Warum Rockland-Radio-Chef Steffen Müller zu Amazons Alexa auf Distanz geht

16.08.2018
 

Sprachassistenten und Smart Speaker wirbeln den Audiomarkt durcheinander. Viele Anbieter sammeln erste Erfahrungen und suchen noch nach den richtigen Strategien. Über den Ansatz von Rockland Radio berichtet "kress pro".

Als der US-Internetgigant Amazon seine Sprachbox namens Echo zusammen mit seiner Sprachassistentin Alexa im Herbst 2016 in Deutschland an den Start brachte, sprang die heimische Audiowelt rasch auf. Schon im Januar 2017 startete ihr Aggregator namens Radioplayer mit einem Skill, also einer Art Voice-App, in der Alexa-App ("kress pro" 4/17). Fast zeitgleich wagten sich einzelne Sender wie Antenne Bayern oder Radio Gong 96,3 mit eigenen Skills auf die neue Plattform. Inzwischen finden sich bei Alexa in der Kategorie Musik & Audio bei Alexa um die 70 Voice-Apps deutscher UKW-Programme. Gar nicht so wenige, wenn man bedenkt, dass bei vielen Radiostationen keine rechte Begeisterung für den neuen Verbreitungsweg aufkommen will. Das zeigt sich daran, dass die Sender, die schon länger dabei sind, weder Jubelmeldungen verbreiten noch weitere Skills starten. Dabei sind Echo und Alexa für etliche Enthusiasten doch das nächste große Ding. Die Zukunft gehöre dem auditiven Web, niemand müsse sein Anliegen mehr umständlich irgendwo eintippen. Hören sei nun das neue Sehen und für die Audio-Anbieter breche dank Cloud und künstlicher Intelligenz ein goldenes Zeitalter an, in dem sie haufenweise Daten nutzen können, um individuellere Hörer- und Werbeangebote zu entwickeln.

Rockland Radio: eigene App und Hoheit über die Daten

Gedanklich sind viele Radioverantwortliche aber noch nicht so weit. Manch einer mag mental noch der analogen UKW-Welt nachhängen, in der Frequenzen knapp waren und die Konkurrenz überschaubar. Deshalb tun sich viele Sender schwer mit einer klaren Strategie für Alexa, zumal über diesen Weg weitere Audio-Wettbewerber in den Markt drängen und mit Amazon ein neuer Gatekeeper auftritt. Für Steffen Müller, geschäftsführender Gesellschafter von Radio 21 und Rockland Radio, sind Sprachassistenten wie Alexa deshalb eine zweifelhafte Sache. Einerseits vereinfachen sie das technische Handling von Angebotsplattformen und machen es für die Hörer leichter, die für sie passenden Streams abzuspielen. Andererseits wirken sie aber auch disruptiv: "Alexa oder Siri sind das Einstiegsportal, das heißt, ihnen gehört zunächst alles und sie können ordnen, über welche Plattformen unsere Sender gehört werden." Und sollten die charmanten Sprachassistentinnen eines Tages mal eine wesentlich höhere Marktdurchdringung haben als heute, dann würden sich Amazon oder Apple die Nutzung von Audiostreams über ihre Plattformen bezahlen lassen, fürchtet Müller. Wer als Sender der Verlockung der Vereinfachung durch die Sprachassistenten erliegt, läuft Gefahr, die direkte Verbindung zum Hörer zu verlieren, fürchtet Müller. Die ist im digitalen Zeitalter aber wichtiger denn je: "Die Zukunft des Radios liegt in Big Data."

Müllers Strategie ist deshalb klar: Er will die Hoheit über die Daten seiner Angebote möglichst komplett für sich behalten und geht zu Amazons Alexa auf Distanz, weil er den Service als Wettbewerber um die Gunst der Nutzer begreift. Die Hörer von Radio 21 und Rockland Radio sollen erst gar nicht auf die Idee kommen, die Programme über einen Sprachassistenten zu nutzen. Deshalb verfügen Müllers Stationen in der Alexa-App auch über keine eigenen Skills. Auffindbar sind sie für Echo-Nutzer trotzdem. Wer Alexa auffordert, Radio 21 oder Rockland Radio zu öffnen, für den spielt der US-Aggregator TuneIn die Streams ab. Man kann sie aber auch über andere Aggregatoren wie radio.de oder Radioplayer nutzen, wenn man deren Skills aktiviert hat.

Müllers Ziel ist aber ein ganz anderes: "Wir wollen die Hörer für unsere App gewinnen." Dort will er möglichst viele Daten über sie sammeln und für die Vermarktung nutzen. So verfügen die Apps über einen integrierten Premiumbereich, der Hörern Bewegtbildinhalte und weitere Services offeriert - aber nur, wenn sie sich registrieren. "Wer die App hat, braucht den Sprachassistenten nicht", ist Müller überzeugt. Doch ganz ohne fremde Hilfe kommt Müller dabei nicht aus. IPhoneNutzer können die Radio-21- und Rockland-App über Apples Siri öffnen und dann den Stream starten oder andere Dienste nutzen. Für Müller ist das aber etwas anderes, als wenn jemand via Alexa seine Streams öffnet, weil Siri dem Hörer den direkten Einstieg in seine eigenen Apps ermöglicht. Müller ist überzeugt: Wenn es den Radiosendern gelingt, ihren Hörern über den Direkteinstieg weitere Vorteile zu ihren Produkten zu vermitteln, muss sich die Branche nicht vor großen Namen wie Amazon fürchten.

kress.de-Tipp: Guido Schneider hat im aktuellen "kress pro" den Produkte-Case "Von Alexa profitieren?" verfasst. Darin analysiert er neben Rockland Radio auch die Ansätze von Antenne Bayern und Laut FM. Die "kress pro"-Ausgabe 6/2018 kann in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt gekauft werden - und ist auch im iKiosk erhältlich. Per E-Mail kann sie unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden. "kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. Zum "kress pro"-Abo

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