Journalismus-Kolumne: Die Ergebnisse der größten Untersuchung deutscher Lokalteile

 

Das sind die Stärken der Lokalteile in Deutschland: Sie achten die Persönlichkeitsrechte der Bürger, sie sind neutral, unabhängig und glaubwürdig. Das sind die Schwächen: Das Design und die Partizipation, also die Beteiligung der Leser, sowie die Vielfalt der Formen, also kaum Kommentare, fast nur Meldungen und Berichte. Paul-Josef Raue stellt in seiner Kolumne die Ergebnisse der größten Untersuchung deutscher Lokalteile vor: Anna-Lena Wagner hatte vor drei Jahren zusammen mit Klaus Arnold von der Universität Trier über 600 Lokalteile mit über 18.000 Artikeln einer Juni-Woche untersucht und ausgewertet.

Wer sich über Lokaljournalismus amüsieren will, spricht von Rammler-Wettbewerben, Schützenfesten  und Verkehrsunfällen - als bevorzugte Recherche-Orte für Redakteure in Bad Berleburg und Bad Tölz, Gardelegen und Regen. "Mal andere Karnickel fotografieren", so machte sich ein Medienjournalist noch im Frühjahr lustig über ein Austauschprogramm des Verlegerverbands: Redakteure sollten auch mal in eine andere Lokalredaktion schauen.

So einfach fällt das negative Urteil heute nicht mehr aus, Häme ist fehl am Platz. In ihrer empirischen Studie zeichnen Arnold und  Wagner ein ambivalentes Bild. Einerseits Qualitätsverbesserungen wie eine breite Vielfalt an Themen und ein meist politischer Lokalteil, zumindest in einigen Zeitungen, aber auch Defizite, die sie ausführlicher als die Stärken in ihrem Fazit beschreibt: Relativ unkritisch, nur wenige kontroverse Artikel und wenig Ausleuchtung des Hintergrunds.

Anna-Lena Wagner, Klaus Arnold und die studentischen Mitarbeiter haben mit ihrer repräsentativen Stichprobe den kompletten Lokaljournalismus in Print und Online untersucht: Metropolen-Zeitungen ebenso wie kleine auf dem Land, drei Lokalteile der Bildzeitung und zehn Lokalteile anderer Boulevardblätter sowie  hundert Internetauftritte. Was vor allem auffällt: Es gibt große Unterschiede zwischen den Zeitungen. Was Wissenschaftler "hohe Standardabweichungen" nennen, ist die Lücke zwischen guten und schwachen Lokalteilen.

Die Qualitäts-Lücke ist am größten bei der Ausgewogenheit, wenn es um kontroverse Themen geht: Es gibt Redaktionen, die bieten ihrer Lesern keine ausgewogene Berichte an und schlagen sich bei Kontroversen auf eine Seite, während andere prinzipiell beide oder mehrere Seiten zu Wort kommen lassen.  "Diskursivität" ist selten, also der Anteil kontroverser Artikel, auffallend schwach vor allem bei Kleinstadt- und Landzeitungen; ähnlich ist es bei der "Glokalität", also der Übersetzung von nationalen Themen in lokale: Während viele Redaktionen, besonders auf dem Land,  diese Übersetzung überhaupt nicht leisten, klopfen andere regelmäßig die großen Themen auf Relevanz ab für ihre Stadt oder Region.

In Berichten und Meldungen beachten allerdings die meisten Redaktionen die Trennung von Nachricht und Kommentar, sie enthalten sich weitgehend einer Wertung; und nur in wenigen Ausnahmen kommt es zu Verstößen gegen die Persönlichkeitsrechte. Neutralität ist ein Wert in den Lokalredaktionen, den nahezu alle hoch halten.

Viele Redaktionen tun sich schwer, durchgängig ausgewogen zu berichten. Die Studie spricht die notwendige Qualität des Lokaljournalismus an: "Unparteilichkeit als Norm ist besonders wichtig, wenn es eine Tendenz zu monopolartigen Anbietern gibt" - also: Gibt es nur noch eine Lokalzeitung, wie in den meisten Städten und Kreisen, ist eine ausgewogene Berichterstattung, in der alle zu Wort kommen, notwendig für die Akzeptanz und Stabilität der lokalen Demokratie.

Pegida und Anhänger der "Lügenpresse" werfen den Lokalteilen, nicht nur in Dresden, mangelhafte Unabhängigkeit vor: Den kann die Studie kaum entdecken, aber sie stellt bedeutende Unterschiede fest und spricht beispielhaft von "Werbeverdacht" (siehe Info-Text "Werbeverdacht"): Relativ viele Redaktionen lassen sich unkritisch vor einen Werbe-Karren spannen. Auch die Eigenrecherche ist schwach ausgeprägt, dennoch stellt die Studie fest: "Eine insgesamt zu wenig unabhängige Berichterstattung - wie in früheren Studien thematisiert - lässt sich dem Lokaljournalismus nicht vorwerfen."

Eine dramatische Schwäche ist die fehlende Partizipation, also die Mitwirkung der Bürger und Leser. "Die Zeitungen erreichen nur 23 Prozent der möglichen Qualität." Die Studie nutzt den Begriff "Produsage", der auf einen Paradigmenwechsel im Web 2.0 verweist: Es gibt keinen deutlichen Unterschied mehr zwischen Redakteuren und Lesern, zwischen Produzenten und Nutzern; beide produzieren Inhalt, beide schreiben und fotografieren und gestalten. Doch die Redakteure lassen ihre Leser nur selten zum Zuge kommen, selbst Leserbriefe besitzen keinen hohen Stellenwert.

Dass die Lokalteile kaum unterhaltsam sind, überrascht schon. Zwar gelingt es den Redakteuren so leidlich, mit Feature-Einstiegen Spannung in ihren Texten aufzubauen, doch bei der grafischen Gestaltung fehlt der Pfiff: Kaum Freisteller, kaum Karikaturen. Zur gepflegten Langeweile vieler Lokalteile trägt auch die Monokultur der Darstellungsformen bei: 86 Prozent aller Artikel sind Meldungen und Berichte. Dem entspricht auch der Befund, dass selten kritisch berichtet wird, und der Befund, dass die meisten Artikel wenig relevant sind und kaum hintergründig: Offenbar gibt es einen ständigen Druck, einfach nur Seiten zu füllen.

Nur jeder fünfte Online-Beitrag ist nicht der Druckausgabe entnommen. So stellt die Studie bei Online wenig Qualität fest, wenige multimediale Elemente und kaum Partizipation - und das bei einem Medium, das auf Interaktion ausgelegt ist; bei den Online-Kommentaren melden sich auch nur sehr wenige Leser.

Die Autoren der Studie finden noch eine "heile Welt des Lokalen" trotz mancher Qualitätsverbesserungen. Aber reichen die aus für die anspruchsvolle Aufgabe, "eine umfassende Selbstbeobachtung der Gesellschaft zu sichern"? Da notiert Anna-Lena Wagner mit den Autoren der Studie ein ganz großes Fragezeichen.

Die Studie

Das war das Team: Professor Klaus Arnold, seine Mitarbeiterin Anna-Lena Wagner und 18 studentische Hilfskräfte.

Das war die Stichprobe: 103 Zeitungen mit ihren korrespondierenden Internet-Auftritten; 618 Ausgaben, 18.653 Artikel, davon 6.565 in einer Tiefenanalyse, 103 Online-Startseiten und 5.022 Online-Artikel.

Das war der Zeitraum der Untersuchung: Die Woche vom 15.-20. Juni 2015.

Es gibt 50 Qualitäts-Kriterien für Print: Sie sind genau in einem "Codebuch" beschrieben. Ein Beispiel für die Qualitätsdimension "Hintergrund":

  1. Beitragslänge;

  2. Beitrag hat einen "glokaler" Bezug (etwa: bundesweites Thema wird auf lokale Ebene heruntergebrochen);

  3. Beitrag enthält Erklärungen;

  4. Zahl der Sprecher im Beitrag;

  5. Beitrag ist Teil einer Serie;

  6. Beitrag ist Teil eines Themenblocks.

Es gibt zwölf Online-Kriterien, die sich den folgenden fünf Dimensionen zuordnen lassen:

  1. Partizipation;

  2. Zugänglichkeit;

  3. Anwendbarkeit;

  4. Unterhaltsamkeit;

  5. Online-Orientierung (Zuerst im Netz oder in der Zeitung? Exklusiver Online-Beitrag? Veränderungen an Text und Grafik zwischen Print und Online? Fotostrecken? Links?)

Was bedeutet "Werbeverdacht"?

Die Forscher haben solche Beiträge auf einen 'Werbeverdacht' geprüft, bei denen Waren, Dienstleistungen, Unternehmen, Läden, Restaurants usw.  im Mittelpunkt standen. Sie haben untersucht, ob diese Beiträge überwiegend positiv (= Werbeverdacht) oder aber durchgehend neutral bzw. überwiegend negativ (= kein Werbeverdacht) dargestellt werden.
Zum Beispiel: In einem Beitrag ging es um die Neueröffnung einer Restaurantkette in der Innenstadt. Wenn der Autor oder Dritte, etwa der Geschäftsführer, in Zitaten das Restaurant nur positiv bewerten oder mehr positive als negative Bewertungen vorkommen, ist von einem Werbeverdacht auszugehen. Wenn sowohl der Autor als auch Dritte neutral sprechen oder sogar überwiegend Kritik äußern, liegt kein Werbeverdacht vor.

Eine Zusammenfassung der Studie erschien 2018 in der Zeitschrift "Publizistik" (Jahrgang  63, Heft 2, Seite 177ff.) Ergebnisse weiterer Teilstudien zum Lokaljournalismus werden in naher Zukunft nachzulesen sein in der Dissertation von Anna-Lena Wagner.

JOURNALISMUS!-Serie zum Lokaljournalismus

Seit Mai erschienen auf kress.de in lockerer Folge mehrere Kolumnen zum Lokaljournalismus:

  1. Was zeichnet einen "Lokaljournalisten par excellence" aus? (2. Mai 2018)

  2. Im Paradies der Lokalzeitung: Starke Leser und starkes Design (28. Mai 2018)

  3. Lesewert-Forscher: Wir müssen die Zeitung neu denken (10. Juli 2018)

  4. Die 15 besten Lesewert-Tipps für die Zeitung der Zukunft (17. Juli 2018)

  5. Wie Lokalredakteure die Demokratie retten (31. Juli 2018)

  6. Wenn Lokalzeitungen Politik machen: "Verschwörerisch" vor der OB-Wahl (6. August 2018)

  7. WAZ-Lokaljournalismus nach dem Krieg: "Kumpel Anton" mit "verdorbenem Deutsch"

Zum Abschluss der Reihe werden wir eine kleine Lokalzeitung im mittleren Westen der USA besuchen und davon in einer der nächsten Kolumnen erzählen. Auch danach wird der Lokaljournalismus ein herausragendes Thema bleiben.

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur von lokalen und regionalen Zeitungen, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Er war Mitglied des Projektteams Lokaljournalismus und hat ein Dutzend Mal mit seinen Redaktionen den Deutschen Lokaljournalistenpreis gewonnen. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, in dem es ein großes Lokaljournalismus-Kapitel gibt. Vor kurzem erschien "Luthers Sprach-Lehre", und im Herbst kommt die Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen heraus. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, er lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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