Warum Paul-Josef Raue zur Sommer-Lektüre von "Evian 1938" rät

 

Die heißen Tage im Sommer sind Lese-Tage. Paul-Josef Raue empfiehlt in seiner "Journalismus!"-Kolumne "Evian 1938": Es ist das Buch über eine Flüchtlings-Konferenz im Juli vor 80 Jahren, in der Jochen Thies Parallelen zu aktuellen Debatten entdeckt. Der Journalist zeigt, dass Recherchen in historischen Archiven investigativ und überraschend sein können - vor allem wenn sie spannend erzählt werden und eine Brücke in die Gegenwart schlagen, ohne den Leser zu bevormunden.

Die Konferenz von Evian 1938 wird Anfang Juli zum Thema bei einer Andacht im Braunschweiger Dom, dem "Wort zum Alltag". Der Kirchenvorsteher Heiko Frubrich zitiert Golda Meir, die bei der Konferenz in Evian zuhört und: "Dazusitzen, in diesem wunderbaren Saal, zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander aufstanden und erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich leid es ihnen tue, dass sie das leider nicht tun könnten, war eine erschütternde Erfahrung." Und Meir, die später Ministerpräsidentin in Israel wird, fährt fort:

"Ich hatte Lust aufzustehen und sie alle anzuschreien. Wisst ihr denn nicht, dass diese verdammten 'Zahlen' menschliche Wesen sind? Menschen, die den Rest ihres Lebens in Konzentrationslagern oder auf der Flucht rund um den Erdball verbringen müssen wie Aussätzige, wenn ihr sie nicht aufnehmt?" Der Journalist Jochen Thies hat dies Zitat in den  Erinnerungen von Golda Meir entdeckt, die aber vor schnellen Vergleichen warnt: "Damals konnte ich natürlich noch gar  nicht wissen, dass den Flüchtlingen, die niemand wollte, der Tod in Vernichtungslagern drohte."

Thies bleibt ebenfalls zurückhaltend und vergleicht die aktuelle Flüchtlings-Debatte mit der vor achtzig Jahren: "Heute liegen die Akzente anders, aber die Lähmungserscheinungen gleichen sich… Sogar der Sprachgebrauch damals und heute ähnelt sich."

Vor achtzig Jahren beobachten Journalisten aus allen Kontinenten die Debatte; in Evian spielten sie übrigens im Kasino nächtelang Baccara. Der Korrespondent der "New York Times" beschreibt eine "Atmosphäre der Ungastlichkeit" und vergleicht die Verhandlungen als ein "wenig Vertrauen erweckendes Pokerspiel"; jede Seite versuche, verstärkte Einwanderung abzuwenden und die Last beim jeweils anderen abzuladen.

Thies beruft sich in seiner spannend erzählten Reportage immer wieder auf die Berichterstattung der Korrespondenten. Der bekannteste ist William Lawrence Shriver, der in Berlin für den Sender CBS arbeitet; in seinem "Berliner Tagebuch", das 1941 ein Bestseller war in den USA, schreibt er:

"Briten, Franzosen und Amerikaner scheinen ängstlich bemüht, nichts zu tun, was Hitler verletzen könnte. Es ist eine absurde Situation. Sie wollen den Mann beschwichtigen, der für das Problem verantwortlich ist. Die Nazis werden es natürlich begrüßen, wenn die Demokratien ihnen auf eigene Kosten die Juden abnehmen." Und in einer knappen Notiz bemerkt er das Desinteresse der Redaktion in  New York: "Wir berichten auch höchst lückenhaft."

Die französischen Zeitungen kommentieren den Zwiespalt wie etwa die katholische "La Croix": Frankreich drohe bei Aufnahme der Flüchtlingen die "Selbstzerstörung auf dem Altar der Nachbarschaftsliebe", aber es sei auch verpflichtet, sich "aufrichtig und menschlich" zu verhalten. "La Depeche de Toulouse" schaut auf das Wohlergehen der Nation, das von den Juden bedroht werde,  da sie die Assimilierung der französischen Leitkultur verweigerten.

Auch Nazi-Zeitungen nehmen Notiz von der Konferenz wie die Wochenzeitung "Reichswart", die einen Artikel titelt: "Juden billig abzugeben – wer will noch mal? Niemand!" Thies zitiert auch aus einer Rede Hitlers vor Journalisten im Herbst 1938: "Die Presse, meine Herren, kann Ungeheures erreichen und eine ungeheure Wirkung ausüben, dann wenn sie selber ein Mittel zum Zweck ist."

Das Echo auf das Scheitern der Konferenz fällt in den amerikanischen Zeitungen vernichtend aus: "Time" zum Beispiel bezieht sich auf das berühmte Quellwasser und spottet, Evian sei die "Quelle von stillem und langweiligem Mineralwasser". Optimistischer sind die britischen Journalisten, während das französische "Journal de Geneve" sogar von einem "vollständigen Erfolg" spricht.

Die Untätigkeit der Staaten in Evian lade Hitler geradezu ein, resümiert Thies, den Krieg intensiv vorzubereiten ebenso wie Vertreibung und Vernichtung der Juden.  So nennt Hitler denn auch die Konferenz zynisch ein "beschämendes Schauspiel": Die ganze Welt der Demokratie triefe vor Mitleid und bleibe "dem armen gequälten jüdischen Volk gegenüber allein hartherzig verstockt".

Thies' Buch besticht vor allem durch seinen erzählerischen Ton: Er kommentiert wenig, er lässt die Geschichten wirken und überlässt den Lesern das Urteil. Thies' Arbeitsweise ist eine journalistische, die er so beschreibt:

"Die Schilderung dieser zehn Tage mit ständig wechselnden Schauplätzen ist authentisch, sie greift ausnahmslos auf zeitgenössische Quellen zurück. Der Zehn-Tages-Report ist an keiner Stelle fiktional, auch wenn vieles, was sich vor mehr als einem Dreivierteljahrhundert in Evian abspielte, dem heutigen Menschen wie eine Fiktion vorkommen mag."

Auch wenn sich Geschichte nicht wiederhole, scheint vieles den heutigen Ereignissen zu gleichen, resümiert Thies: "Ja, man könnte bei der Lektüre den Eindruck haben, dass der Autor eine Nachricht vom 15. Juli 1938 mit einer gleichen Datums im Jahre 2017 verwechselt hat."

kress.de-Info: Jochen Thies hat ein bewegtes Leben: Geboren wird er kurz vor Kriegsende im ostpreußischen Rauschen, in der Bundesrepublik wird er Studienrat im Schwarzwald, schreibt seine Dissertation über "Hitlers Endziele", macht Karriere: als Redenschreiber von Kanzler Helmut Schmidt, als Ressortleiter Außenpolitik der "Welt", als Direktor des englischen Programms der "Deutsche Welle" und als Sonderkorrespondent bei "Deutschlandradio Kultur". Und momentan: "...bin ich als Kolumnist und Publizist tätig", schreibt er in seinem Blog.

kress.de-Tipp: Jochen Thies: Evian 1938. Als die Welt die Juden verriet. Klartext-Verlag Essen, 200 Seiten, 18,95 Euro

Zum Autor: Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus. Zudem ist er Autor verschiedener Bücher über die innerdeutsche Grenze und die Ost-West-Geschichte Deutschlands: "Grenzwanderung", "Thüringer Grenz-Wege" und "Die unvollendete Revolution"; vor kurzem erschien "Luthers Sprach-Lehre", und im Herbst kommt die Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen heraus. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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