"Jetzt bin ich halt der Ottlitz und nicht der Plöchinger"

17.09.2018
 

Spiegel-Führungskraft Stefan Ottlitz (früher Plöchinger) spricht im neuen "medium magazin" über seine Namensänderung nach der Hochzeit mit seinem Mann Till Ottlitz. Dieser ist ebenfalls Journalist beim Radiosender Bayern 2.

Stefan Plöchinger heißt jetzt Ottlitz, aber eines hat sich nicht geändert: Als medium magazin ihn fragt, ob wir über seine Namensänderung sprechen können, schreibt Ottlitz innerhalb einer Minute zurück: "Logisch, kein Problem." Manche glauben, dass Ottlitz Mails beantwortet, bevor sie eintreffen. Im Falle seines neuen Namens und der frisch geschlossenen Ehe mit seinem Mann Till ist es dem 42-Jährigen jedoch auch ein Bedürfnis, sein Glück zu teilen. Vier fixe Fragen an Stefan Ottlitz, den Ex-Digital-Chef der "Süddeutschen Zeitung", der als Leiter der Produktentwicklung beim "Spiegel" gerade in die Geschäftsleitung aufgestiegen ist - gestellt von "mm"-Redakteur Jens Twiehaus:

"Medium Magazin": Plötzlich ist der Name Plöchinger verschwunden. So ein Name ist für Journalisten aber auch Erkennungszeichen. Warum hast du ihn abgelegt?

Stefan Ottlitz: Das war, offen gesagt, eine spontane Entscheidung bei der Eheanmeldung auf dem Standesamt. Ich dachte mir: Wenn man nach mehr als 20 Jahren Beziehung heiratet, dann ist das ein schöner Schritt und ja bewusst auch ein Schritt vom Privaten ins Öffentliche. Das dürfen die Leute dann auch merken. Andere Menschen entscheiden sich aus ebenso legitimen Gründen anders, das ist ja immer eine persönliche Sache.

"Medium Magazin": Namen sind Teil der persönlichen Marke - speziell für Leute, die in der (Branchen-)Öffentlichkeit stehen. Siehst du das anders?

Stefan Ottlitz: Das Markennamengerede über Journalisten - mei. Wir sollten uns nicht zu wichtig nehmen. Ich fand seinerzeit auch den Hoodiejournalismus-Hype etwas drüber, darum trage ich keine Hoodies mehr. Jetzt bin ich halt der Ottlitz und nicht der Plöchinger. Wem es wichtig ist, der wird sich dran gewöhnen.

"Medium Magazin": Mit der Namensänderung kommt auch ein neuer Twitter-Handle: aus @ploechinger wurde @hierprivat. Wie hast du das den 62.000 Followern kommuniziert?

Stefan Ottlitz: Ich hab drei Stunden nach einem neuen Handle gesucht, @hierprivat lustigerweise als frei entdeckt, dann einfach den Namen geändert und mir gleich auch @ploechinger wieder gesichert, damit da niemand Schindluder treibt. Auf Twitter geht so eine Umstellung in zwei, drei Minuten - bei Google-Accounts dagegen zum Beispiel gar nicht. Absurd! Man hat unerwartet viel Arbeit mit dem digitalen Namensändern, da sind selbst Weltkonzerne noch unfassbar unpraktisch.

"Medium Magazin": Die Hochzeitsbilder mit deinem Mann Till hast du auf Facebook "privat" geteilt, was bedeutet: vor rund 4.000 Freunden. Wie privat sind deine Social-Kanäle denn wirklich?

Stefan Ottlitz: Sind sie nicht. Da muss man sich ab einer gewissen Prominenz nichts vormachen, man sollte es im Gegenteil nutzen, und das war bei dem Bild, das ich sogar unbeschränkt geteilt habe, durchaus ein Hintergedanke. Ich habe im Journalismus immer darauf geachtet, nicht zum Schwulen vom Dienst mit entsprechendem Themenspektrum gemacht zu werden. Das war ja schon mal üblicher als heute: "Homo-Ehe kommentieren? Frag Stefan!" Abgesehen davon, dass man als Schwuler kaum unabhängig über diese Themen schreiben kann und dann aus berufsethischer Sicht eigentlich einen idiotisch klingenden Disclaimer bräuchte: "Der Autor ist selbst schwul", war mir dieses Betroffenheitsraster inhaltlich zu beschränkend. Ich habe solche Themenvorschläge fast immer zurückgewiesen. Am Ende blieb bei mir persönlich durchaus das Gefühl, publizistisch nicht genug Zeichen für Gleichberechtigung gesetzt zu haben, auch wenn es angemessen gewesen wäre. Das Mindeste, was man dann jenen Aktivisten zurückgeben kann, die die Möglichkeit zum Heiraten mehr erstritten haben als ich selbst, ist, das neu ermöglichte Eheglück der Welt zu zeigen. Wie bei Heteros eben auch. So sieht Normalität aus, endlich, und solange ein solcher Schritt noch so viele Nachfragen erregt, ist es gut, mehr Öffentlichkeit zu wagen.

kress.de-Tipp: In der aktuellen Ausgabe 05/2018 von "medium magazin" ist Plöchingers Namenwechsel zu Ottlitz (Interview: Jens Twiehaus) eine kurze Meldung. Zu den weiteren Themen in dieser Ausgabe gehören die "Top 30 bis 30" des Jahres 2018, "Deutschland spricht", Content Marketing, Test von Audiotools zum Transkribieren, Werkstatt konstruktiv schreiben". Das Editorial und eine kostenlose Heftvorschau gibt es hier. Das Heft ist digital (per Sofortdownload) und gedruckt im Newsroom-Shop sowie digital im iKiosk verfügbar. Zum Abo hier entlang. Das "medium magazin" - das Magazin für Journalisten, in dem aktuelle Branchenthemen diskutiert und beleuchtet werden - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteurin ist Annette Milz. Sie ist auch Herausgeberin der Journalisten-Werkstätten.

Zur Person: Der Hashtag #Hoodiejournalismus wurde mit der Berufung von Stefan Plöchinger in die (Print-)Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung" populär: Als die interne Debatte um diese Personalie nach außen drang, solidarisierten sich rasch viele Journalisten auf Twitter mit dem Online-Chef von "süddeutsche.de". 2014 war das. Die "SZ" hat er verlassen, um als Leiter Produktentwicklung der Spiegel-Gruppe anzutreten. Der 41-Jährige begann 1995 als Lokalreporter bei der "Süddeutschen Zeitung", absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München, arbeitete als Politikredakteur bei der "Abendzeitung" und im CvD-Team bei der "Financial Times Deutschland" (2004 bis 2006). Danach war er Chef vom Dienst, Textchef und geschäftsführender Redakteur bei "Spiegel Online". Seit 2011 war Plöchinger Chefredakteur von "sz.de" und seit 2014 auch Mitglied der Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung", zuständig für die digitalen Projekte.

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