DuMont-Manager Thomas Kemmerer: "Man sollte Change-Prozesse nicht komplett in externe Hände geben"

14.08.2018
 

Mit dem "Kölner Stadt-Anzeiger" und dem "Express" hat DuMont erstmals in Deutschland einen Boulevard- und einen Regionaltitel verschmolzen. Das Führungstrio Carsten Fiedler, Constantin Blaß und Thomas Kemmerer sagt im "kress pro"-Interview, wie es die größten Hürden dabei überwunden hat.

"kress pro": Sie haben eines der gewagtesten Change-Projekte in Deutschland durchgezogen und zwei Redaktionen fusioniert, die vorher strikt getrennt waren. Was haben Sie dabei gelernt?

Carsten Fiedler: Als wir den Newsroom aufgebaut haben, haben wir die Mitarbeiter eingebunden und ihnen die Gelegenheit gegeben, ihre Erfahrungen einzubringen. Gleichzeitig mussten wir in unserer Rolle präsent sein und die Ideen in unser Team bringen. Und dann passierte Unerwartetes: Die beiden News-Teams zum Beispiel haben sich ohne unsere Initiative noch intensiver angenähert; inzwischen nehmen die Kollegen wie selbstverständlich einmal im Monat ein Feierabendbier – diese kleinen kulturellen Punkte helfen am Ende ungemein.

Thomas Kemmerer: Ganz wichtig: Man sollte Change-Prozesse nicht komplett in externe Hände geben. Optimal ist es, wenn diese Prozesse aus der Struktur selbst heraus gelenkt werden. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es hilfreich ist, wenn eine professionelle Beratung Struktur gibt und immer mal wieder Impulse von außen setzt. Aber der Kern muss aus uns selbst heraus kommen. Wir hatten Zeit, das Projekt über Monate zu entwickeln und vorzuplanen sowie bis in die Workflows und Kulturfragen hineinzudenken. Und früher hätte man aus einer alten Denke heraus gesagt: Ja, Projekt beendet. Abgehakt, haben wir geschafft, nächstes Projekt. Das ist es nicht. Es ist ein Projekt, das immer weitergeht.

"kress pro": Sehen Sie bei den Mitarbeitern die Bereitschaft, sich zu verändern?

Constantin Blaß: Es ist schon fast eine alte Erkenntnis: Ein Drittel geht vorweg und freut sich, dass es vorangeht. Ein weiteres Drittel schaut erst mal und ist grundsätzlich bereit, dem ersten Drittel zu folgen. Beim letzten Drittel müssen wir noch Überzeugungsarbeit leisten, werden dies aber auch nicht dauerhaft zulasten der Mehrheit tun. Dann wird es irgendwann die Erkenntnis geben – möglicherweise auch auf beiden Seiten –, dass die unterschiedlichen Vorstellungen zu weit auseinanderklaffen.

Carsten Fiedler: Am Ende muss man mit den Menschen, die den Weg bewusst nicht mitgehen wollen, eine Regelung finden.

"kress pro": Was ist die besondere Herausforderung dabei, zwei Zeitungsgattungen zusammenzulegen?

Carsten Fiedler: Wir konnten auf keine Erfahrungswerte zurückgreifen, weil es die Kooperation einer Abozeitung mit einem Boulevardtitel so noch nicht gegeben hat. In unserem Kooperationsmodell machen wir so viel wie möglich zusammen, aber auch so viel wie nötig weiter getrennt. Ein typisches Beispiel: eine Ausgangsnachricht zu einem Unfall in Köln. Vorher wurde diese Ausgangsmeldung digital zweimal produziert – jetzt produzieren wir diese reine Information nur einmal.

"kress pro": Wie setzen Sie das Ganze genau um?

Fiedler: Im Newsroom haben wir 105 Arbeitsplätze. Er ist so konzipiert, dass wir zwei große Inhaltezentren haben, die für das Regionale von großer Bedeutung sind: das Lokale und den Sport. Es gibt in den Großressorts immer noch ein Team Blau (für den "Kölner Stadt-Anzeiger") und ein Team Rot (für den "Express"). Diese Strukturen laufen in einer gemeinsamen Produktionsinsel zusammen - Digital wie Print. Es gibt eine transparente Themenplanung, und die Vergabe von Terminen wird entsprechend abgestimmt. Die Tagesverantwortlichen entscheiden, ob es sinnvoll ist, Dinge zusammen bzw. getrennt zu machen. Beim Thema 1. FC Köln ist völlig klar, dass wir weiterhin getrennt unterwegs sein werden, weil es unterschiedliche Perspektiven der beiden Titel auf den FC und auch andere Erwartungshaltungen der Leser gibt. All das haben wir in Workshops intensiv zusammen vorbereitet.

kress.de-Tipp: Das Gespräch ist ein Auszug aus einem Interview, dass Bülend Ürük mit Carsten Fiedler, Constantin Blaß und Thomas Kemmerer für "kress pro" geführt hat. In dem Case sprechen die drei Change-Manager auch über Zweitverwertung von Inhalten, Personaleinsparungen und neue Projekte wie Registrierung und Paid Content. Die "kress pro"-Ausgabe 6/2018 kann in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt gekauft werden - und ist auch im iKiosk erhältlich. Per E-Mail kann sie unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden. "kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. Zum "kress pro"-Abo.

Die Personen: Carsten Fiedler, Jahrgang 1969, verantwortet seit Anfang 2017 den "Kölner Stadt-Anzeiger". In der DuMont Rheinland Media 24 GmbH agiert er als geschäftsführender Chefredakteur und steuert gemeinsam mit General Manager Digital Thomas Kemmerer, Jahrgang 1976, und "Express"-Chefredakteur Constantin Blaß die Zusammenarbeit der Kölner DuMont-Tageszeitungen. Blaß, Jahrgang 1981, verantwortet seit Juni 2017 den "Express". Sein Markenzeichen sind "Express"-rote Turnschuhe, die er bei jeder Medienkonferenz trägt.

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