Streit um Özil und Gündogan: Warum sich Chefredakteur Fatih Demireli die Frage stellt, ob er Deutscher sein darf

06.07.2018
 
 

In der Kritik stehen seit Wochen die Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan. In einem Interview mit der "Welt" legt jetzt sogar Oliver Bierhoff nach. Der Team-Manager der Nationalmannschaft sagt über Özil: "Man hätte überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet." Die gesamte Debatte sorgt bei in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Journalisten für großes Unbehagen. Wie bei Fatih Demireli, Herausgeber und Chefredakteur vom "Socrates Magazin". Er fragt: "Darf ich Deutscher sein?". Ein Debattenbeitrag.

Ich bin in München geboren. Ich war in der Kinderkrippe. Im Kindergarten. In der Schule. Auf dem Gymnasium. Ich machte eine kaufmännische und eine journalistische Ausbildung. Heute bin ich Chefredakteur eines deutschen Printmagazins. Ich war in der Grundschule der beste Schüler meiner Klasse im Fach Deutsch. Als eines von zwei Kindern mit Migrationshintergrund. Ich drücke das so unbescheiden aus, weil ich sonst in anderen Fächern zu den schwächeren gehörte. Meine damalige Lehrerin behielt mein braunes Diktatheft als Andenken bei sich, weil ich ein ganzes Schuljahr ohne Fehler ihre diktierten Sätze aufschrieb. Mein Mathematik-Heft war dagegen als Erinnerungsstück nicht zu gebrauchen. Ich ließ es in einem unbeobachteten Moment verschwinden. Ich hatte in meiner Kindheit kaum türkische Freunde, auch wenn ich mir das nicht so explizit ausgesucht hatte. Für mich war es keine Frage, ob ich unter Deutschen, Türken, Arabern oder Norwegern bin. Es war einfach so. Mein bester Freund war Grieche, die anderen waren Deutsche. Und ich war ein sehr glückliches Kind im Kreise von Thilo, Dimitrios, Anna und Co.

Auch wenn mein Opa, der in den 60er Jahren nach Deutschland kam und eine teils schwierige Zeit im fränkischen Hof erlebte, es nicht guthieß, bin ich seit fast einem Jahrzehnt stolzer Besitzer der deutschen Staatsbürgerschaft. Meinen türkischen Pass muss ich mittlerweile abgeben, was ich zwar nicht ganz verstehe, aber akzeptiere. Ich habe - seitdem ich Deutscher bin - keine Wahl verpasst. Ich bin meinen Bürgerpflichten nachgegangen, weil es mir wichtig ist, wie in meiner Gemeinde, meiner Stadt, meinem Land regiert wird. Ich, Fatih Demireli, 35 Jahre alt, bin nachweislich und gerne Deutscher. Und dennoch muss ich manchmal seltsame Gespräche führen.

"Wo kommen Sie denn her?

"Aus München."

"Nein, also so wirklich..."

"Aus dem Osten Münchens?"

"Nein, also Ihre Vorfahren."

"Meine Mutter aus Franken, mein Vat..."

"Nein!! Sind Sie Araber?"

"Äh, nein, Deutscher."

"So sehen Sie aber nicht aus."

"Gut, ich habe türkische Wurzeln."

"Genau, das meinte ich."

Ich gebe zu, dass ich nicht wirklich klassisch mitteleuropäisch aussehe. Bei Interesse schicke ich gerne mal ein Passfoto oder man googelt nach meinem Namen. Aber darf ich deswegen kein Deutscher sein? Darf ich kein Deutscher wie vieler meiner Freunde sein? Bin ich Deutscher zweiter Klasse, weil ich so aussehe wie ich aussehe? Oder weil meine Vorfahren einst woanders geboren wurden? Nicht falsch verstehen. Natürlich darf man fragen, wo meine Wurzeln liegen und ich möchte keine Rassismus-Keule auspacken, weil ich eigentlich nie derartige Probleme hatte. Ich sage auch zu meinen türkischen Freunden, dass es kein Rassismus sein muss, wenn sie mal von einem Deutschen blöd angemacht werden: "Vielleicht findet er dich einfach so scheisse?!"

Es ist kein Gefühl der Benachteiligung, wenn ich nach meiner wahren Herkunft befragt werde. Aber als jemand, der sich nicht erst integrieren musste, sondern schon immer ein Teil der Gesellschaft war und ist und als jemand, der hier gerne lebt und immer leben will, wundert es mich, dass ich mit Fragen, die vielen anderen nicht gestellt werden, konfrontiert werde. Ist es normal, dass meine vermeintliche Herkunft beschimpft wird, wenn ich im Supermarkt oder im Verkehr jemanden auf den Keks gehe?

Darf ich Deutscher sein?

Oder muss ich Deutsch-Türke sein? Muss ich mich damit begnügen, dass ich nicht komplett genug bin, um als echter Deutscher akzeptiert zu werden? Auch wenn ich den klassischen Lebenslauf eines "echten" Deutschen habe. Ich beantworte das selbst.

Ja, das muss ich.

Ich bin für meine Außenwelt Deutsch-Türke. Wie es Mesut Özil ist. Oder wie es Ilkay Gündogan ist. Letzterer ist Abiturient, ein Vorzeigemodell deutscher Integrationsarbeit und ein Paradebeispiel dafür, wie Schule und Leistungssport nebeneinander funktionieren können. Er spricht akzentfreies Deutsch, hat Gewohn- und Gepflogenheiten, wie sie ein idealer Schwiegersohn hat. Aber spricht man von Gündogan, spricht man von einem Deutsch-Türken. Wie von Özil, wie von Emre Can, wie vom Deutsch-Tunesier Sami Khedira. Und so lange man von Deutsch-Türken spricht, darf man sich nicht wundern, dass diese Menschen auch emotionale Bindungen zum Teil hinter dem Bindestrich herstellen. Und Emotionen sind meines Wissens in unserer Gesetzgebung noch nicht verboten.

Ich bin kein Fan von Recep Tayyip Erdogan, dem türkischen Präsidenten. Ich habe ihn nie gewählt und werde es auch nie tun. Seine Werte und meine Werte stimmen nicht überein. Ich werde weder ihn, noch einen anderen Präsidenten, auch wenn er mir sympathisch sein sollte und seine Politik vielleicht mit meinen Werten übereinstimmt, als "meinen Präsidenten" bezeichnen. Vielleicht bin ich da zu unpolitisch, vielleicht auch ein Ignorant. Ich bin aber auch keinem böse, der eine emotionale Bindung zu einem Politiker oder einer politischen Partei aufbaut, als wäre es ein Fußballverein. Ich kenne Ilkay Gündogan nicht persönlich. Ich kenne Menschen, die ihn kennen und sie vermitteln mir den Eindruck, den ich von ihm aus der Entfernung gewonnen habe. Das gilt auch für Mesut Özil.

Sie sind unterschiedliche Typen, haben aber doch einiges gemeinsam. Die Wurzeln ihrer Vorfahren liegen nicht in weiter Ferne. Sowohl Ilkay, als auch Mesut sind Deutsch und Türkisch aufgewachsen. Sie fuhren im Sommer mit dem Auto in die Türkei, verbrachten die Ferien im Dorf oder in Kleinstädten ihrer Eltern und als sie wieder zurück in Deutschland waren, spielten sie mit ihren deutschen Freunden Fußball und gingen mit ihnen zur Schule. Ausländer waren sie in beiden Ländern, ein komplettes Zugehörigkeitsgefühl hatten sie nirgendwo. Dieses Gefühl entwickelten sie auf dem Fußballplatz mit ihren Freunden und vielleicht ist der Fußball deswegen für viele Kinder mit Migrationshintergrund mehr als nur Hobby oder Sport, sondern die Flucht in die geistige Freiheit; in eine Welt, in der sie dazugehören. Und auch u.a. deswegen entschieden sie sich für Deutschland und nicht nur die Türkei, als es um die Nationalmannschaft ging. Denn dort sind die Türken-Deutsche und noch fremder als hierzulande.

Das Gefühl, nicht ein Teil des Ganzen zu sein, spürten ihre Eltern noch mehr als sie. Und erst recht ihre Großeltern, auch wenn viele von einer weit aus entspannteren Atmosphäre berichten als ihre Kinder und Enkel. Mein eigener Opa, der mir wegen des deutschen Passes böse war, erzählte, wie ihn seine ersten deutschen Vorarbeiter respektvoll behandelten und sein Leben leben ließen. Wie er zum Opferfest völlig selbstverständlich zu Hause bleiben durfte, ohne dafür einen Urlaubstag zu opfern. Wir leben aber wieder in einem Zeitalter, in der es nicht einfach ist, anders zu sein. Oder von woanders herzukommen.

Das Klima ist rauer geworden, die Menschen denken vielleicht nicht radikaler, aber sie handeln so, weil sie dafür nicht verurteilt werden, wenn sie andere pauschal verurteilen. Der Social-Media-Manager von Pro7 nimmt sich so das Recht als Trittbrettfahrer zu fungieren und Mesut Özil als Schuldigen für das WM-Aus auszumachen und ihm den Rücktritt nahelegt. Fast zeitgleich wie B-Politiker der AfD, die ebenfalls Özil brandmarken. Sie erzielen die gleiche Wirkung, sprechen das gleiche Publikum an. Ich möchte den Kollegen von Pro7 keineswegs radikales Gedankengut attestieren, aber noch viel schlimmer ist es, dass er dies nicht aus politischer Überzeugung macht, sondern für noch mehr Retweets, Likes und Shares. Die gefährliche Differenzierung hat den Alltag erreicht.

Vielleicht sollte man die Ehrlichkeit der Akzeptanz für Menschen mit Migrationshintergrund in diesem Land hinterfragen, wenn man sofort drastische Maßnahmen einfordert, nur weil es mit den eigenen Werten nicht kongruiert. Vielleicht muss man Gündogan und Mesut danken, dass sie eine ewige Scheinheiligkeit offengelegt haben. Ist die Vielfalt, die zum Beispiel der Deutsche Fußball-Bund per TV-Spot vor jedem Länderspiel propagiert, wirklich gegeben? Ein Spot, bei dem Ilkay und Mesut mitmachen. Ohne das Vorgehen der beiden Spieler zu legitimieren; darf man wirklich die Vielfältigkeit leben oder wird man sofort ausgestoßen, weil man beim ersten Ansatz des Andersseins erwischt wird?

Ilkay und Mesut sind Deutsch-Türken. Dürfen sie Deutsche sein? Darf ich Deutscher sein?

Autor: Fatih Demireli

Zur Person: Fatih Demireli ist Chefredakteur von "Socrates - Das denkende Sportmagazin". Der Beitrag ist zuerst in seinem persönlichen Blog erschienen.

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Ihre Kommentare
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shanon schubert

09.07.2018
!

Was hat das mit Vielfalt und Andersein zu tun??
Es geht klar darum, dass sich die beiden (als Vorbilder für junge Menschen und Vertreter der DEUTSCHEN Manschaft) mit Erdogan = nett gesagt einem Autokraten und Demokratiefeind , freundschaftlich abgelichtet haben! Man stelle sich vor Neuer hätte sich mit Alice Weidel oder einem anderen AFDler ablichten lassen = dann wäre Weltuntergangsstimmung hier! Aber mit Erdogan soll verharmlos werden, oder wie? Er steht für Unterdrückung und schlimmeres!


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