Wie die "Zeit"-Wirtschaftsredaktion besser auf ihre Leser hören möchte

 

Näher ran an die Sorgen, Nöte und die Kreativität der Menschen im Land: Die "Zeit"-Wirtschaftsredaktion unter Ressortleiter Uwe Jean Heuser ruft in Kooperation mit Wencke Tzanakakis, Leiterin des Programms "Freunde der Zeit", die Leser dazu auf, sich für einen neuen "Wirtschaftsrat" zu bewerben. Er soll der Hamburger Traditionszeitung Anregungen liefern. Im Interview mit kress.de erklären sie ihre Ziele.

kress.de: Liebe Kollegen, Sie wollen in Zukunft ausgewählte Leser eng in die Berichterstattung und Themensetzung der "Zeit" einbinden. Warum dieser Schritt?

Uwe Jean Heuser: In der Tat wollen wir uns mit dem "Zeit"-Wirtschaftsrat neue Ideen und Erfahrungen erschließen – Perspektiven, auf die wir selbst nicht ohne weiteres gekommen wären. In Wirtschaft und Gesellschaft tun sich heute neue Streit- und Spaltlinien auf. Da ist es wichtiger denn je, eine echte Vielfalt der Zugänge zu gewährleisten. Und nach allem, was wir wissen, findet man unter unseren Lesern eine erstaunliche Vielfalt.

Wencke Tzanakakis: Bei den Freunden der "Zeit" machen wir seit einem knappen Jahr zahlreiche überraschende Erfahrungen mit dem Austausch zwischen Lesern und Journalisten. Etwa bei der Beauftragung von Recherchen im Leserparlament, bei der Abstimmung über die spannendsten Debatten, zu denen wir jetzt am Tag der "Zeit" 2018 Rede und Antwort stehen werden oder mit der ersten Einladung an Leser zur Blattkritik in die große Konferenz der "Zeit". Das alles bestärkt uns in dem Eindruck, dass es viele Leser gibt, die sich in dieser Zeit mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen aktiv einbringen wollen, auch wenn sie selbst keine Journalisten sind. Wir empfinden die so entstehenden Lesergespräche als höchst konstruktiv.

kress.de: Welche Erkenntnisse erwarten Sie sich von den Berichten über die Lebenswelten Ihrer Leser konkret?

Uwe Jean Heuser: Es würde der offenen Natur unseres Experiments widersprechen, wenn wir das schon sagen könnten. Wir wollen uns ja gerade überraschen und inspirieren lassen. Die Mitglieder des Rates können vorkommen als Impulsgeber, aber auch mit Zitaten oder einfach, indem sie mit einer Facette ihres Wirtschaftslebens vorgestellt werden. 

"Leser haben uns auf Themen aufmerksam gemacht, die für sie von besonderer Relevanz waren."

kress.de: Spricht aus dem neuen Modell auch das Gefühl eines Defizits heraus, dass es selbst der "Zeit" gelegentlich passiert, an den tatsächlichen Leserinteressen im Land vorbeizuschreiben?

Uwe Jean Heuser: Es geht uns nicht um die Ausrichtung an Leserinteressen sondern darum, Einblick in die diversen Lebenswirklichkeiten in unserem Land zu gewinnen und sie so in unserer Berichterstattung noch besser und facettenreicher abbilden zu können. Der Rat gibt uns beispielsweise die Möglichkeit, eine Rentenreform oder auch etwas wie Horst Seehofers Masterplan rasch mit ganz unterschiedlichen Leserperspektiven zu spiegeln. Außerdem haben uns auch schon bisher Leser auf Themen aufmerksam gemacht, die für sie von besonderer Relevanz waren. Dadurch waren wir zum Beispiel beim Streitthema Glyphosat früh mit einer Analyse dabei. Für solche Anregungen wollen wir mit dem Wirtschaftsrat einen festen Rahmen schaffen.

Wencke Tzanakakis: Eine Berichterstattung, die "an Leserinteressen" ausgerichtet ist, das klingt nach Auftragsjournalismus der plumpen Art. Der Wirtschaftsrat bietet im besten Fall eine größere Vielfalt der Perspektiven, die uns alle – Journalisten ebenso wie Leser – überraschen könnte. Ich glaube nicht, dass es im Wirtschaftsrat ein eindeutiges Leserinteresse gibt, sondern eher viele unterschiedliche. 

kress.de: Wie und nach welchen Kriterien werden Sie die Mitglieder des künftigen Leserrats auswählen?

Uwe Jean Heuser: Nach einem Auftaktartikel im Wirtschaftsteil wird es auf Zeit Online und im Newsletter der Freunde der "Zeit" einen Fragebogen geben, den interessierte Leser ausfüllen können. Auf der Basis werden wir versuchen, eine möglichst große Vielfalt in dem Gremium zu schaffen. Also nicht nur Leser aus den Städten, sondern auch auf dem Land zu finden. Wohlhabende und ärmere, aus unterschiedlichen Teilen des Landes, mit und ohne Familie – und so weiter. 

kress.de: Wie wollen Sie sicherstellen, dass Sie nicht nur auf Stimmen stoßen, die sich der "Zeit" ohnehin eng verbunden fühlen und damit in etwa auf Linie der bisherigen Berichterstattung liegen?

Uwe Jean Heuser: Sicher wird uns da die Erfahrung der Kolleginnen von "Freunde der Zeit" sehr helfen, die unsere Leser kennen, wie kaum jemand sonst. Und schon in dem Auftaktstück und auch online machen wir deutlich: Wir wollen unterschiedliche Lebenswelten und auch wirklich verschiedene Sichtweisen. An der Stelle dürfen die Leser uns testen.

"Der Kontakt soll in beide Richtungen gehen."

kress.de: Wie wird die Arbeit mit dem Leserrat konkret im Redaktionsalltag aussehen?

Uwe Jean Heuser: Das, was im Rat vor sich geht oder aus ihm kommt, wird in unseren Konferenzen und in der Arbeit einzelner Redakteure eine Rolle spielen. Wollen wir die Erfahrung eines einzelnen Ratsmitglieds bei der Arbeit einfangen? Nehmen wir eine Idee auf und dokumentieren das? Brauchen wir ein Zitat von einem oder mehreren der Mitglieder? Um solche Fragen dürfte es dabei gehen. Der Kontakt soll ja in beide Richtungen gehen - die Leser kommen auf uns zu, und bei passender Recherche auch wir auf sie.

kress.de: Wie realistisch schätzen Sie die Chancen ein, dass Stimmungsbilder und Meinungen aus dem Leserrat auch tatsächlich in Ihre Berichterstattung Eingang finden werden?

Uwe Jean Heuser: Sehr realistisch. Wir meinen es ernst damit, wollen die Ratsmitglieder unseren Lesern präsentieren und auch jedes Mal dokumentieren, wenn ihr Einfluss spürbar wird.

"Der Wirtschaftsrat soll ein Rat sein, keine Redaktion und auch kein Parlament."

kress.de: Wie groß ist aus Ihrer Sicht die Gefahr, den Leserrat gelegentlich doch zu enttäuschen, weil nicht alle Anregungen eins zu eins aufgegriffen werden können?

Uwe Jean Heuser: Der Wirtschaftsrat soll ein Rat sein, keine Redaktion und auch kein Parlament. Wir kommunizieren das ehrlich und werden mit den Mitgliedern des Wirtschaftsrats wiederholt über die Entwicklung der Zusammenarbeit reden. Das alles wird zunächst einmal spannend sein und hoffentlich allen Freude machen. Dann kommt es auch nicht zu Enttäuschungen.

kress.de: Wie werden Sie die Ergebnisse aus dem Austausch mit dem Leserrat Ihren Redaktionskollegen zugänglich machen?

Uwe Jean Heuser: Wir werden jemanden haben, der die Erstkommunikation übernimmt, der auch Ideen aus dem Austausch der Ratsmitglieder untereinander weiterträgt und ebenso Redakteuren den Weg zu einzelnen Mitgliedern weisen kann.

kress.de: Welches Vorbild hat sich die "Zeit" für den neuen Leserrat gewählt und warum?

Uwe Jean Heuser: Wir hatten kein Vorbild, sondern den Wunsch, den Austausch mit unseren Lesern weiterzuentwickeln. Dieser Austausch schafft nicht nur die Bindung der Leser an die "Zeit", sondern über die Identifizierung mit ihnen auch zu anderen Lesern. Dahinter steht der Gedanke, dass wir Entwicklungen aus dem Internet für die Printmedien aufnehmen und fruchtbar machen - in dem Fall den intensiven Austausch. Wir gehen da einfach den nächsten Schritt.

kress.de: Die vermeintliche oder tatsächliche Entfremdung zwischen Medienschaffenden und Ihrem Publikum wird oft kritisiert. In wie weit legen Sie mit Ihrem Projekt einen Nerv frei, der auch anderen deutschen Medienhäusern Schmerzen bereiten dürfte?

Uwe Jean Heuser: Schwer zu sagen, natürlich schauen wir gegenseitig, was der Andere so macht. Aber wir hatten keine anderen Medienhäuser im Kopf, als die Idee aufkam. Wir wollten einfach die eigene Entwicklung vorantreiben im Sinne eines authentischen Journalismus.

Wencke Tzanakakis: Ich erinnere mich, dass es im vergangenen Jahr vor der Bundestagswahl viele partizipative journalistische Projekte gab, von Town-Hall-Gesprächen im Fernsehen bis zu zahlreichen Reportern, die Meinungen jenseits der Metropolen eingesammelt haben. Viele sind danach aber eingeschlafen. Deshalb freut es mich ganz besonders, dass die Kollegen aus dem Wirtschaftsressort mit ihrer partizipativen Idee gerade jetzt an den Start gehen. Denn die gesellschaftlichen Debatten in unserem Land sollten auch jenseits der Wahlzyklen möglichst offen, über Einkommensgrenzen und Erfahrungsunterschiede hinweg geführt werden. Wenn wir mit dem Wirtschaftsrat dabei einen kleinen Beitrag leisten können, dann wäre das großartig.

"Unser Journalismus wäre in der Tiefe und Breite ohne diese treuen Leser nur schwer denkbar."

kress.de: Die "Zeit" hat schon länger Vorbildfunktion in der deutschen Presselandschaft, was die Einbindung Ihrer Leser angeht. In wie weit ist die Teilnahme am Leserrat auch eine Art Belohnungssystem für treues Publikum? 

Wencke Tzanakakis: Viele unserer Einladungen bei den Freunden der "Zeit" richten sich an unsere Abonnenten, als Dank für ihre Treue. Schließlich wäre unser Journalismus in der Tiefe und Breite ohne diese treuen Leser nur schwer denkbar. Beim Wirtschaftsrat helfen wir vom Team der Freunde der "Zeit" dem Ressort vor allem im Lesermanagement, da wir Erfahrung darin haben, mit mehreren tausend Lesern auch jenseits von Leserbriefen zu kommunizieren. Wir werden sehen, wie wir auch bei möglichen Treffen und anderen Ideen unterstützen können. Der Wirtschaftsrat steht allen Interessierten offen, die Lust am Austausch über Wirtschaftsfragen haben. Die Auswahl der Kandidaten geschieht dann im Ressort selbst.

kress.de: In wie weit werden Sie die Mitglieder des Leserrats auch in andere "Zeit"-Projekte und -Veranstaltungen einbinden?

Wencke Tzanakakis: Mit den Redakteuren aus dem Wirtschaftsressort haben wir schon einige Unter-Freunden-Abende in den Regionen veranstaltet, etwa zu Themen wie "Die unsichtbaren Grenzen in unseren Städten" oder "Das WIR in der Wirtschaft". Ich würde mich freuen, hierzu in Zukunft auch Mitglieder des Wirtschaftsrates mit auf die Bühne einzuladen. Wir empfinden uns als Gastgeber für den Austausch zwischen Redakteuren und Lesern – alles was die beiden Seiten interessant finden, versuchen wir möglich zu machen. 

kress.de: Zunächst soll sich der Leserrat für ein Jahr etablieren. Werden die Mitglieder danach ausgetauscht? Wie geht es weiter?

Uwe Jean Heuser: Das Experiment beginnt. Und wenn es gut läuft, womit wir rechnen, dann machen wir 2019 mit dann wahrscheinlich neuen Mitgliedern weiter.

kress.de: Falls Sie gute Erfahrungen mit der engen Einbindung der Leser in die redaktionellen Abläufe machen, welches Ressort würde sich als nächstes für so einen Leserrat empfehlen?

Uwe Jean Heuser: Jedes, bei dem der Wunsch danach entsteht. Ein solches Projekt muss von innen kommen.

kress.de-Tipp: Die Ausschreibung für Bewerbungen zum "Zeit"-Wirtschaftsrat findet sich hier.

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Ihre Kommentare
Kopf
26.07.2018
!

Sehr interessantes Interview. Ein starke Einbindung der Leser ist immer sowohl Chance als auch Risiko. Ich bin ein Befürworter.


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