Wenn Lokalzeitungen Politik machen: "Verschwörerisch" vor der OB-Wahl

 

JOURNALISMUS! Solch ein Blick hinter die Kulissen von Lokalpolitik und Lokaljournalismus ist selten: Der ehemalige Braunschweiger Oberbürgermeister Gert Hoffmann beschreibt in seinen Memoiren, wie es ihm im Zusammenspiel mit Redakteuren gelang, dass seine NPD-Vergangenheit in der Lokalzeitung kaum eine Rolle spielte. Paul-Josef Raue nimmt für seine Kolumne eine Episode aus dem Buch als Beispiel für die Symbiose von lokaler Politik und Journalismus. Die Wertung überlässt er den Lesern.

 

"Das haben die Journalisten nicht mitbekommen." So freut sich der Braunschweiger Ex-Oberbürgermeister immer noch, als er in der Buchhandlung des Schlosses aus seinen Memoiren liest und von schwierigen Entscheidungen erzählt. Projekte ohne öffentliche Debatten durchzuziehen, ist für einen Oberbürgermeister offenbar ein Triumph, der ein Leben lang das Herz erwärmt. Auch über seine Zeit als Regierungspräsident in Dessau, in den Jahren nach der Vereinigung, schreibt Hoffmann mit einem gewissen Stolz: "Es ist ein Wunder für mich, wie gegenüber Medien und Bevölkerung verschleiert werden konnte, dass noch längst keine gleichwertige Landesverwaltung zur Verfügung stand."

Lautlos Politik treiben unter Ausschluss der Öffentlichkeit? Lokalredakteure als Statisten, die am Ende Beifall klatschen oder motzen, wenn es zu spät ist? Das wäre der Albtraum der Demokratie. Doch davon war der Ex-OB weit entfernt: Er erzählt in seinem dicken, fast 500 Seiten starken Buch über Faszination und Mühen der Lokalpolitik, er macht deutlich, wie wichtig sie für die Gesellschaft ist.

Eine Episode zeigt eindrucksvoll, wie abhängig Politiker gerade im Lokalen von den Journalisten sind. Selten hat ein Bürgermeister so detailliert und schonungslos den Kampf um die Rathaus-Macht geschildert, selten war die Konstellation so bizarr wie in Braunschweig. Der CDU-Politiker Hoffmann sollte als Fremder in der SPD-Stadt in eine nahezu aussichtslose Wahl ziehen. Darüber hinaus hatte seine Karriere einen tiefbraunen Fleck: Er war als Student in Göttingen ein führendes NPD-Mitglied. Er fragte sich selber: Hat ein Politiker mit rechtsradikaler Vergangenheit überhaupt eine Chance?

Das "vielleicht entscheidende Gespräch", so Hoffmann, fand noch vor der OB-Nominierung in der Redaktion der "Braunschweiger Zeitung" statt. Kumpanei zwischen Politik und Lokalzeitung?  Hoffmann selber spricht zumindest von einer "geradezu verschwörerischen Atmosphäre" und berichtet in seinen Memoiren:

"Dort warteten in dem hässlichen Funktionsbau Chefredakteur Winfried Hub und der stellvertretende Lokalchef Ernst-Johann Zauner auf mich. Es war eine geradezu verschwörerische Atmosphäre, als ich durch den Hintereingang, unbeobachtet von der Redaktion, in einen Besprechungsraum gelotst wurde. Hub war sehr aufgeräumt, selbstsicher und legte gleich los: Über die NPD-Sache wolle er nicht lange reden, das sei nicht das ,Hauptproblem' für mich, sondern dies sei die seines Erachtens desolate Lage des CDU-Kreisverbandes, auf den ich praktisch nicht rechnen könne."

Was sagen die Journalisten heute zu den Memoiren des OB?  Ernst-Johann Zauner, der Vize-Lokalchef, hält die Darstellung zwar für "etwas dramatisierend", aber korrekt: In der Tat, so Zauner, "das Hauptthema, die NPD-Zeit, war schnell abgehandelt." Auch Chefredakteur Wilfried Hub, heute Verleger des "Vogtland-Anzeiger" in Plauen, erinnert sich an "ein Treffen, nennen Sie es konspirativ". Nach seiner Erinnerung kam es auf Wunsch des CDU-Vorsitzenden zustande: Der versuchte zu erfahren, wie die Redaktion mit der NPD-Vergangenheit umgehen wolle.

Wilfried Hub mailt mir über die Kandidaten-Kür und die Rolle der Lokalzeitung: "Die BZ werde Herrn Hoffmann daraus gewiss keinen Strick drehen, hatte ich gesagt. Viel  wichtiger sei meiner Ansicht nach, dass die CDU geschlossen hinter ihrem Kandidaten stehe. Ansonsten werde man ihn danach beurteilen, was er tue, wenn er gewählt sei. So wichtig war mir die CDU-Angelegenheit aber auch  nicht. Ich wollte nur ehrlich antworten, wenn man mich schon fragt."

Was folgte war ein Hindernislauf durch konkurrierende Zeitungen, konkurrierende Politiker und Parteien - und ein Hörsturz. Die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" (HAZ) berichtete als erste über die Kandidatur Hoffmanns, als noch nicht einmal der CDU-Kreisvorstand eingeweiht war: "Ist so jemand durchsetzbar angesichts der aktuellen Diskussionen über den Rechtsextremismus und über ein Verbot der NPD?"

Wilfried Hub in Braunschweig war verärgert, weil er mit der CDU Exklusivität vereinbart hatte. Hoffmann berichtet in seinem Buch über das folgende Telefonat mit dem Chefredakteur: "Er sagte mir knallhart und ohne Umschweife: Nun sind Sie als Kandidat verbrannt und können die Sache vergessen. Im selben Augenblick bekam ich einen heftigen Stich im linken Ohr und ein brummendes Geräusch - Hörsturz!"

Dann beruhigten sich doch alle, die Politik-Beratung ging weiter, der Vize-Lokalchef interviewte Hoffmann im Beisein der CDU-Spitze, "exklusiv" wie Hoffmann hervorhebt. Auch der Chefredakteur in Hannover, Niedersachsens Hauptstadt,  soll laut Hoffmann am Telefon "Kopf hoch" gesagt und zum Kämpfen geraten haben, ein FAZ-Redakteur signalisierte "Durchhalten!", und die Bildzeitung sei positiv eingestimmt worden. Nur die Lokalchefin in Braunschweig, aus dem Urlaub zurückgekehrt, kommentierte die Kandidatur negativ; sie ließ sich ohnehin nie auf solche Absprachen ein, mäkelt Hoffmann in seinen Memoiren über die skeptische Redakteurin.

Hoffmann wird im zweiten Wahlgang mit deutlicher Mehrheit gewählt, wird ein erfolgreicher Oberbürgermeister, wird wiedergewählt trotz mehrerer Gegenkandidaten, bevor er in den Ruhestand verabschiedet wird und Zeit findet für seine Memoiren. "Ich denke, Herr Hoffmann will sich als großer Kämpfer darstellen", kommentiert Ex-BZ-Chefredakteur Hub heute, "der geschickt gegen den Willen aller seine eigene Kandidatur einfädelte." Und der, so sei ergänzt,  den "Medienrummel" so wenig mochte wie Journalisten, es sei denn, er konnte sie - "einbinden".

Info

Gert Hoffmann: Von Irrwegen in die Verantwortung. Zeitzeuge und Gestalter in bewegten Zeiten. Klartext-Verlag, Essen, 488 Seiten, 29,95 Euro

Der Autor

Paul-Josef Raue begann als Chefredakteur der "Braunschweiger Zeitung" in dem Monat, als Hoffmann die Stichwahl zum Oberbürgermeister gewann. Raue kommt in den Memoiren nur am Rande vor als Kritiker von Christian Wulff; er erfuhr darin zu seiner Überraschung, dass Wulff sich mit ihm - laut Hoffmann - "versöhnen" wollte. Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, nach Braunschweig noch in Erfurt, davor in Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus. Im Klartext-Verlag erschien vor kurzem "Luthers Sprach-Lehre"; im September kommt die Biografie des Genossenschafts-Gründers Raiffeisen heraus. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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