TV2 aus Dänemark: Wie ein öffentlich-rechtlicher Sender allein mit Werbung und Abos auskommt

 

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland steht unter Rechtfertigungsdruck wie selten zuvor. "kress pro" zeigt in einem Case, dass hochwertiges Radio und Fernsehen auch anders finanziert und organisiert werden kann als hierzulande: In Dänemark finanziert sich die öffentlich-rechtliche Senderfamilie TV2 allein durch Werbung und Aboeinnahmen.

Öffentlich-rechtlich heißt in Dänemark klassischerweise weder Werbung noch Abogebühren. Beim vor 30 Jahren gegründeten Fernsehsender TV2 gilt beides nicht. Die Senderfamilie (ein Haupt- und fünf Spartenkanäle plus Streamingdienst und Digitalangebot) bestreitet ihr Jahresbudget von umgerechnet rund 375 Mio. Euro (2017) fast ausschließlich aus diesen beiden Quellen. Im Gegenzug bekommt TV2 nichts von den Gebühren ab, die derzeit pro Haushalt rund 28 Euro monatlich betragen und dessen großen öffentlich-rechtlichen Konkurrenten Danmarks Radio (DR) finanzieren.

TV2 positioniert sich inhaltlich zwischen dem klassischen öffentlich-rechtlichen Sender und den Privaten. "Im Gegensatz zu DR hat TV2 das Ziel, dass so viele wie möglich unser Programm sehen, das ist ein kommerzieller Gedanke. Gleichzeitig ist unser Ziel, ständig kräftig in Nachrichten- und gesellschaftliche Berichterstattung mit investigativem Journalismus und Dokumentationen zu investieren. Das ist ein markanter Unterschied zu zum Beispiel Privatsendern", sagt Anne Stig Engdal Christensen, Direktorin Inhalt bei TV2.

Zu den Vorgaben für TV2 gehört, der dänischen Sprache und Kultur ein besonderes Gewicht beizumessen und einen Großteil der Sendungen mit Untertiteln zu versehen, so dass sie auch von Hörgeschädigten verfolgt werden können. Mehr als die Hälfte des Programms, das nicht für Nachrichten, Reklame und dergleichen genutzt wird, muss mit europäischen Produktionen bestückt werden. TV2 setzt hier vor allem auf heimische Sendungen. Jährlich müssen 42 Stunden dänische Fernsehdramen gesendet werden, 2017 kam TV2 auf 50.

TV2 ist mittlerweile zum populärsten Sender der Dänen geworden – mit einem durchschnittlichen Zuschaueranteil von 24 Prozent lag er 2017 ganz knapp vor DR1 (23,3 Prozent). Das konnte gelingen, weil der Sender beim Start vor rund 30 Jahren umsonst und von allen Dänen zu empfangen war. Die hohe Zuschauerzahl wirkt sich positiv auf Abo- und Reklameeinnahmen aus. Dass TV2 finanziell sehr solide dasteht, liegt vor allem an den Spartensendern, die profitabler sind als der Hauptkanal von TV2, aber weniger Zuschauer als der größte Private, TV3, erreichen.

Zur Senderfamilie gehören unter anderem der Nachrichtensender TV News, der Unterhaltungskanal TV Charlie und TV Zulu als Comedykanal. Sie sind nicht dem Public-Service-Auftrag unterworfen, spülen aber Geld in die Kassen. Der Zugang zu TV2 wird normalerweise über Pakete eines Kabelfernsehanbieters gekauft, über Breitband kostet das Abo eines einzelnen Kanals aus der TV2-Senderfamilie rund 5 Euro im Monat, Pakete führen zu niedrigeren Stückpreisen.

TV2 wurde gegründet, weil Politiker in den 1980er-Jahren die ausländische Konkurrenz für dänische Sender fürchteten. Die Zukunft der öffentlich-rechtlichen Sender ist in der dänischen Politik heute strittiger als damals: Die rechtsliberale Regierung und ihre Unterstützer möchten DR anders als früher explizit schwächen und auch TV2 zumindest teilprivatisieren. In den vergangenen Jahren ist immer wieder diskutiert worden, einen größeren Aktienposten des Senders zu verkaufen.

kress.de-Tipp: Welche weiteren Vorschläge in der dänischen Fernsehpolitik derzeit diskutiert werden, analysiert Clemens Bomsdorf, freier Nordeuropa-Korrespondent und Mitglied bei weltreporter.net, in einem Case für die "kress pro"-Ausgabe 5/2018. Darin beschreibt er auch ein weiteres spannendes Experiment aus Dänemark: das Modell von Radio24syv. Der private Radiosender wird über Gebühren finanziert. Die Station ist seit 2011 rund um die Uhr auf Sendung und hat pro Jahr ein Budget von rund 13 Mio. Euro zur Verfügung, finanziert aus Gebührengeldern. Hinter dem Sender stehen der Zeitungsverlag Berlingske und die Agenturgruppe People­Group. 

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