Discovery-Personalchefin Sander im Interview: "Schulzeugnisse schaue ich mir nicht mehr an"

 

Bettina Sander, Personalchefin bei Discovery in München, sucht für das TV-Unternehmen nach Talenten in den Bereichen Sales, Media Operations, Online-Redaktion und Office Management. Offenheit und Empathie der Bewerber sind ihr wichtig, nicht aber deren Schulzeugnisse. Das Interview ist Teil 9 einer kress.de-Gesprächsreihe mit den Personalchefs von Medienunternehmen.

kress.de: Discovery Deutschland ist die 100-prozentige Tochter eines US-Unternehmens. Ist Ihre Unternehmenskultur auch amerikanisch geprägt?

Bettina Sander: Uns macht aus, dass wir eine Mischung aus zwei Welten sind: Einerseits sind wir bayerisch-mittelständisch geprägt, andererseits Teil eines internationalen Medienkonzerns. Bei uns arbeiten 170 Mitarbeiter aus 18 Nationen. Viele von ihnen kommen nicht aus München oder der Umgebung. Es ist Teil unserer Kultur, ihnen dennoch eine Heimat zu geben und sie bei der Eingewöhnung zu unterstützen. Wir bieten daher zum Beispiel in und außerhalb der Arbeitszeit viele Sport- und sonstige Freizeitaktivitäten an. In dieser Beziehung sind wir sehr amerikanisch geprägt.

"Wer nicht agil denkt und arbeitet, wird im Wettbewerb nicht überleben können."

kress.de: Mit einer US-Unternehmenskultur verbindet man in Deutschland auch Unangenehmes wie lange Arbeitszeiten und eine Hire-and-Fire-Mentalität. Gilt das für Discovery auch?

Bettina Sander: Nein, im Gegenteil. Flexibilität und Agilität sind bei uns ganz wichtig. Wer nicht agil denkt und arbeitet, wird im Wettbewerb nicht überleben können. Das betrifft jedes Unternehmen und jede Branche. Unsere Mitarbeiter können Home-Office machen, wir praktizieren Job-Sharing, und bieten gerade auch Müttern, die aus der Elternzeit zurückkommen, verschiedene Teilzeitmodelle an. Discovery Deutschland steht aber auch für Langfristigkeit. Wir wollen unsere Mitarbeiter langfristig binden, deshalb haben wir zum Beispiel einen sehr großzügigen Pensionsplan und bieten ausschließlich unbefristete Verträge an.

kress.de: Agilität ist ein schillernder Begriff. Was genau meinen Sie damit?

Bettina Sander: Der Begriff hat viele Aspekte. Er bedeutet, dass Discovery ein Unternehmen ist, das sich sehr dynamisch entwickelt und wir unsere Mitarbeiter mit auf diese Reise nehmen wollen. Er bedeutet auch, dass bei uns wenig Platz für hierarchisches Denken ist und man sich auf Augenhöhe begegnet. Agilität kann sich aber auch auf den Arbeitsplatz beziehen. An einigen Standorten von Discovery haben die Mitarbeiter keinen eigenen Schreibtisch mehr. Sie setzen sich dahin, wo gerade Platz ist, und profitieren so vom Austausch mit unterschiedlichen Kollegen.

kress.de: Wollen Sie das in Deutschland auch so machen?

Bettina Sander: Wir haben schon analysiert, in welcher Form und für welche Mitarbeiter das sinnvoll wäre, und machen erste Schritte in diese Richtung.

kress.de: Durch den Erwerb von TV-Rechten für die Bundesliga und für die Olympischen Spiele haben Sie in den vergangenen Jahren für Furore gesorgt. War und ist das auch mit einem steigenden Bedarf nach Mitarbeitern verbunden?

Bettina Sander: Ich bin seit neun Jahren im Unternehmen, und wir sind stetig gewachsen. Es ist aber schwer, für die Zukunft konkrete Zahlen zu nennen, weil unser Personalbedarf unter anderem auch vom Erwerb weiterer Sportrechte oder anderer Akquisitionen und dem Ausbau von Geschäftsfeldern abhängt.

"Man muss innovativ sein, um Talente zu finden"

kress.de: Auf Ihrer Website bieten Sie derzeit nur einen Job an, eine Praktikumsstelle. Gibt es keine weiteren offenen Stellen?

Bettina Sander: Unsere Website ist nicht der wichtigste Kanal für die Suche nach neuen Mitarbeitern. Wir sprechen sie lieber direkt an oder über soziale Netzwerke und fachspezifische Medien. Man muss heutzutage innovativ sein, um Talente zu finden. Wir sind daher vor einem Jahr eine enge Kooperation mit der Hochschule Macromedia eingegangen. Studenten arbeiten bei uns an Projekten wie der Produktion von Imagevideos oder Web-Shows mit. Das läuft sehr erfolgreich. Bei uns machen Praktikanten etwa 10 Prozent der Belegschaft aus, und viele von ihnen kommen jetzt über die Kooperation mit der Hochschule Macromedia zu uns.

kress.de: Der Praktikantenanteil ist sehr hoch. Bieten Sie Praktikanten und Volontären auch anständige Konditionen?

Bettina Sander: Wir haben den Anspruch, Praktikanten und Volontäre gut auszubilden, und setzen die nötigen Ressourcen dafür ein. Ein Praktikum dauert grundsätzlich bis zu einem halben Jahr und ein Volontariat mindestens ein Jahr. Aktuell verdienen Praktikanten bei uns mehr als den vorgeschriebenen Mindestlohn, nämlich 1.475 Euro pro Monat. Volontäre erhalten 1.700 Euro pro Monat.

kress.de: Welche Perspektiven bieten Sie jungen Leuten nach Praktikum oder Volontariat?

Bettina Sander: Es ist keine Seltenheit, dass daraus eine Festanstellung wird.

kress.de: Welche Mitarbeiter suchen Sie derzeit besonders händeringend?

Bettina Sander: Wir suchen Talente in vielen Bereichen, aktuell im Bereich Sales, Media Operations, der Online-Redaktion und im Office Management.

kress.de: Sie haben angekündigt, 2019 gemeinsam mit ProSiebenSat.1 ein Streaming-Angebot in Betrieb zu nehmen. Kann man sich dafür schon bewerben?

Bettina Sander: Wenn die vollständige Zustimmung der Kartellämter vorliegt, starten wir in die Implementierungsphase. Mit dem sukzessiven Aufbau der Plattform werden sich aber sicherlich viele Möglichkeiten für zahlreiche Bewerber aus den unterschiedlichsten Bereichen ergeben.

"Bewerber wissen, dass Discovery ein innovatives Unternehmen ist, das viel Geld investiert."

kress.de: Die ProSiebenSat.1-Gruppe ist auf dem Arbeitsmarkt auch Ihr Konkurrent. Wie überzeugen Sie jemanden, der dorthin gehen könnte, stattdessen zu Discovery zu kommen?

Bettina Sander: Ich merke in vielen Interviews mit Bewerbern, dass ihnen unsere internationale Ausrichtung wichtig ist. Sie wissen auch, dass Discovery ein innovatives Unternehmen ist, das viel Geld investiert. In dieser Beziehung grenzen wir uns von unserer Konkurrenz speziell im Münchner Raum ab. Ein wichtiges Argument für Discovery ist natürlich auch unsere Team-Kultur. Das merken die Kandidaten für eine Stelle oftmals bereits am Empfang, wenn sie vor ihrem Bewerbungsgespräch hier den offenen und herzlichen Umgang miteinander beobachten und auch selbst spüren können.

kress.de: Bedeutet Internationalität auch, dass Mitarbeiter gute Chancen haben, mit Discovery ins Ausland zu gehen?

Bettina Sander: Absolut. Diese Möglichkeit besteht, und wir fördern das auch. Ein Wechsel ins Ausland scheitert häufiger an mangelnder Mobilität von Mitarbeitern, die unbedingt in München bleiben wollen, als an mangelnden Möglichkeiten.

kress.de: Wie setzt sich Ihre Belegschaft überhaupt zusammen?

Bettina Sander: Der Altersdurchschnitt beträgt 37 Jahre. Wir haben viele weibliche Führungskräfte, im mittleren Management sind sie sogar in der Mehrheit. Und die Fluktuation lag im vergangenen Jahr bei nur 5 Prozent.

kress.de: Was erwarten Sie außer einer bestimmten fachlichen Qualifikation von Mitarbeitern?

Bettina Sander: Ich möchte, dass jeder Mitarbeiter eine Perspektive für seine persönliche Entwicklung sieht im Unternehmen, Lust darauf hat, immer wieder Neues zu wagen und Veränderung als etwas Positives sieht. Und er sollte Offenheit und Empathie mitbringen und die Bereitschaft, allen Menschen auf gleicher Augenhöhe zu begegnen – egal welchen Geschlechts, welcher Herkunft und welcher Kultur.

kress.de: Wie wichtig sind für eine Karriere bei Discovery Noten, Zeugnisse und Studienabschlüsse?

Bettina Sander: Schulzeugnisse schaue ich mir gar nicht mehr an. Ich habe auch nichts gegen Quereinsteiger. Menschen, die von außerhalb der Branche zu uns kommen, bringen oft neue Ideen mit.

Zur Person: Bettina Sander, 48, arbeitet seit 2009 für Discovery Communications. Seit 2016 ist sie dort Senior HR Business Partner GSA & Benelux.

Das Gespräch mit Bettina Sander ist Teil 9 einer kress.de-Interviewreihe mit den Personalverantwortlichen von Medienunternehmen. Lesen Sie auch:

Teil 1 - Florian Klages, Leiter Corporate HR bei Axel Springer, verrät, wie man bei Springer schnell Karriere macht.

Teil 2 - Jannis Tsalikis, HR-Director von Vice Media, sagt, welche Sätze er in Bewerbungen nicht lesen will.

Teil 3 - Adrian Schimpf, Leiter Personal & Recht bei der Madsack Mediengruppe, sagt, was er bei jungen Job-Bewerbern manchmal vermisst.

Teil 4 - Ulf Werkmeister, Personalchef von ProSiebenSat.1 Media, erzählt, warum er mit seinen Kollegen beim "Breakfast mit Ulf" über die Unternehmenskultur diskutiert.

Teil 5
- Jasmin Meier, Abteilungsleiterin Personal beim Mittelbayerischen Verlag, erklärt, wie ihr Haus "Volontäre mit Marktsicht" ausbildet.

Teil 6 - Günter Maschke, Personalchef von Gruner + Jahr, ermutigt Geisteswissenschaftler dazu, eine kaufmännische Karriere bei G+J anzugehen.

Teil 7 - Thomas Gottlöber, Personalchef der Handelsblatt Media Group, wünscht sich mehr Bewerbungen von "Querdenkern".

Teil 8 - Birgit Oßendorf-Will von der Ströer-Gruppe, verrät, dass sie manchmal im Bus potenzielle Job-Kandidaten anspricht.

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