Keine Krawatte! Christian Wegner und die Vorbehalte der SWMH-Gesellschafter

23.08.2018
 

Bei der Südwestdeutschen Medienholding ist Ex-ProSiebenSat.1-Vorstand Christian Wegner die neue Nummer eins. Ein Digitalprofi in einem Zeitungskonzern: Kann das gutgehen? Markus Wiegand in "kress pro" über den "Kulturschock in Stuttgart".

Es gehört zu den Eigenheiten bei der SWMH, dass der Kandidat durch die Gesellschafterversammlung der Gruppe Würtembergischer Verleger gewählt werden muss. Und so durfte Christian Wegner Ende Juni antraben und sich in einem Saal des Schlossgarten-Hotels in Stuttgart präsentieren. Rund drei Dutzend Anteilseigner hörten dem Manager bei seiner wenige Minuten dauernden Vorstellung zu.

Souverän und selbstbewusst habe Wegner dabei gewirkt, loben Teilnehmer der Veranstaltung. Allerdings wurde beim ersten Zusammentreffen auch deutlich, dass es gewisse kulturelle Unterschiede zwischen dem smarten Manager und den Minderheitsgesellschaftern aus dem Schwäbischen gibt. So stieß einigen sauer auf, dass Wegner bei seiner Vorstellung keine Krawatte trug. Das lerne doch schon jeder Anzeigenverkäufer, schimpfte einer, dass man sich an die Bedürfnisse der Zielgruppe anzupassen habe, und war damit nicht allein. Ebenfalls gegen die Etikette der anwesenden Verleger verstieß Wegner, als er sich nach erfolgter Wahl nicht wortreich beim Auditorium bedankte, das überwiegend aus Männern im besseren Alter besteht.

Neben den atmosphärischen Dissonanzen gibt es aber auch handfeste Vorbehalte gegen Wegner. Der verstehe überhaupt nichts vom Zeitungsgeschäft, meint einer skeptisch. Das sei in einem Unternehmen, das den Großteil seiner Umsätze mit Zeitungen erwirtschafte, eine denkbar schlechte Voraussetzung.

Im Wahlergebnis machten sich die Vorbehalte allerdings nicht bemerkbar. Einstimmig gewählt, lautete das Votum. Dazu mag beigetragen haben, dass die Abstimmung offen erfolgte. Fragen wurden nur wenige gestellt. Diskussionen oder gar Widerspruch war augenscheinlich nicht vorgesehen. Das zeigte auch der Zeitplan. Ende Juni fand die Gesellschafterversammlung statt. Schon wenige Tage später, Anfang Juli, war der Dienstbeginn des Neuen terminiert. Man habe keine Alternative gehabt, kritisierte einer, der auch zähneknirschend mit Ja stimmte.

Die entscheidenden Kräfte bei der Nachfolgesuche waren ohnehin die größten Anteilseigner: die Verlegerfamilien Schaub und Ebner. Unklar ist, warum sie Wegner ausgewählt haben. Nach dem Zeitungsmann Rebmann ist die Wahl der neuen Nummer eins ein echter Paradigmenwechsel. Beide versprechen sich von Wegner offenbar, dass er den Übergang ins digitale Zeitalter organisieren kann.  

kress.de-Tipp: Der Text von "kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand ist ein Auszug aus der SWMH-Story "Kulturschock in Stuttgart", erschienen in "kress pro" 6/2018. Darin beantwortet Wiegand auch folgende Fragen: "Wie kommt Christian Wegner zu SWMH?", "Wer ist Christian Wegner?", "Auf welche Strategie setzt die SWMH jetzt unter Wegner?", "Wollte Richard Rebmann nicht mehr?".  Die "kress pro"-Ausgabe 6/2018 kann in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt gekauft werden - und ist auch im iKiosk erhältlich. Per E-Mail kann sie unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden. "kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. Zum "kress pro"-Abo

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem Newsletter "kressexpress". Kostenlos abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.