"Kopf auf dem Hackstock": Wie Andreas Petzold mit Druck beim "Stern" umging

 

"Stern"-Herausgeber Andreas Petzold hat fast drei Jahrzehnte lang Redaktionen geleitet. Jetzt verlässt er Gruner + Jahr. Im Abschiedsinterview mit dem aktuellen "kress pro" (Ausgabe 6/2018) sagt der Journalist, wie er die schwierige "Stern"-Redaktion führte, wie Top-Führungskräfte nicht zu Narzissten werden und wo es noch Lücken im Magazinmarkt gibt.

kress pro: Herr Petzold, Sie sind seit fünf Jahren Herausgeber des "Stern", von "Capital" und von "Neon". Warum hören Sie jetzt auf? Ihr Job klingt nach viel Freiheit, viel Geld und wenig Verantwortung. 

Andreas Petzold: Das ist natürlich in dieser wunderbaren Polemik vollkommen falsch. Aber Sie haben insofern recht, als die Freiheiten als Herausgeber schon sehr viel Spaß machen. Trotzdem ist irgendwann der Zeitpunkt gekommen, um zu gehen. Mir ist dabei wichtig, den Jüngeren Raum zu geben. Ich war ja selbst mal junger Redakteur, und irgendwann kommt der Moment, in dem jemand hinter dir her guckt und sagt: Was macht der eigentlich noch hier? Dem wollte ich zuvorkommen.

kress pro: Ein Zerwürfnis mit dem Verlag dürfen wir also ausschließen? 

Andreas Petzold: Ja, komplett. Ich habe mich immer bemüht, die Schritte in die Zukunft selbst im Griff zu haben. Den Abschied heute habe ich vor zwei Jahren beschlossen. Ich bin wahnsinnig zufrieden und dankbar, was in den vergangenen Jahren in meinem journalistischen Leben passiert ist. Es ist jetzt an der Zeit, andere Dinge zu tun, die da draußen noch auf mich warten. 

"Man kann ja in den Ruhestand gehen, ohne Ruhe zu geben." 

kress pro: Was genau? Es gibt schon Spekulationen, dass Sie was Eigenes aufziehen. 

Andreas Petzold: Das kann ich nicht ausschließen (lacht). Okay, das war jetzt Politikerdeutsch. Ich möchte es mal so sagen: Man kann ja in den Ruhestand gehen, ohne Ruhe zu geben. Das wird sich alles zeigen. Ich möchte erst mal im Privatleben einiges unternehmen. Längere Reisen mit meiner Frau zum Beispiel. 

kress pro: Wie viel Wehmut ist bei Ihrem Schritt dabei?

Andreas Petzold: Die hält sich in Grenzen, es ist ja kein Holterdiepolter-Abschied. Was mir fehlen wird, ist das Miteinander mit den Kollegen. Ich arbeite seit 1999 für Gruner + Jahr. Dieser Laden war auch ein Teil meiner Familie.

kress pro: Wird Ihnen das Gefühl fehlen, wichtig zu sein?

Andreas Petzold(lacht) Nein, nein, nein. Auf keinen Fall! Da war ich mir immer mit Thomas Osterkorn (Anm. d. Red.: langjähriger Co-"Stern"-Chefredakteur) einig. Wir haben viele Beispiele bei Kollegen, aber auch in der Politik oder Wirtschaft gesehen, bei denen wir dachten: Der kann es auch nicht verkraften, dass er seinen Job nicht mehr hat. Und dann haben wir uns angeschaut und gesagt: Nein, so wollen wir nicht werden. Man muss sich über eins im Klaren sein: Wenn man seinen Job nicht mehr hat, ist man für die Außenwelt nicht mehr so wichtig und attraktiv. Und das ist auch völlig okay so.

kress pro: Das klingt sehr abgeklärt: Waren Sie nie in der Gefahr, mal abzuheben? 

Andreas Petzold: Ich glaube nicht. Das hat vielleicht auch damit zu tun, wie wir als Doppelspitze funktioniert haben. Wir waren eher unprätentiös. Wenn man andere Menschen beobachtet, die ihre Bedeutung unglaublich raushängen lassen, dann hat das oft etwas Unsympathisches. 

kress pro: Wenn Sie das so sehen, wäre es aber konsequenter gewesen, schon 2013 nach Ihrem Abschied als "Stern"-Chefredakteur und nicht erst heute den harten Schnitt zu machen.

Andreas Petzold: Da sehe ich keinen Widerspruch. Der Chefredakteur des "Stern" hat eine wesentlich herausgehobenere Position als der Herausgeber. Das hätte auch anders heißen können, keine Ahnung wie, und ich hätte es trotzdem gerne gemacht. 

"Entscheiden muss am Ende der Chefredakteur. Denn es ist, um es mal ein bisschen drastisch zu sagen, sein Kopf, der auf dem Hackstock liegt, nicht meiner." 

kress pro: Sie haben der "Süddeutschen" zu Ihrer Herausgeberrolle gesagt: "Ich helfe, wo ich kann, aber wenn ich nicht da wäre, ginge es hier auch weiter." Das ist für unsere Branche einerseits beeindruckend uneitel und gleichzeitig eine Beschreibung der eigenen Überflüssigkeit. Ein Redakteur dürfte das nie sagen.

Andreas Petzold: Natürlich nicht. Ich bin ein journalistisches Angebot auf zwei Beinen, das dem Verlag zur Verfügung steht. Und die Kollegen haben es genutzt, nicht nur beim "Stern", auch Horst von Buttlar bei "Capital" und die Kolleginnen bei "Neon". Mir ging es darum auszudrücken, dass man seine eigene Rolle nicht zu sehr überschätzen sollte. Wenn das klar ist, wird es auch für andere leichter, Entscheidungen zu diskutieren oder um Rat zu fragen. Entscheiden muss am Ende der Chefredakteur. Denn es ist, um es mal ein bisschen drastisch zu sagen, sein Kopf, der auf dem Hackstock liegt, nicht meiner. 

kress pro: Sie sprechen damit ein Thema an, über das Top-Führungskräfte öffentlich nur ungern reden. Nämlich unter welchem Druck sie oft stehen.

Andreas Petzold: Es gibt Erwartungen des Verlages, und die sorgen natürlich schon für erheblichen Druck. Gute Zahlen zu haben, ist darüber hinaus auch wichtig, um die Redaktion zu motivieren. Wir wollten die Abstimmung am Donnerstag am Kiosk immer gewinnen, um die Redaktion stolz zu machen. Das Blödeste, was einem passieren konnte, war, dass sich die Redaktion wahnsinnig engagiert hatte für ein Thema und dann hat es nicht gut verkauft. Manchmal konnte das frustrierend sein, wenn wir am Freitag mit schlechten Zahlen im Rücken über den nächsten Titel entscheiden mussten. 

kress pro: Wie sind Sie persönlich mit dem Druck umgegangen?

Andreas Petzold: Für mich war Sport ganz wichtig. Ich bin morgens mit meiner Frau und dem Hund eine halbe Stunde an der Elbe gejoggt. Jeden Morgen, auch bei minus 10 Grad. Das war ein guter Ausgleich. Wir haben dann über alles gesprochen, nur nicht über den Job. 

kress pro: Sind Sie der Typ, der berufliche Probleme mit ins Bett nimmt?

Andreas Petzold: Nein. Ich weiß, dass das bei anderen anders ist, aber ich habe immer gut geschlafen. Fragen Sie mich nicht warum, ich weiß es nicht. Sobald ich wach war, fing der Quirl im Kopf an, dann habe ich die Dinge gewendet und gedreht. Was man auch mal ganz klar sagen muss: Der Druck erzeugt natürlich permanente Selbstzweifel. Wir haben eine Redaktion mit 200 Mitarbeitern geführt, und die haben klare Entscheidungen erwartet und Transparenz, warum wir so entschieden haben. 

kress pro: Stimmt das Klischee, dass es an der Spitze einsam wird?

Andreas Petzold: Nö, dann ist man selbst schuld.

kress pro: Aber in der selbstbewussten „Stern“-Redaktion gab es sicher viel Gegenwind. 

Andreas Petzold: Den Widerspruch, der kam, musste man aushalten und irgendwann sagen: So machen wir es, mit der Entscheidung marschiere ich jetzt los. Und wenn die falsch war, dann bin ich um eine Erfahrung reicher. Ich glaube, wenn man eine gewisse Klarheit für sich findet, kommt man ganz gut zurecht. 

kress.de-Tipp: Das umfangreiche Andreas-Petzold-Interview, die Titel-Geschichte im neuen "kress pro" führte Chefredakteur Markus Wiegand. Darin geht es unter anderem auch um den enormen Druck, der auf Führungskräften in der deutschen Medienindustrie lastet. Außerdem erfährt man, was der langjährige "Stern"-Co-Chefredakteur wirklich von Doppelspitzen hält und welche gut gemachten Frauenzeitschriften er sich noch vorstellen könnte. 

Die Ausgabe 6/2018 kann in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt gekauft werden - und ist auch im iKiosk erhältlich. Per E-Mail kann sie unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden. "kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. Zum "kress pro"-Abo.

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