Stephan Weichert: "Mit dem Digital Journalism Fellowship schulen wir Journalisten in digitaler Transformation"

12.07.2018
 
 

Die Hamburg Media School startet im November ein berufsbegleitendes Weiterbildungsprogramm für Digitalen Journalismus: Im Interview erklärt der Spiritus Rector des "Digital Journalism Fellowship", Stephan Weichert, wie gut oder schlecht es um die digitale Transformation in deutschen Redaktionen bestellt ist und warum er ausgerechnet in der Weiterbildung den Schlüssel für den professionellen Erfolg von Journalistinnen und Journalisten erkennt.

Herr Professor Weichert, wo stehen deutsche Redaktionen in puncto Digitalisierung?

Weichert: Wir stellen seit Jahren einen Innovationsstau in deutschen Redaktionen fest. Weiterbildungsmöglichkeiten sind aus meiner Sicht der Schlüssel, mit dessen Hilfe sich redaktionelle Belegschaften, aber auch freie Journalisten aus der Innovationsfalle befreien und ihre Fähigkeiten runderneuern können. Es kann die Strategie eines Medienhauses sein, sich immer wieder jüngere Mitarbeiter einzukaufen, die per se digitale Aficionados sind. Aber die entscheidende Frage ist doch: Wie nutze ich zusätzlich die jahrelange Erfahrung und das Potential von älteren Kolleginnen und Kollegen?

Mit dem Digital Journalism Fellowship schulen wir Journalisten in digitaler Transformation, die mindestens fünf Jahre Berufserfahrung vorweisen können. Wir wollen ihnen beibringen, wie die digitalen Techniken und Tools funktionieren, welche journalistischen Trends maßgeblich sind, und welche neuen systemischen Regeln in der Digitalisierung gelten.

Wie sehr fehlt dieses Wissen in deutschen Redaktionen?

Weichert: Es kommt darauf an. Es gibt sicherlich einige Redaktionen, die weit vorne sind wie der Axel-Springer-Verlag. Es gibt in Deutschland jedoch eine Menge Redaktionen, die eher hinten dran sind und es verpasst haben, frühzeitig in die Digitalisierung ihrer Redaktionen einzusteigen. Oft fehlen Möglichkeiten, die Leute gezielt weiterzubilden, was ein Wesenselement journalistischen Fortschritts darstellt. Dieses Know-how stellen wir zur Verfügung.

Welche Kompetenzen werden im DJF genau vermittelt - und wie können die Redaktionen von diesem Know-how dann profitieren?

Weichert: Wir haben ein ausgeklügeltes Konzept entwickelt, das vor allem Hands-on-Methoden im Bereich digitales Storytelling, Podcasting oder Datenjournalismus vermittelt. Wir befassen uns auch mit der wachsenden Gesellschaftsverantwortung und den digitalen Nachhaltigkeitsstrategien im Journalismus sowie mit berufsethischen und datenrechtlichen Herausforderungen der Digitalisierung. Selbstredend werden auch kritische Themen behandelt, etwa zur digitalen Plattformökonomie oder zum Bereich Social Trust und Fake News.

Es geht im Kern um Fragen, die sich jetzt jeder Journalist stellen sollte: Was muss ich wissen, um mich in der digitalen Welt professionell zu bewegen? Wie setze ich entsprechende Tools sinnvoll ein? Wie kann ich Daten für eine journalistische Story nutzen? An welche berufsethischen Grenzen stoße ich? Ein weiteres entscheidendes Element ist an die Teilnehmer zu vermitteln, wie Start-ups denken und agieren. Deshalb spielen auch Themen wie agile Workflows und sogar das Programmieren eine große Rolle. Zum Abschluss der Fortbildung können die Teilnehmer an einem Hackathon mit Entwicklern und verschiedenen Medienpartnern teilnehmen.

Warum ist gerade die Start-up-Denke wichtig?

Weichert: Durch neue Technologien wird sich der Journalismus weiter drastisch verändern. Agiles Arbeiten und digitales Denken wird auch für die Medienbranche immer relevanter. Am Ende des Programms sollen die Teilnehmer Prototypen entwickeln können - also beispielsweise eine App oder einen Podcast, die neue Erlösmodelle für ihre Medienhäuser ermöglichen können oder das bestehende redaktionelle Portfolio erweitern. Wir wollen freien Journalisten und Redakteuren helfen, die neuesten Entwicklungen rechtzeitig zu erspüren und umzusetzen.

Lässt sich agiles Arbeiten überhaupt mit journalistischer Sorgfalt in Einklang bringen? Oder leidet darunter nicht zwangsläufig die Qualität?

Weichert: Redaktionen brauchen zweifellos feste Strukturen und Rituale, die zur Qualitätssteigerung beitragen. Aber wer im täglichen Arbeiten träge ist, wird auch träge im Kopf. Dass agiles Redaktionsmanagement und journalistische Sorgfalt sich nicht gegenseitig ausschließen, leben erfolgreiche Medienhäuser in den USA wie Vox Media, Pro Publica oder Buzzfeed bereits seit vielen Jahren vor. Zudem gibt es sehr erfolgreiche Start-ups auch in Deutschland wie Ramp 106, die die Online-Marketing-Rockstars veranstalten, denen man absolut nicht vorwerfen kann, unprofessionell zu arbeiten - ganz im Gegenteil.

Natürlich müssen die Tugenden und Werte hochgehalten werden, die im klassischen Journalismus Gültigkeit besitzen: Saubere Recherche und Faktenprüfung bleiben unabdingbar, sie erfordern unter digitalen Vorzeichen jedoch ein höheres Maß an Flexibilität, wenn es beispielsweise um die Überprüfung von Fake News im Netz geht. Und wer sich hier nicht anpassen kann, wird schon bald den Anschluss verlieren. Datenjournalismus ist ein weiteres Beispiel. Es gibt in vielen Redaktionen kaum Kompetenzen, Daten auszuwerten und dafür die richtigen Tools einzusetzen. Diese Defizite wollen wir beheben.

Nun handelt es sich um ein Stipendienprogramm, das von Facebook gefördert wird. Zuletzt machte Facebook Negativschlagzeilen durch den Cambridge Analytica Skandal und die Verbreitung von Fake-News. Kann bei einem durch Facebook geförderten Weiterbildungsprogramm überhaupt journalistische Unabhängigkeit garantiert werden?

Weichert: Man braucht schon einige Fantasie, um einen direkten Zusammenhang herzustellen zwischen Cambridge Analytica und dem, was wir als Hamburg Media School mit dem Digital Journalism Fellowship erreichen wollen, nämlich unser Know-how und unsere Ressourcen in ein journalistisches Weiterbildungsangebot zu investieren, das für die Teilnehmenden kostenfrei ist.

Das Stipendienprogramm ist inhaltlich und organisatorisch vollkommen unabhängig, es wurde von mir persönlich entwickelt, steht unter meiner inhaltlichen Federführung und wird von der Abteilung Weiterbildung der Hamburg Media School von meiner Kollegin Ulrike Dobelstein-Lüthe organisatorisch verantwortet. Zusätzlich haben wir einen 26-köpfigen Beirat mit namhaften Praktikerinnen und Praktikern einberufen, der die inhaltliche Qualität des Programms garantiert und die operative Unabhängigkeit sicherstellt.

Können Sie in einem Satz sagen, warum sich die Teilnahme an diesem Programm lohnt?

Weichert: Wenn Sie das DJF durchlaufen haben, werden Sie die Digitalisierung nicht als Bedrohung, sondern als immense Chance begreifen, um mittels eines digitalen Mindsets, das wir Ihnen vermitteln wollen, sich und ihre Redaktion in eine erfolgreiche Zukunft zu komplementieren.

kress.de-Tipp: Bis zum 12. August können sich Interessenten für das Digital Journalism Fellowship, das berufsbegleitende Weiterbildungsprogramm an der Hamburg Media School, bewerben. Das Digital Journalism Fellowship (DJF) ist eine kostenlose einjährige Fortbildung, die sich an festangestellte und freie Journalistinnen und Journalisten richtet. Auf dem Lehrplan stehen Module, die das gesamte Spektrum des Digitalen Journalismus abdecken, etwa mobiles Storytelling, Entrepreneurial Thinking, agiles Arbeiten, digitale Medienethik und Datenjournalismus. Den Abschluss bildet ein 10-tägiger Innovation Field-Trip, der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach New York City und ins Silicon Valley führen wird.

Zur Person: Mehr zu Stephan Weichert erfahren Sie in seinem vorbildlich gepflegten "Köpfe"-Profil

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