Wie Lokalredakteure die Demokratie retten

 

JOURNALISMUS! Der zweite Sommer-Lese-Tipp ist ideal für Strand oder Balkon, passt mit seinen hundert Seiten in einen Nachmittag. Paul-Josef Raue empfiehlt in seiner Kolumne Jürgen Wiebickes "Zehn Regeln für Demokratie-Retter". Das Buch ist zwar nicht für Lokaljournalisten geschrieben, doch finden sie Überlebens-Tipps im Kampf gegen Vereinfacher und Populisten und feine Gründe, sich für eine offene Gesellschaft einzusetzen. Ein Buch als Mutmacher!

Wer die Rettung der Welt aus dem Silicon-Valley erhofft und auf digitalen Marktplätzen die Lösungen sucht, der braucht Nerven. In Jürgen Wiebickes Buch liest er auf Seite 73: "Die Antwort auf die Demokratie-Krise muss analog sein." Doch Wiebicke kämpft nicht gegen das Netz und seine Liebhaber, vielmehr kämpft er für das direkte Gespräch von Menschen, für Treffen an realen Orten und für öffentliche Debatten in der Nachbarschaft. Denn - "mit digitalen Mitteln wird sich die Kommunikationsstörung  nicht beheben lassen". Kommunikationsstörung diagnostiziert er in unserer Gesellschaft als Folge eines "handfesten Geselligkeitsproblems": Zu viele sind einsam, leben nicht mehr miteinander.

Gerade die Stadt ist ideal als Gegenentwurf zum gleichgültigen Nebeneinander: Die Stadt ist Heimat der Demokratie. Dabei setzt er "Stadt" nicht im Gegensatz zu Land und Natur; "Stadt" meint jeden Ort, an dem sich Menschen wohl fühlen, den sie überschauen und den sie gestalten wollen und können. "Die Stadt ist der Raum, in dem wir erfahren, dass wir die Dinge beeinflussen können."

Der Journalist, der in Köln als Radio-Moderator arbeitet, nennt die Bürger der Stadt "Mikro-Kosmopoliten": Sie treffen sich mit Gleichgesinnten und treffen auf Fremde mit anderem Aussehen und anderen Lebensstilen. "Das Fremde so nah, das Fremde so fern", so Wiebicke, "für beide Erfahrungen bietet die Stadt den Raum, und mitunter schärfen Begegnungen den Sinn für das Eigene, das man verteidigen möchte." In einer Demokratie reicht eben ein Nebeneinander nicht und so folgert er ein wenig verschwurbelt:  "Demokratie muss Erfahrungsräume schaffen, in denen wir uns in unserer Verschiedenheit begegnen und merken, dass man diese Räume weiter verschönern kann."

Nun ist die Demokratie kein Akteur, sie braucht Menschen und Institutionen, die etwas schaffen: Der ideale Akteur ist der Lokaljournalist, den auch unsere Verfassung vorgesehen hat als "orientierende Kraft in der öffentlichen Auseinandersetzung". Er muss als Journalist mit dem bekannten und beklagten Paradox umgehen: "Wir sind reich an Informationen, aber arm an Wissen, was mit all diesen Informationen praktisch anzufangen wäre."

Wiebicke belebt ein verstaubt wirkendes Wort neu: "Lokalpatriotismus"; er ruft das emotionale Aufbruchs-Motto des Mittelalters ins Gedächtnis: "Stadtluft macht frei". Denn Gefühle sind immer im Spiel: "Wenn wir uns um die Verhältnisse in der eigenen Umgebung kümmern, tun wir das nicht nur als rationale Problemlöser".

Der Rundfunk-Journalist berichtet von seinen Moderationen, bei denen er Hunderte von ganz normalen Menschen trifft, er erzählt vom Leben in seiner Kölner Vorstadt und seinem Engagement in einer der Flüchtlingsinitiativen, der "wohl großartigsten Bürgerbewegung in der Geschichte der Bundesrepublik".  Statt einen neuen Gesellschaftsvertrag zu entwerfen, erinnert er, ein Philosoph unter den Journalisten, an den alten, den bewährten Vertrag: Die Demokratie braucht die offene Gesellschaft, in der jeder mitredet und jeder gehört wird, die Demokratie baut auf einer Gesellschaft des Respekts und Miteinanders.

Wiebicke ist weder ein Theoretiker, noch ein Träumer, noch ein Ideologe. Er mag die fanatischen Rechtsextremen nicht, die nicht mehr zu erreichen sind, aber auch nicht die postmodernen Linken (zu denen er sich "im weitesten Sinne" zählte), die ihre Verschwörungstheorien und ihren Moralismus pflegen. Er will die dazwischen erreichen, die große verwirrte Mitte. Wer wäre als  natürliche Verbündete geeigneter als Lokaljournalisten? Sie könnten von Wiebicke Tipps profitieren:

Wie sollten Journalisten AfD-Politikern begegnen? Nicht beleidigen, auch wenn sie selber beleidigen, ihnen keine Chance geben, sich als Opfer zu stilisieren, und vor allem Gelassenheit üben. Denn - "was ist das Schlimmste, das man einem Provokateur antun kann? Man lädt ihn ein. Man bittet ihn darzulegen, was er außer der Provokation noch zu bieten hat."

Radikal denkt Wiebicke die Demokratie, er will - einen alten Willy-Brandt-Slogan belebend - mehr Demokratie wagen: "Wir müssen lernen, eine hässliche Gesinnung erst einmal auszuhalten, bevor wir sie kritisieren. Wer sie schon vorher zum Schweigen bringen will, hat das Vertrauen in die politische Urteilsfähigkeit längst verloren, der spielt nur noch defensiv."

"Selbstwirksamkeit" lautet seine Empfehlung: Bürger können nur wirken, wenn sie den Durchblick haben - und um den haben sich Journalisten zu kümmern. Wer die Gesellschaft zusammenhalten oder wieder binden will, muss sich im Kleinen engagieren - übrigens gemeinsam mit Politikern und Parteien, die man gegen Dauernörgler in Schutz nehmen sollte, die aber "in ihrer derzeitigen Verfassung nur etwas für politische Marathonläufer sind, die viel Ausdauer mitbringen".

Lager-Denken vertieft die Gräben. Wie wäre es mit ein wenig Differenzierung? Wiebicke berichtet von AfD-Mitgliedern, die er kennengelernt hat und die einfach heimatlose Konservative sind ohne Hass auf Fremde. Journalisten sollten also AfD-Sympathisanten den Rückweg offenhalten, statt einem platten Antifaschismus-Reflex zu verfallen.

Aus eigenem Erleben weiß Wiebicke, wie schwer es gerade Journalisten fällt, sich in ihrer Arbeit aus der Blase der Gewinner und Erfolgreichen zu befreien: "In den bürgerlichen Quartieren kann man beim Latte macchiato leicht stolze Bekenntnisse zu einem Land mit offenen Grenzen ablegen, weil man mit den sozialen Folgen nichts zu tun hat: dem harten Wettbewerb um bezahlbaren Wohnraum und dirty Jobs."

Das sind seine zehn Tipps für Demokratie-Retter:

  1. Liebe Deine Stadt!

  2. Mache dir die Welt zum Dorf!

  3. Bleibe gelassen im Umgang mit Demokratie-Verächtern!

  4. Fürchte dich nicht vor rechten Schein-Riesen!

  5. Verliere nicht den Kontakt zu Menschen, die nicht deiner Meinung sind!

  6. Packe Probleme nicht in Watte!

  7. Verabschiede dich von der Attitüde, eigentlich gegen diese Gesellschaft zu sein!

  8. Warte nicht auf den großen Wurf!

  9. Wehre dich, wenn von ,den' Politikern die Rede ist!

  10. Verbinde Gelassenheit mit Leidenschaft!

kress.de-Tipp: Berthold Flöper vom Lokaljournalistenprogramm empfiehlt das Buch in einer Version, die in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen ist - für gerade mal 1,50 Euro (statt 5 Euro in der Buchhandlung).

Zum AutorPaul-Josef Raue hat in seiner Kolumne im April 2017 erstmals über Jürgen Wiebicke geschrieben, der auf WDR 5 jeden Freitag das "Philosophische Radio" moderiert: Der wandernde Reporter und das Charisma der Gelassenheit. Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus. Zuletzt erschien "Luthers Sprach-Lehre"; im Herbst kommt die Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen heraus. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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