Ströer-Personalchefin Oßendorf-Will im Interview: "Unser Hunger nach Personal ist nach wie vor groß"

 

Ströer-Personalchefin Birgit Oßendorf-Will spricht über den Personalbedarf der Gruppe, rechtfertigt die Unternehmenspolitik befristeter Verträge und sagt, warum auch Bewerbungen von Lehrern willkommen sind. Das Interview ist Teil 8 einer kress.de-Gesprächsreihe mit den HR-Verantwortlichen von Medienunternehmen.

kress.de: Frau Oßendorf-Will, die Ströer-Gruppe ist in den vergangenen Jahren sehr schnell gewachsen, vor allem durch Übernahmen. Verlieren Sie als Personalleiterin und Ihre HR-Abteilung gelegentlich den Überblick über die Unternehmenstöchter und ihre spezifischen Anforderungen in Personalfragen?

Birgit Oßendorf-Will: Ich glaube nicht. Ströer hat ein gutes Procedere für die Integration neuer Unternehmensteile entwickelt. Wir unterscheiden zwischen Unternehmen, die binnen 24 Monaten voll integriert werden, und Unternehmen, die eigenständig bleiben. Auch sie können aber Konzernservices wie unsere zentrale Bewerberplattform nutzen. In manchen Fällen sind wir als HR gewünschter Sparringspartner oder machen ausschließlich die Gehaltsabrechnung.

kress.de: Gibt es bei Ströer eine einheitliche Unternehmenskultur oder stoßen ganz unterschiedliche Kulturen aufeinander?

Birgit Oßendorf-Will: Wir haben unterschiedliche Kulturen. Sie haben gemeinsam, dass wir nie vom Prozess, sondern immer vom Ergebnis her kommen, das wir erreichen wollen. Diese und auch die Hands-on-Mentalität sind ein wichtiger Teil einer gemeinsamen Kultur.

"Wir bieten über 300 offene Stellen an"

kress.de: Wie groß ist der Personalhunger der Unternehmen, die derzeit zu Ströer gehören?

Birgit Oßendorf-Will:
Der Hunger ist nach wie vor groß. Wir werden wahrscheinlich sowohl organisch als auch durch weitere Übernahmen wachsen. Über unser Jobportal bieten wir derzeit über 300 offene Stellen an.

kress.de: Welche Qualifikationen suchen Sie am dringendsten und welche Unternehmensteile haben den größten Bedarf nach neuen Mitarbeitern?

Birgit Oßendorf-Will: Es gibt drei Schwerpunkte: Wir suchen Menschen mit guten Digital- und IT-Kenntnissen. Im Bereich Dialogmarketing rekrutieren wir ständig nach, weil es in dieser Branche üblich ist, dass hier kontinuierliche Wechsel stattfinden. Und für unseren Vertrieb suchen wir Mitarbeiter, die gut auf Kunden eingehen und unsere Produktvielfalt unter einen Hut bringen können.

kress.de: Sie haben zuletzt auch viele Redakteure für Ihre Portale t-online.de und Watson.de eingestellt. Suchen Sie weiterhin?

Birgit Oßendorf-Will: Der Aufbau der beiden Redaktionen ist weitgehend abgeschlossen, wir halten aber unsere Augen weiterhin offen. Es gibt immer wieder einzelne freie Positionen.

kress.de: Wie und wo wird man als Talent am besten von Ihnen gefunden?

Birgit Oßendorf-Will: Ein großer Teil der neuen Mitarbeiter kommt über Stellenanzeigen und über unsere Karriereseite zu uns. Auch Facebook wird als Rekrutierungskanal für uns wichtiger. Wir gehen zudem regelmäßig auf Messen, weil wir dort viele nützliche Kontakte knüpfen können und gut mit Menschen ins Gespräch kommen. Viele wissen ja gar nicht, dass Ströer außer Out-of-Home und Digitalwerbung weitere Aktivitäten anbietet.

"Ich nutze alle Möglichkeiten, um au Menschen mit einem spannenden Profil zuzugehen"

kress.de: Dürfen Interessenten Sie auch direkt über Plattformen wie Xing oder Linkedin kontaktieren?

Birgit Oßendorf-Will: Es gibt Kandidaten, die das tun. Wir unterstützen das, weil es Initiative zeigt. Ich selbst nutze alle Möglichkeiten, um auf Menschen mit einem spannenden Profil aktiv zuzugehen. Gerade habe ich im Flughafenbus jemanden angesprochen, den ich interessant fand, weil er am Telefon über spannende Themen gesprochen hat.

kress.de: Hat er schon bei Ströer unterschrieben?

Birgit Oßendorf-Will: Wir führen Gespräche.

kress.de: Sie betonen gerne, dass bei Ströer auch Menschen eine Chance haben, deren Werdegang nicht gradlinig ist. An welche Fälle denken Sie dabei?

Birgit Oßendorf-Will: Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Beruf eine Berufung ist. Nur wenn mir etwas Spaß macht, kann ich gut darin sein. Wenn wir bei einem Kandidaten merken, dass er für eine Aufgabe brennt, ist sein Lebenslauf zweitrangig. Bei uns haben sich schon Lehrer beworben, die plötzlich ihre Leidenschaft für den Vertrieb entdeckt haben. Wir arbeiten daran, das in Bewerbungsgesprächen besser abzufragen.

kress.de: Wie wollen Sie das machen?

Birgit Oßendorf-Will: Ich sehe keinen Mehrwert darin den Kandidaten seinen Lebenslauf herunterbeten zu lassen. Wir möchten den Bewerber hinter dem Lebenslauf kennenlernen. Was war das Spannendste, das er gemacht hat? Was würde er heute anders oder besser machen? Wo passt das, was er oder sie gemacht hat, am besten zur Stelle?

kress.de: Heißt das im Umkehrschluss, dass Noten und Zeugnisse bei Ihnen nicht mehr so wichtig sind?

Birgit Oßendorf-Will: Das hängt vom Job ab. Wenn ich jemanden für Zahlenanalysen brauche, muss er auch Zahlenverständnis mitbringen und das spiegelt sich im Idealfall in seiner Mathe- oder Informatik Note wider. Die Note alleine kann es aber nie sein, sondern ist ein Indikator – der Bewerber muss uns davon überzeugen, dass er in diesem Fall auch aus den Zahlen Analysen erstellen kann und zu der Aufgabe passt.

kress.de: Worauf achten Sie bei Bewerbungsunterlagen von Berufsanfängern zuerst?

Birgit Oßendorf-Will: Schön ist, wenn die richtige Firma drinsteht und die Namen der Ansprechpartner richtig geschrieben sind. Das ist der erste Schritt, um zu dokumentieren, dass man sich mit dem Unternehmen beschäftigt hat. Mir ist außerdem besonders wichtig, dass junge Bewerber zeigen, dass sie teamfähig sind. Das ist für 80 Prozent der Tätigkeiten bei uns unglaublich wichtig. Wir haben Mitarbeiter eingestellt, die Jugendfreizeiten organisiert haben, Schulsprecher waren oder sich sozial engagiert haben.

"Mich hat schon immer gestört, wenn Menschen mir nicht in die Augen gucken können"

kress.de: Sie arbeiten schon lange im HR-Bereich. Gibt es etwas, was Sie an jungen Bewerbern von heute nervt?

Birgit Oßendorf-Will: Mich hat schon immer gestört, wenn Menschen mir nicht in die Augen gucken können. Und ich achte mehr als früher darauf, ob ein Kandidat auch etwas erreichen will und zu den anderen Menschen im Team passt - selbst wenn er einen sehr geschniegelten Lebenslauf hat. Am "Wollen" können wir als Unternehmen nur schwerlich arbeiten. Wissen können wir schulen. Wir erwägen bei Ströer sogar, in einigen Bereichen das Peer Recruiting einzuführen: Das Team sucht den neuen Mitarbeiter aus, und wir als HR haben mit der Führungkraft nur noch den finalen Blick darauf.

kress.de: Welche Formen von Traineeships für Hochschulabsolventen bieten Sie an?

Birgit Oßendorf-Will: Wir haben im vergangenen Jahr ein Trainee-Programm für Hochschulabsolventen mit einem BWL-Background gestartet. Neben Fach-Traineeships, zum Beispiel im Bereich HR, ist bei uns seit Kurzem auch ein General-Management-Traineeship möglich. Das war eine Idee unseres Vorstands Christian Schmalzl. Der erste Trainee ist gerade sechs Monate bei ihm mitgelaufen und wechselt jetzt in ein anderes Segment. Ausserdem gibt es Volontariate in unseren Redaktionen.

kress.de: Wie identifizieren und fördern Sie junge Talente, die schon bei Ströer an Bord sind?

Birgit Oßendorf-Will: Im September 2017 haben wir das Förderprogramm "Jump & Grow" gestartet. Mitarbeiter, die wachsen wollen und sich als Talente fühlen, konnten sich eigenständig dafür bewerben, brauchten aber für die Bewerbung ein Statement ihres Vorgesetzten. Für die Bewerbung mussten sie ein paar Kernfragen beantworten und Fähigkeiten nachweisen und in einem einminütigen Film begründen, warum sie ein Talent sind. Das Förderprogramm dauert ein Jahr und kombiniert Persönlichkeitsentwicklung, das Lernen von agilen Arbeitsmethoden, Netzwerken, und ein bisschen Forschung und Entwicklung.

kress.de: Hilft die Teilnahme tatsächlich bei der weiteren Karriere?

Birgit Oßendorf-Will: Wir versprechen den Teilnehmern keinen neuen Job, aber für einige hat sich schon etwas Neues ergeben. Das liegt daran, dass sie ihr Netzwerk konzernweit erweitern und auch beispielsweise in Vorstandskamingesprächen neue Wege erkennen.

kress.de: Die Ströer-Gruppe ist in vielen Bereichen, in denen sie aktiv ist, Marktführer. Heißt das, dass Sie auch Spitzengehälter zahlen?

Birgit Oßendorf-Will: Wir zahlen marktüblich. Es ist aus meiner Sicht schade, wenn die Motivation nur vom Gehalt abhängig wäre.

kress.de: Bei welchen Positionen spielt denn Geld dennoch eine wichtige Rolle?

Birgit Oßendorf-Will: Der Markt für IT-Spezialisten ist hart umkämpft. Interessanterweise geht es Bewerbern oft nicht in erster Linie ums Geld. Sie fragen: Kann ich mich in einer Position verwirklichen? Welche weiteren Karriereschritte sind möglich? Wieviele Freiheiten habe ich?

kress.de: Sie werben offensiv damit, die Sicherheit eines Konzerns mit der Innovationskultur eines Startups zu verbinden. Wie passt Ihr Sicherheitsversprechen zum Umgang mit t-online.de: Ströer hat nach der Übernahme des Portals die alte Redaktion aufgelöst.

Birgit Oßendorf-Will: Wir haben das Portal t-online.de zukunftsfähig aufgestellt und den Standort in die Hauptstadt nach Berlin verlegt, an den Puls des politischen Geschehens – für Deutschlands reichweitenstärkstes Newsportal unabdingbar. Und wir haben als Arbeitgeber für diejenigen, die nicht mit nach Berlin gegangen sind, mehr getan, als Konzerne das für gewöhnlich tun: Der Sozialplan war sehr gut, und wir haben eine Transfergesellschaft etabliert, die ein Jahr lang 90 Prozent der Bezüge bezahlt hat.

kress.de: Beim Stichwort "Sicherheit eines Konzerns" dürften Mitarbeiter vor allem an sichere Arbeitsplätze und nicht an üppige Sozialpläne oder attraktive Konditionen in Transfergesellschaften denken.

Birgit Oßendorf-Will: Das ist eine Frage der Sichtweise. Über 90 Prozent derjenigen, die in die Transfergesellschaft gegangen sind, haben eine andere Aufgabe gefunden. Mir haben einige gesagt, dass der Wechsel positive Auswirkungen hatte und ein guter Start für Neues war.

"Die Bewerber und zukünftigen Mitarbeiter sehen befristete Verträge in der Regel nicht kritisch"

kress.de: Neue Redakteure bei t-online.de und Watson.de erhalten, sofern sie keine Führungsfunktion haben, nur einen befristeten Vertrag. Auch das passt nicht zum Versprechen von Sicherheit.

Birgit Oßendorf-Will: Wir machen das an vielen Stellen im Konzern so, es gehört zu unserer HR-Politik. Wir wollen gemeinsam mit einem neuen Mitarbeiter ein Stück des Weges gehen, und dann soll es eine bewusste Entscheidung füreinander und ggf. eine Entfristung des Vertrags geben. Die Bewerber und zukünftigen Mitarbeiter sehen das in der Regel nicht kritisch.

kress.de: Sie selbst haben Kinder und Karriere unter einen Hut gebracht, als Sie bei anderen Unternehmen der IT-Wirtschaft beschäftigt waren. Haben Sie sich damals optimal durch Ihre Arbeitgeber unterstützt gefühlt?

Birgit Oßendorf-Will: Ich hatte einmal einen Arbeitgeber, der mir bei meiner ersten Schwangerschaft Teilzeit angeboten hat, dann aber einen Rückzieher gemacht hat. Das hat mich dazu veranlasst, meinen Mitarbeitern immer Teilzeit zu ermöglichen, wenn ich in einer verantwortlichen Position bin. Bei Ströer haben wir flexible Arbeitszeiten und in vielen Bereichen Vertrauensarbeitszeiten. Die meisten unserer Mitarbeiter haben den Anspruch, volle Leistung zu bringen, wollen sich ihre Arbeitszeit aber selbst einteilen. Das Ergebnis zählt.Ich kenne viele im Konzern, die nachmittags nach Hause gehen und sich abends noch zwei Stunden an den Rechner setzen. Auch meine Arbeitgeber haben mir diese Freiheit ermöglicht, aber ohne einen sehr emanzipierten Mann hätte ich Kinder und Karriere dennoch nicht vereinbaren können. Es kommt auf eine Kombination aus solchen privaten Faktoren und der Haltung eines Unternehmens an.

kress.de: Würden Sie Ströer als ein familienfreundliches Unternehmen bezeichnen?

Birgit Oßendorf-Will: Wir sind ja ein familiengeführtes Unternehmen. In der Gesamtorganisation gibt es unglaublich viele Väter, die Elternzeit nehmen, viele Mütter, die kurz nach der Geburt ihres Kindes an den Arbeitsplatz zurückkehren, und viele Mütter und Väter, die in Teilzeit arbeiten. Ich denke, wir sind in dieser Beziehung gut aufgestellt.

Zur Person: Birgit Oßendorf-Will, 55, ist seit 2016 Personalleiterin der Ströer-Gruppe. Frühere berufliche Stationen der Betriebswirtin waren die Deutsche Telekom und Unity Media.

Das Gespräch mit Birgit Oßendorf-Will ist Teil 8 einer kress.de-Interviewreihe mit den Personalverantwortlichen von Medienunternehmen. Lesen Sie auch:

Teil 1 - Florian Klages, Leiter Corporate HR bei Axel Springer, verrät, wie man bei Springer schnell Karriere macht.

Teil 2 - Jannis Tsalikis, HR-Director von Vice Media, sagt, welche Sätze er in Bewerbungen nicht lesen will.

Teil 3 - Adrian Schimpf, Leiter Personal & Recht bei der Madsack Mediengruppe, sagt, was er bei jungen Job-Bewerbern manchmal vermisst.

Teil 4 - Ulf Werkmeister, Personalchef von ProSiebenSat.1 Media, erzählt, warum er mit seinen Kollegen beim "Breakfast mit Ulf" über die Unternehmenskultur diskutiert.

Teil 5
- Jasmin Meier, Abteilungsleiterin Personal beim Mittelbayerischen Verlag, erklärt, wie ihr Haus "Volontäre mit Marktsicht" ausbildet.

Teil 6 - Günter Maschke, Personalchef von Gruner + Jahr, ermutigt Geisteswissenschaftler dazu, eine kaufmännische Karriere bei G+J anzugehen.

Teil 7 - Thomas Gottlöber, Personalchef der Handelsblatt Media Group, wünscht sich mehr Bewerbungen von "Querdenkern".

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