WAZ-Lokaljournalismus nach dem Krieg: "Kumpel Anton" mit "verdorbenem Deutsch"

 

JOURNALISMUS! Redaktionen sind auf der Suche nach "dem Leser", dem normalen, dem typischen. Wenige finden ihn, auch die Marketing-Manager bleiben in ihren Sinus-Milieus hängen. In den fünfziger und sechziger Jahren hatte "der Leser" seinen Platz in der Samstagausgabe der WAZ. Paul-Josef Raue erinnert in seiner Kolumne an "Kumpel Anton". Bei der Antrittsvorlesung als Honorar-Professor stellte ihn Ludger Claßen in den Mittelpunkt.

Ludger Claßen, Ruhrgebiets-Journalist und Verleger, hat die Seiten gewechselt. Der Student sitzt nicht mehr auf den Hörer-Stühlen, sondern steht vorne als Lehrer, als Honorar-Professor, der 44 Jahre später seine Antrittsvorlesung hält.  Claßen spricht über "Kumpel Anton", errichtet ihm ein Denkmal - und macht sich gleich mit ihm darüber lustig. In einer der ersten Kolumnen 1955 lässt WAZ-Sportredakteur Wilhelm H. Koch seinen Kumpel Anton "sonne Olle aus Oberhausn" (so eine ,Alte' aus Oberhausen) von einem Denkmal für Anton schwärmen:

"For datt Folk, watt hier anne Ruhr Rumlaufen tuht / Un weil wir anne Ruhr / Nur dat bißken "Glück-auf"-Singn hättn - / Un Kumpel Anton. Und sonnz nix!" (Für die Leute, die hier an der Ruhr rumlaufen. Und weil wir an der Ruhr nur das bisschen Glückauf-Singen haben und Kumpel Anton. Und sonst nichts.)

Am 4. Dezember 1954, dem Barbaratag, gewidmet der Schutzpatronin der Bergleute, erschien die erste Kolumne in der Samstagausgabe der WAZ; in Rente ging Kumpel Anton nach 1400 Kolumnen erst ein Vierteljahrhundert später. Wer in Kochs Kolumnen aus den fünfziger Jahren liest, entdeckt einen ursprünglichen Lokaljournalismus: Er war nicht nur nahe den Menschen, er kam von den Menschen, die in der Region lebten; die Redakteure hoben nicht ab, sondern lebten mittendrin

WAZ-Redakteur Wilhelm H. Koch sprach nicht nur die Sprache des Volks, er schrieb in seiner Kumpel-Anton-Kolumne auch so - und war sich bewusst, dass die Abgehobenen unter den Lesern die Nase über das verdorbene Deutsch rümpfen, die feinen Leute und Lehrer eben: "watt mainze, wattat n Krach gippt! Die fain Leute und die Lehrers! Die sagn alle, datt wär fadormnet Deutsch!" (Was meinst Du, was das für einen Krach gibt! Die feinen Leute und die Lehrer! Die sagen alle, das wäre verdorbenes Deutsch!")

Das Ruhrdeutsch war die Sprache des Alltags, aber keine Sprache für Amtsstuben, Schulen oder Gerichte - und eigentlich auch keine Sprache für eine Zeitung. So schreibt der Ruhrgebiets-Dichter Jürgen Lodemann in einem 1965 erschienenen Artikel über die "wundersame Syntax des Ruhrbewohners": "In Lärm, Gefahr und überdies in staubiger, dicker Luft ist alles Druckreife, ist Bühnensprache ein Unding."

Wilhelm H. Koch schaute dem Volk aufs Maul, so wie es ein halbes Jahrtausend vor ihm schon Martin Luther gefordert hatte. Die Redakteure gingen raus auf den Markt, die Straßen, trafen sich mit den Lesern in Kneipen: Ihnen blieb auch nichts anderes übrig. Telefon war noch ein Luxusgut, Fax und Mail gab es noch nicht. Die Lokalredakteur konnten sich nicht in ihren Redaktionen verstecken: Ein Vorwurf, der heute oft zu hören ist. Es spricht für den Lokaljournalismus nach dem Krieg, dass er sich für die normale Sprache der Leser öffnete und somit für ihre normalen Probleme.

Honorar-Professor Claßen spricht von der Aufwertung des Ruhrdeutschen, der Alltagssprache im Revier, doch ist "Kumpel Anton" mehr: Eine Aufwertung der Menschen, die in dem Schmelztiegel aus Westfalen und Ostpreußen, Ureinwohnern und Flüchtlingen leben - und eine Selbstverortung der Redaktion. Das Ruhrdeutsch war, so Claßen, keine Sprache der Unterschicht: "Ein Zeuge ist der Journalist Wilhelm Koch, der - mit akademischer Bildung und aus bildungsbürgerlichem Elternhaus kommend - seine Kolumnen auch aus der eigenen Sprachkompetenz und -praxis speist. Ruhrdeutsch wurde und wird schichtenübergreifend verwendet."

Auch das ist einer der Vorwürfe, die heute Redakteure treffen: Sie bleiben in ihren Milieus, verharren im Bildungsbürgertum, springen nicht raus und sprechen nicht die Sprache der Leser - und entdecken so auch nicht deren Probleme. Dieser Sprung gelang den Lokalredakteuren nach dem Krieg offenbar mit einer bewundernswerten Leichtigkeit. So wird "Kumpel Anton" zur Marke, zur Identifikations-Figur im Kohlenpott.

Als der Schriftsteller Anton Zischka, vom Bergbau-Verband angeheuert, in  den Endsechziger Jahren in proppenvollen Sälen gegen die Schließung der Zechen sprach, waren die Bergleute begeistert und nannten den Autor mit dem gleichen Vornamen: "Kumpel Anton" - und der "Spiegel" verglich Zischka mit "jenem erfundenen Grubenkameraden, der in der größten Ruhrgebietszeitung jede Woche im Jürgen-von-Manger-Stil seine Döhnkes erzählt". So war das in den sechziger Jahren: Eine Provinz-Zeitung wie die WAZ nannte ein "Spiegel"-Redakteur nicht beim Namen.

"Ruhrdeutsch erlebte in den Folgejahren einen anhaltenden regelrechten Boom und etablierte sich bis in die Gegenwart vor allem im Kabarett", erzählt Claßen. "Kumpel Anton" folgten im Radio Jürgen von Manger als Adolf Tegtmeier und Elke Heidenreich als Else Stratmann. Deren Erfolg rief Kritiker auf den Plan wie Dietrich Springorum, der mitten im Zechensterben dem Kohlenpott ein neues Image verpassen wollte:

"Man lacht im weiten Land über die tölpelhaften Späße des Herrn Tegtmeier und über das kaschubische Geschwätz der Kumpel Anton und Cervinski. Damit ist selbstredend nichts über die Qualität der Glossen und 'Dönekes' gesagt - sie ist unbestritten. Es geht ausschließlich um den PR-Aspekt. Hier wird das Image des Reviers buchstäblich zu Tode geritten."

Die letzte Zeche im Ruhrgebiet schließt in wenigen Wochen. Stirbt mit ihr die Sprache? Stirbt: "Hömma!", "ein bissken", "Blagen", "ich geh' nachm Bett", "dann iss Hängen im Schacht" (Hör mal!, ein bisschen, Kinder, ich geh' ins Bett, dann ist Hängen im Schacht)? Nein, meint Ludger Claßen: "Mit dem Zerfall der gemeinsamen Lebens- und Arbeitswelt stiftet nun Ruhrdeutsch gleichsam als Erinnerungsort Gemeinschaft und entwickelte sich zum identitätsbildenden Faktor."

Claßen ist erst der zweite Honorar-Professor der Geisteswissenschaften an der Uni Essen-Duisburg. Er ist ein Kind des Ruhrgebiets, verbrachte hier sein Leben, gründete in den rebellischen Zeiten der Studenten mit Freunden die Essener Stadtzeitung "Standorte", dann den Klartext-Verlag, den er später an die WAZ verkaufte; vor zwei Jahren räumte er endgültig seinen Verleger-Schreibtisch.

Als er zur Antrittsvorlesung in den Hörsaal kam, erinnerte er sich an den Ort vor 44 Jahren: Die Universität war gerade neu gebaut und die Studenten grillten zur Fachschaftsfête ein Schwein über offenem Feuer. Diesmal gab es nur etwas für die Ohren: ",Undazzollense uns woanners erss mal nammachen!' Sprache und regionale Identität im Ruhrgebiet." (Und das sollen sie uns anderswo erst einmal nachmachen.)

Info

Ludger Claßen war vor zwei Jahren schon einmal Thema in dieser JOURNALISMUS!-Kolumne: "Ein Sponti-Journalist wird Verleger: Eine Zeitungs-Geschichte aus dem Ruhrgebiet" .

Für alle, die Lust auf "Kumpel Antons" Sprache bekommen haben, stellt Claßen die markanten Merkmale des Ruhrdeutsch zusammen:

  • weiche Konsonanten zwischen Vokalen "mudder" "vadder";

  • der Laut "j" wird durch "g" ersetzt: "gezz", "geeden Tach";

  • Kontraktionen: "Hör mal" wird zu "hömma", "Willst Du noch ein Butterbrot?" wird zu "Willze noch'n Bütterken?";

  • unverschobene Aussprache von "t" und "p": wat, dat, kloppen;

  • Verschwinden des "r" nach Vokalen: staak, kuoz, Kioche;

  • Vertauschen von Dativ und Akkusativ: "ein Buch von mich", "ausset Bett", "mit sein Auto";

  • Akkusativ für Nominativ: "Er ist ein feinen Kerl"

  • Im Wortschatz sind viele Importe aus anderen Mundarten festzustellen.

    • "Kappes" - schlechte Idee (Kölsch)

    • "töfte" - prima (Berlinisch)

    • "Lorbas" - Schlitzohr (Ostpreußisch)

    • "Maloche" - Arbeit (Jiddisch/Rotwelsch); aus dem Jiddischen oder dem Rotwelsch entlehnten Ausdrücke sind in vielen anderen deutschen Umgangssprachen ebenfalls geläufig.

Über die Antrittsvorlesung berichtete ausführlich auch FAZ-Feuilleton-Redakteur Andreas Rossmann.

Der Autor

Paul-Josef Raue stammt auch aus dem Ruhrgebiet. Sein erster Lokalchef, den er als freier Mitarbeiter erlebte, war ein Straßenbahn-Schaffner, der am Freitag mit der Sekretärin in den Archiv-Keller ging, um ihr seinen Samstags-Kommentar zu diktieren. Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus. Vor kurzem erschien "Luthers Sprach-Lehre", und im Herbst kommt die Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen heraus. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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