Lokaljournalismus in Chemnitz: "Es bedarf keiner Dramatisierung"

 

"Chemnitz" ist die neue Chiffre für unbelehrbare Ostdeutsche (ersetzbar durch "undankbar", "intolerant", "fremdenfeindlich" usw.) und löste den bekannten gesellschaftlichen Alarm aus, so dass in Deutschland sogar der Klimawandel in Vergessenheit geriet, gegen den am Samstag in hundert Ländern weltweit tausend Demonstrationen stattfanden. Paul-Josef Raue schaut in seiner "JOURNALISMUS!"-Kolumne auf die Lokaljournalisten: Wie haben sie reagiert?

Man stelle sich vor: Die AfD dreht gewaltig am Rand, und Neonazis raufen mit Polizisten - und Journalisten bleiben besonnen, berichten unaufgeregt und einige sagen sogar, dies sei die Aufgabe von Medien. Unvorstellbar?

Wer wissen will, was wirklich in Chemnitz geschehen ist, wer sich seine eigene Meinung bilden will, wer sich nicht lenken lassen will durch all die Vermutungen, Aufregungen und Fälschungen, der schaue auf Journalisten, die dabei waren, die Stadt, Land und Leute kennen, die mit den Leuten leben. Die in Chemnitz erscheinende "Freie Presse" protokolliert mit vorbildlicher Genauigkeit die Unruhen. Die Redakteure schildern, was sie gesehen haben - aber auch, was sie nicht gesehen haben und wie sie recherchierten, was in den Abwesenheits-Minuten geschehen ist:

(26. August) Zwischen 16.45 und 17.30 Uhr: Für den ersten Teil des unangemeldeten Demonstrationszuges hat die Redaktion keine eigenen Beobachtungen gemacht. Im Internet tauchen am späteren Nachmittag aber mehrere Berichte auf über angebliche Übergriffe auf Migranten im Umfeld der Zentralhaltestelle. Dort, wo die Polizei in der Nähe war, sei sie eingeschritten.

Ein Augenzeuge berichtet der "Freien Presse" später, dass mehrere hundert Menschen vom Roten Turm in Richtung Zentralhaltestelle liefen. Polizisten vor Ort können die Menge dort nicht am Weitergehen hindern.

Eine Videoaufnahme der Chemnitzer Sozialarbeiterin Rola Saleh zeigt den Moment, in dem die Masse in Richtung Johannisplatz abbiegt. Die Stimmung ist aggressiv, Schimpfwörter sind zu hören. Die Menge skandiert unter anderem "Das ist unsere Stadt." Ein Mann brüllt: "Für jeden toten Deutschen, einen toten... - an dieser Stelle ist er nicht mehr zu verstehen. Saleh, die wiederholt das Wort "Rassisten" in Richtung der Menschenmenge ruft, wird attackiert, ein Mann ruft "hau ab hier". Dann ist die Stimme eines Mannes zu hören. Saleh sagt der "Süddeutschen Zeitung" bei dem Mann habe es sich um einen Polizisten gehandelt. Er empfiehlt Saleh, wegzugehen. "Es bringt nichts, wenn der Mob Sie angreift", sagt er. Er sagt sinngemäß noch: Wir können hier Ihre Sicherheit nicht gewährleisten.

Auf dem Johannisplatz halten sich laut des Augenzeugen zu diesem Zeitpunkt mehrere junge Männer auf, mutmaßlich Migranten. Als die Menge den Platz erreicht, kommt es zu Prügelszenen. Es wird geschlagen und getreten, Menschen gehen zu Boden. In einem Video eines Restaurant-Besuchers ist festgehalten, dass sich Polizisten nähern und die Menge zurückdrängen. Es kommt zu Handgemengen, mindestens ein Polizist geht dabei zu Boden.

Die tätlichen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und einigen Teilnehmern des Demonstrationszuges am Johannisplatz beschreibt auch Polizeipräsidentin Sonja Penzel in einer Pressekonferenz am Tag danach. Der Polizei sei es kaum noch gelungen, die Ansammlung gezielt zu lenken. Am Johannisplatz seien die Polizisten aus der Gruppe heraus mit Steinen und Flaschen beworfen worden. Nur durch den Einsatz von Pfefferspray und des Schlagstockes sei es gelungen, auf diese Personengruppe einzuwirken.

Genauer kann eine Redaktion nicht deutlich machen, wie sie arbeitet, was sie recherchiert hat und was wahr ist, was wahrscheinlich ist und was nur vermutet werden kann. Jeder Leser kann sich einen Eindruck verschaffen und einen Reim darauf machen; er erfährt, aus welcher Perspektive das Geschehen geschildert wird, wohl wissend dass Zeugen irren können, wie jeder Richter erzählen kann und jeder Psychologe belegen.

Was für ein Unterschied zwischen dem Verfassungsschutz-Präsidenten und den Redakteuren! Während der Mann des Staates vermutet, Videos seien "gezielte Falschinformationen", identifiziert die Redaktion die Urheberin eines Videos, beschreibt, was zu sehen und was nicht zu sehen ist, spricht offenbar nicht mit ihr, aber zitiert, was sie der "Süddeutschen Zeitung" dazu gesagt hat.

Redakteure schildern Auseinandersetzungen mit jungen Männern, "die ihrem Äußeren nach Migranten sind", Angriffe und Fluchten. Die Szene, die als "Hetzjagd" Medien- und Politik-Karriere machte, erleben die Redakteure nicht, aber analysieren Video und  Quelle:

Die Aufnahme lässt sich in der Bahnhofsstraße an der Johanniskirche verorten. Details aus dem Video, wie der Turm der Johanniskirche, Straßenschilder, eine Werbetafel und die Bebauung sind wiederzuerkennen. Das Wetter und die Kleidung der Menschen im Video passen zu den äußeren Bedingungen am 26. August. Die Schatten stimmen mit dem Sonnenstand am Nachmittag dieses Tages überein... Dieser Twitter-Account wird anonym betrieben. Über diese Twitter-Adresse ("Antifa Zeckenbiss") werden seit Monaten Beiträge verbreitet, die rechte Demos dokumentieren, oder Artikel über Rechtsradikalismus.

Die Reporter der "Freien Presse" sprechen mit dem jungen Mann, der als Verfolgter in dem Video zu sehen ist, er bestätigt, dass er bei der Polizei Anzeige erstattet hat; sie sprechen auch mit der Generalstaatsanwaltschaft, die das Video für echt hält.

Aber müssen Journalisten als die Pächter der Wahrheit nicht Haltung zeigen gegen das Falsche, vor allem gegen die Falschen kämpfen, und dramatisieren, wenn es hilfreich ist? "Freie Presse"-Chefredakteur Torsten Kleditzsch verneint und schreibt in einem Kommentar: "Eine 'Hetzjagd' in dem Sinne, dass Menschen andere Menschen über längere Zeit und Distanz vor sich hertreiben, haben wir aber nicht beobachtet. Wir kennen auch kein Video, das solch eine Szene dokumentiert. Der offen zu Tage getretene Hass, der die Proteste auf den Straßen in Chemnitz am Sonntag begleitet hat, war schrecklich genug. Er bedarf keiner Dramatisierung."

Lokaljournalisten können es sich nicht leisten, zu übertreiben oder zu fälschen. Lassen sie sich doch dazu hinreißen, werden sie von ihren Lesern gestellt, denen sie auf dem Markt und in Versammlungen immer wieder begegnen; dauerhaft kann sich keiner in seiner Redaktion verstecken. Wenn sie nicht den Unwillen der Leser provozieren wollen, müssen sie auch deren Meinungen aufnehmen - und nicht so wie es die Fernseh-Nachrichten gerne tun, wenn sie zwei, drei zufällig Ausgewählten das Mikrofon hinhalten und den Eindruck erwecken, Volkes Meinung zu repräsentieren. Im Gegensatz zu diesem journalistischen Unsinn zitiert die "Freie Presse", die "eine Flut an Briefen" erreicht, ausführlich die Meinungen der Leser, allerdings nur von Männern,  und lässt offenbar Hass und Unbewiesenes rechts liegen:

  • "Die Polizei hatte die Lage recht gut im Griff, auch wenn das anders interpretiert wurde", schreibt ein Chemnitzer, "es gab keine Massenschlägereien, keine Verwüstungen und keine großflächige Randale. Hört bitte auf, Chemnitz und Sachsen in die rechte Ecke zu drängen. Das ist blinder Aktionismus und entspricht nicht den Tatsachen."

  • Ein anderer schreibt: " Wo sind wir eigentlich hingekommen? Das stimmt mich sehr nachdenklich. Die Maßlosigkeit: Herden braunen Mobs, Berichterstattung wie aus einem Bürgerkriegsgebiet, notstandsähnliche Polizeipräsenz, politische Szenarien eines "Vierten Reichs". Warum sind wir so zügellos geworden? Die Pauschalierungen: Links/Rechts. Dafür/Dagegen."

Da verfällt keiner in den Alarm-Modus wie viele Journalisten, die nach den Unruhen "eine getriebene Stadt" besuchen, wie der sächsische Flüchtlingsrat, der von "Hetzjagden auf Journalisten" spricht, wie die sonst nahezu stoische Kanzlerin, die "Hetzjagden" auf Ausländer gesehen haben will - statt sofort nach Chemnitz zu fahren. Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz aus Halle kritisiert sie in einem Interview mit der "Leipziger Volkszeitung": "Wenn sie als erstes den Angehörigen des Opfers kondoliert hätte, wären viele Spannungen von vornherein abgebaut worden. Das wäre auch ein wichtiger Schritt zur Einsicht gewesen, dass die Migrationspolitik unter ihrer Regie bisher nicht optimal gelaufen ist."

Auf Frage, wie das gestörte Vertrauen zur "Lügenpresse" wieder herzustellen sei, gibt Maaz den Rat: "Beide Seiten, die jetzt in Chemnitz aufeinanderprallen, sollten abgebildet werden. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass auf der einen Seite die Guten und auf der anderen die Schlechten stehen. Der 'Spiegel' ist da gerade ein negatives Beispiel... Die andere Seite, die einem eben nicht gefällt, muss man auch zu Wort kommen lassen. Sonst ist tatsächlich der Vorwurf der 'Lückenpresse' nicht von der Hand zu weisen."

Einer der wenigen, der in den Lokalzeitungen im Osten recherchiert hat, ist "Welt"-Chefreporter Robin Alexander, der in einem Tweet eingestand: "Als Hauptstadtpresse haben wir uns nicht mit Ruhm bekleckert." Es ist das Eingeständnis, dass Journalisten für Journalisten schreiben, um Ihresgleichen Haltung zu beweisen. Und für Maaz gehören sie, die "Kritiker der Sachsen", auf die Couch.

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, davon ein Dutzend Jahre in ostdeutschen Regionalzeitungen, in Erfurt, Magdeburg und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, in dem er gleich im zweiten Kapitel vor dem Panik-Journalismus warnt. Er schrieb im Klartext-Verlag einige Bücher über die Wende, die Grenze und die deutsch-deutsche Geschichte. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, er lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

Korrektur:  Misslungene Wörter-Zählung

"Stern"-Redakteur Arno Luik schreibt zur JOURNALISMUS-Kolumne "Sarrazin im 'Stern' - ein misslungenes Interview":

In Ihrer Besprechung meines Gespräches mit Thilo Sarrazin für den Kress-Report urteilen Sie harsch und verurteilen rasch: "Ein misslungenes Interview". Was ist vom Urteil eines Kritikers zu halten, der im Vorspann seines Zerrisses betont, das Interview bestehe aus "800 Wörtern". Es sind ziemlich genau 4000 Wörter. Ich würde mir doch wünschen, dass ein Kritiker jedes Wort, das er kritisiert, gelesen hat.

Kolumnist Paul-Josef Raue antwortet:

Arno Luik hat Recht: Es sind deutlich mehr als 800 Wörter, es sind 3440, die der Kolumnist alle gelesen hat - mehrfach zudem. Ich habe mal geschrieben:  Journalisten können mit Zahlen nicht umgehen. Quod erat demonstrandum (was zu beweisen war).

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2019/#10

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