"kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand über Narzissmus in den Medien-Chefetagen

 

Die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn in den Führungsetagen deutscher Medienhäuser ist schmal, findet "kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand. Im Editorial der neuen Ausgabe (6/2018) von "kress pro" sorgt er sich um die "Deformation des eigenen Charakters" unter den Spitzenkräften der Branche - und die Gefahr, sich selbst zu wichtig zu nehmen.

Ich möchte Ihnen zu Beginn versichern, dass mir die folgende These ohne die Zuhilfenahme von Räucherstäbchen eingefallen ist. Sie lautet: Das Schwierigste als Führungskraft in den Medien ist nicht der Job, sondern ein Mensch zu bleiben. 

Nach zwölf Jahren Feldforschung im Medienjournalismus stelle ich fest: Für die Branche mag es die große Herausforderung sein, die Transformation des Geschäfts zu managen, für die Führungskräfte ist es, die Deformation des eigenen Charakters zu verhindern. 

Je besser Spitzenkräfte in den Medien arbeiten, desto schwerer sind sie für ihr Umfeld oft menschlich zu ertragen. Bei den Sonderbegabten mit einem Übermaß an Talent und Ehrgeiz wird der Grat zwischen Genie und Wahnsinn besonders schmal.Vielen fällt irgendwann nicht mehr auf, dass das öffentliche Interesse, das der Job mit sich bringt, nicht ihnen als Person gilt, sondern lediglich ihrer Funktion. 

"Vielen fällt irgendwann nicht mehr auf, dass das öffentliche Interesse, das der Job mit sich bringt, nicht ihnen als Person gilt, sondern lediglich ihrer Funktion."

Die Prestigejobs in unserer Branche haben etwas Verführerisches. Wer ständig entscheidet, wen in einer Branche, einer Region oder gar im ganzen Land das warme Licht der Aufmerksamkeit anstrahlt, läuft Gefahr, auch sich selbst sehr, sehr wichtig zu nehmen. Vielen fällt irgendwann nicht mehr auf, dass das öffentliche Interesse, das der Job mit sich bringt, nicht ihnen als Person gilt, sondern lediglich ihrer Funktion. 

Besonders schön lässt sich das studieren, wenn ehemalige Führungskräfte in den Ruhestand gehen. Erst kürzlich referierte ein prominenter Ex-Chefredakteur am Telefon lange darüber, was nach seinem Abgang beim alten Arbeitgeber alles schiefgegangen sei. Manager sind da im Übrigen nicht besser. Manchem fällt es einfach schwer, ohne seine herausgehobene Funktion klarzukommen. Bei langjährigen, verdienten Führungskräften teilen Medienunternehmen daher zum Abschied gerne mit, dass sie dem Unternehmen in irgendeiner Funktion erhalten bleiben. Gerne als Kolumnisten für irgendwas oder Beiratsmitglieder für dies und das.

Das Phänomen hat unsere Branche nicht exklusiv. In Politik, Wirtschaft, Sport und Showgeschäft verpassen die Großen auch regelmäßig den Absprung zum richtigen Zeitpunkt, weil sie sich so gerne an der öffentlichen Aufmerksamkeit berauschen. 

Das Umfeld und wir Medien machen es ihnen oft einfach, ihre Allüren auszuleben. Wie oft haben Sie in Porträts schon den Satz gelesen, dass ein großer Fußballer, Wirtschaftsführer oder Popstar doch ach so normal geblieben sei? Als sei ein besonderes Talent oder Erfolg im Beruf eine geeignete Rechtfertigung, ein bekloppter Narzisst zu sein.

Jetzt möchten Sie natürlich von mir wissen, wie Sie es schaffen, trotz der tiefen menschlichen Abgründe, die in unserer Branche überall lauern, ein sozial kompatibler Menschenfreund zu bleiben. 

Okay, eine Soforthilfe für den Sommer. 

Erstens: Lesen Sie das Titelinterview in dieser Ausgabe mit Andreas Petzold, der fast drei Jahrzehnte als Führungskraft in den Medien verbracht hat (unter anderem 14 Jahre als "Stern"-Chef) und der zum Abschied in seltener Offenheit Einblicke gibt, wie er mit dem Druck des Jobs umgegangen ist und in welcher Gemütslage er jetzt in den Ruhestand tritt. 

Zweitens: Fahren Sie drei Wochen am Stück in die Ferien, stellen Sie Ihr Mobiltelefon ab und checken Sie keine Mails. Das geht nicht? Dann haben Sie Ihren Laden nicht im Griff. Oder Sie haben die ersten Schritte auf dem Weg zur Selbstüberschätzung schon hinter sich. 

kress.de-Tipp: Das umfangreiche Andreas-Petzold-Interview, die Titel-Geschichte im neuen "kress pro", aber natürlich noch viel mehr finden Sie im neuen gedruckten "kress pro" (6/2018). 

Die Ausgabe 6/2018 kann in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt gekauft werden - und ist auch im iKiosk erhältlich. Per E-Mail kann sie unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden. "kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. Zum "kress pro"-Abo.

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