, halte ich für völlig abwegig. Der Mann, der jahrzehntelang ein enger Freund des verstorbenen Dieter Hildebrandt war, hat 40 Jahre lang für die liberale "SZ" gezeichnet und ist vielfach ausgezeichnet worden", macht Schilling deutlich. Und ergänzt, warum Hanitzsch als Marke so gut zur "Abendzeitung" passt: "Mit der Verpflichtung dieses Münchner Originals werden wir die münchnerische Marke AZ weiter schärfen, Fans und Leser gewinnen und das Blatt aufwerten. Zudem ist Hanitzsch - auch als Protagonist am BR-Sonntagsstammtisch - ein Sympathieträger mit hohem Wiedererkennungswert. Er wird der AZ und ihren Lesern guttun", ist Schilling überzeugt.

Dass ein Mann im besten Seniorenalter von 85 Jahren nicht an die Rente denkt, erklärt Dieter Hanitzsch in einem ganzseitigen Interview in der "AZ" (Freitagsausgabe) übrigens so: "Weil ich nicht kann. Weil ich ein politischer Karikaturist bin, der im Kopf noch halbwegs beieinander ist und Hände hat, die seinen Gedanken folgen. So einer muss zeichnen, sonst hat er seinen Beruf verfehlt", ist Hanitzsch überzeugt. Die Verpflichtung von Hanitzsch verkündet die "Abendzeitung" auch stolz auf der Titelseite ("Münchens beliebter Karikaturist").

In der "Abendzeitung" wird sich Hanitzsch vor allem auf die Münchner und die bayerische Politik konzentrieren: "Karikaturen über München - ob es um Wohnungsbau oder Wiesnbierpreis geht - müssen sein. Das wollen die Menschenauch. Und die bayerische Politik gibt ja täglich Anlass, sie zu karikieren", verspricht der bekannte Zeichner.

Hintergrund: Die Entscheidung des Presserats im Wortlaut

"Nach Erscheinen der Netanjahu-Karikatur von Dieter Hanitzsch hatten sich acht Leser darüber beim Deutschen Presserat, der über die Einhaltung des Pressekodex wacht, beschwert. Hier seine Entscheidung: "Der Deutsche Presserat sieht in der Netanjahu-Karikatur von Dieter Hanitzsch in der ,Süddeutschen Zeitung' keinen Verstoß gegen den Pressekodex. Die Grenze zur Diskriminierung von Juden nach Ziffer 12 Pressekodex ist nicht überschritten, entschied das Gremium der freiwilligen Selbstkontrolle der Presse mehrheitlich. Die Gesichtszüge des israelischen Premierministers sind zwar überzeichnet, im Rahmen der Meinungsfreiheit ist dies aber zulässig.

Die Karikatur wurde im zuständigen Ausschuss gründlich erörtert. Einige Mitglieder kritisierten eine stereotype Bildsprache und hielten die Beschwerden für begründet. Zu sehen ist der israelische Regierungschef Netanjahu im Gewand der Eurovision-Song-Contest-Gewinnerin Netta. Er hält eine Rakete in der Hand, die mit einem Davidstern markiert ist. Im Hintergrund sieht man einen weiteren Davidstern. Die Rolle des Davidsterns als religiöses und auch staatliches Symbol wurde im Ausschuss unterschiedlich bewertet."

Hintergrund: "Abendzeitung"

Herausgeber der "Abendzeitung" in München sind Prof. Dr. Martin Balle und Dietrich von Boetticher. Die Zeitung hat eine verkaufte Auflage von 43.273 Exemplaren (laut IVW 1/2018) und wurde 1948 von Werner Friedmann gegründet. Chefredakteur ist Michael Schilling, stellvertretender Chefredakteur Thomas Müller. Chefreporterin ist Nina Job, Lokalchef ist Felix Müller, Stellvertretende Leiterin Lokales Sophie Anfang. Politik und Nachrichten leitet Natalie Kettinger, Clemens Hagen ist der stellvertretende Politik-Chef, das Feuilleton leitet Volker Isfort (Stellvertreter: Adrian Prechtel), Sportchefs sind Matthias Kerber und Christoph Landsgesell. Für Leute und damit Klatsch ist Kimberly Hoppe zuständig. Geschäftsführer der Abendzeitung München Verlags-GmbH ist Joachim Melzer, stellvertretende Verlagsleitung Dr. Patricia Scherer, den Anzeigenverkauf führt Lukas Wohlfahrt.

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Nagia El-Sayed

06.07.2018
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Nagia El-Sayed


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