Christiane zu Salm im Interview: "Übers Fernsehen geredet wird bei uns eigentlich nie"

13.09.2018
 

Sie steuerte den Musiksender MTV und war Geschäftsführerin und Anteilseignerin des Privatsenders tm3, den sie in den Gewinnspielsender 9Live umwandelte. Kurzzeitig wirkte sie als Crossmedia-Vorstand bei Burda. Was Christiane zu Salm im Moment macht und wie ein Fernsehabend im Hause zu Salm/Kofler aussieht, verrät sie im Gespräch mit "kress pro".

"kress pro": Was machen Sie im Moment?

Christiane zu Salm: Ich habe 2016 den Berliner Nicolai Verlag gekauft und konzentriere mich mit meinem kleinen Team zu 100 Prozent auf den Relaunch dieses traditionsreichen Unternehmens. Der Verlag wurde 1713 gegründet und steht wie kein Zweiter für das Zeitalter der Aufklärung. Wir wollen ihn für das 21. Jahrhundert im Genre des populären Sachbuchs neu erfinden und verstehen uns deshalb als das älteste Start-up Deutschlands (lacht).

"kress pro": Sie haben den Verlag umbenannt in Nicolai Publishing & Intelligence. Was genau verbirgt sich dahinter?

Christiane zu Salm: Wir sind überzeugt: die meisten Themen sind heute so komplex, dass man sie nicht mehr nur aus einer Blickrichtung, aus einem Fachgebiet heraus verhandeln kann. Daher haben wir ein innovatives Publishingkonzept entwickelt, das auf den zentralen Werten der Aufklärung basiert – Unerschrockenheit und Toleranz der Meinung des anderen. Das führt dazu, dass bei Nicolai heute beispielsweise ein Theologe über die Ethik der Daten schreiben kann.

"kress pro": Ihr Name ist untrennbar mit dem Privatfernsehen verbunden. Was reizt Sie ausgerechnet am Buchgeschäft?

Christiane zu Salm: Für mich ist das kein beliebiges Investment. Ich habe seit Jahren gezielt nach einem Verlag Ausschau gehalten, um zu meinen eigenen Wurzeln zurückzukehren: Ich stamme aus einer Verlegerfamilie und habe nach der Schule eine Lehre bei S. Fischer in Frankfurt gemacht. Mich reizt die Herausforderung, mit Büchern gerade in unserer heutigen Zeit der Meinungs-Silos einen Impact zu erzielen.

"kress pro": Wie unterscheidet sich die Arbeit einer Verlegerin von der einer Senderchefin?

Christiane zu Salm: Beim Fernsehen, gerade bei einem Livesender, muss alles wahnsinnig schnell gehen. Jede Stunde ohne Interaktion mit den Zuschauern ist eine verlorene Stunde. Heute genieße ich es, auch mal einen Text von 30 Seiten von Anfang bis Ende lesen zu können, ohne von E-Mails, Telefonaten oder Meetings gestört zu werden. Ich kann mich auf Inhalte einlassen und selber Gedanken entwickeln, ohne unter diesem ständigen Kommunikationsdruck zu stehen. Trotzdem gehe ich ein unternehmerisches Risiko ein – wie damals bei 9 Live weiß ich nicht, ob es funktionieren wird. Mancher in meinem Umfeld hält es für die schönste Art und Weise, ein Vermögen zum Fenster rauszuwerfen (lacht).

"kress pro": Sie haben wie Ihr Mann Georg Kofler dem TV-Geschäft den Rücken gekehrt. Wie sieht ein Fernsehabend im Hause Kofler/zu Salm heute aus?

Christiane zu Salm: Mein Mann sitzt immer noch wie früher vor einem Riesenfernseher und schaut sich vor allem Sport an, während ich mit meinen Töchtern im Bett liege und Serien gucke (lacht). Übers Fernsehen geredet wird bei uns eigentlich nie.

"kress pro": Hat das klassische Fernsehen den Kampf gegen Youtube, Netflix & Co. verloren?

Christiane zu Salm: Niemand weiß, wohin die Reise in den nächsten Jahren geht. Man muss mutig sein, unternehmerische Risiken eingehen. Plattformentwicklung, die Beteiligung an Internetfirmen – das ist in meinen Augen schon der richtige Weg. Wenn man dann noch überlegt, unter welchen wettbewerbsrechtlichen Bedingungen das Fernsehen in Deutschland agieren muss, leisten die großen Konzerne gute Arbeit.

"kress pro": Sie werden hauptsächlich mit MTV in Verbindung gebracht. Über MTV spricht heute niemand mehr. Tut Ihnen das weh?

Christiane zu Salm: Ja. Meine Töchter kennen MTV nur noch aus meinen Erzählungen. MTV war eine Identifikationsmarke für eine ganze Generation. Doch nicht nur die Zuschauer haben sich weiterentwickelt, das ganze Mediennutzungsverhalten hat sich verändert. Da reicht es nicht, eine etablierte Marke unter den neuen Vorzeichen auszubauen, da muss ein ganz neues Denken her. Aber das sagt sich so leicht.

Interview: Marcus Schuster

kress.de-Tipp: Das Gespräch mit Christiane zu Salm ist in der "kress pro"-Ausgabe 5/2018 erschienen. Das Heft kann in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt gekauft werden - und ist auch im iKiosk erhältlich. Per E-Mail kann es unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden. "kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. Zum "kress pro"-Abo.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem Newsletter "kressexpress". Kostenlos abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.