Interview mit Ulrich Wickert: "Journalisten irren, wenn sie glauben, dass die Leute dieses Ich-Ich-Ich mögen"

 

JOURNALISMUS! Wie sollen Journalisten umgehen mit Politikern, die wir als Populisten und Nationalisten bezeichnen? Wie sollen sie beispielsweise reagieren auf den US-Präsidenten Donald Trump? Über Trump und Amerika und über den Journalismus in Deutschland sprach kress.de-Kolumnist Paul-Josef Raue mit Ulrich Wickert, der ARD-Korrespondent in Washington und New York war und als Nachfolger von Hajo Friedrichs 15 Jahre lang die "Tagesthemen" moderiert hat.

Herr Wickert, Sie haben sich nie gescheut, Journalisten und ihre Beiträge öffentlich zu kritisieren, was in dieser empfindsamen Branche nicht gern gesehen wird. Ist die journalistische Qualität in den letzten Jahren insgesamt schwächer geworden?

Ulrich Wickert: Ja, zwei Dinge nerven mich besonders. Erstens die Belanglosigkeit vieler  Artikel, selbst in Magazinen wie dem "Spiegel". Da lamentiert einer darüber, dass bei einem großen Ereignis sein Handy geklaut worden  ist oder sein Koffer nach einem Flug aus New York zwei Tage später kam. Wen interessiert das? Ich will etwas über das Land erfahren, was Substanz hat, was mir erklärt, warum die Menschen so und nicht anders denken und handeln.

Und zweitens?

Die klare Wertung in den Beiträgen, die sofort verrät, was der Autor denkt, ob er etwas gut findet oder schlecht. Ich will mir selber meine Gedanken machen, mein Urteil selber finden, dafür brauche ich Fakten.

Nutzen Sie in Ihren Reportagen nicht auch das "Ich"? Ist nicht der subjektive Faktor grundlegend für die Qualität einer Reportage?

Ich habe das "Ich" selten gebraucht, nur wenn es ganz persönlich war. Grundsätzlich hält man sein "Ich" raus, es geht ja nicht um einen selbst.

Kommt das "Ich" zu oft im Journalismus vor?

Ja, absolut.  Im Fernsehen, besonders in den dritten Programmen, führt immer ein Journalist durch die gesamte Reportage, das "Ich" führt, das soll eine Verbindung vom Autor zum Zuschauer bringen. Das funktioniert nur bei wenigen wie Peter Scholl-Latour, weil der Zuschauer weiß, wofür der steht und was der weiß.

Ist das neue "Ich" ein Reflex auf die "Lügenpresse"-Angriffe oder auf den Verlust des Vertrauens?

Nein, dies hat viel früher angefangen, dieses Ich-Ich-Ich. Journalisten irren, wenn sie glauben, dass die Leute das mögen. Mit der Kritik an den Medien hat das nichts zu tun. Die ist auch schon deutlich leiser geworden. Umfragen zeigen: Das Vertrauen in seriöse Medien und die Glaubwürdigkeit ist wieder sehr hoch. Die Auseinandersetzung über "Lügenpresse" hat zu einer Reaktion bei den Journalisten geführt: Wir müssen offener mit den Lesern und Zuschauern umgehen. Das ist gut.

Sie haben die halbe Welt bereist, kennen viele Menschen, Länder und Kulturen. Ist es Aufgabe von Journalisten, gerade von Korrespondenten, sie zu vergleichen mit unseren Maßstäben? Oder erst einmal herauszufinden, wie andere Menschen leben?

Ich habe mir oft die Frage gestellt: Warum sind die Menschen anders? Als mich der WDR-Chefredakteur  Theo M. Loch nach Paris schickte, in meine erste große Korrespondentenstelle, habe ich die Klassengesellschaft bei unseren Nachbarn geschildert: Da ist die Bourgeoise die bestimmende Schicht; es gibt auch eine starke Arbeiterklasse, eine richtige Arbeiterklasse mit radikalen Gewerkschaften und 20-Prozent-Kommunisten  - also eine Gesellschaft, die anders formiert war als unsere. Wer Frankreich verstehen will, sollte das wissen - ohne sofort zu sagen: Das ist gut, das ist schlecht.

Wie findet ein Korrespondent eine Geschichte, die den Zuschauer oder Leser in der Heimat überrascht?

Er hört genau hin, wenn ein Gast aus Deutschland kommt. Ich will ein Beispiel aus New York erzählen: Mein Intendant Friedrich Wilhelm von Sell  kam zu Besuch und fragte, ob ich ihm die Wall Street zeigen könnte. Er war überrascht: "Diese kleine Straße ist die Wall Street, ist das Finanzzentrum der Welt?" Da habe ich mir gesagt: Du musst ein Porträt der Wall Street drehen. Wie funktioniert die? Ich zeigte die Partner einer großen Bank, die alle in einem großen holzgetäfelten Raum zusammen saßen - mit eigenem Koch. Und um das zu zeigen, braucht man kein "Ich".

Aber muss ein Korrespondent wirklich alles verstehen und erklären? Auch Donald Trump?

Ja, das ist seine  Aufgabe. Er muss nicht unbedingt Trump gut finden, aber er muss erklären, warum die Menschen ihn gewählt haben. Du verstehst Amerika nicht, wenn Du nur auf die klugen Menschen an der Ostküste schaust, wo es so großartige Zeitungen wie die "New York Times" gibt oder die "Washington Post" und Schriftsteller wie Philipp Roth oder John Updike.

Nun ist Trump ein Phänomen, das viele überrascht hat, etwas völlig Neues in einer großen westlichen Demokratie.

Nein, das ist nicht neu. Ich erinnere mich genau an die Reagan-Zeit: Das war auch ein Präsident, den die Deutschen überhaupt nicht verstanden haben.

Wie erklärt ein Korrespondent eine Gedankenwelt, die uns fremd erscheint - erst recht in einer Gesellschaft, die unserer sehr ähnlich ist?

Ich habe Washington, die Hauptstadt,  hinter mir gelassen, bin rausgefahren und habe Geschichten erzählt. Es begann mit der Frage: Wo kann ich am besten entdecken, wie Reagans Amerika denkt? Einer sagte mir: Fahr nach Wyoming, da beginnen die Rocky Mountains, da ist noch der Wilde Westen! Fahr nach Cody, Ende des 19. Jahrhunderts von Buffalo Bill gegründet! Ich habe seine Enkel getroffen, beide um die siebzig, einer hatte ein Bärtchen genau wie Buffalo Bill. Da habe ich ein Amerika gefunden, das wir überhaupt nicht verstehen. Das ist ein Amerika, das will vom Staat nichts wissen: "Wir regeln alles unter uns!" Einer der Enkel erzählte: "Ich bin Anwalt, aber als Anwalt hatte ich keiner großen Erfolg; Mordprozesse zum Beispiel gibt es nie, die Sache regeln wir vorher."

Sind die Enkel von Buffalo Bill auch die Menschen, die Trump gewählt haben?

Ja, ich habe geschaut: Wie haben die Menschen in Cody bei der letzten Wahl gestimmt? 70 Prozent für Trump. Der Sheriff von Cody hat übrigens zu Zeiten der Tea-Party Kurse für die Bürger gegeben, wie sie ihre Waffen benutzen können. So etwas verstehen wir nicht, erst recht nicht: Warum ist das so? Und weil es uns so fremd ist, verstehen wir auch nicht, warum Trump gewählt worden ist

Wenn Sie das so darstellen, sagen viele Leser: Der Wickert ist verrückt, der verteidigt Trump!

Das werden nicht viele denken. Sie verstehen schon, dass es falsch ist, die Welt nur nach unseren Maßstäben zu beurteilen. Wir sind nicht allein auf der Welt.

Welches Buch würden Sie den Lesern heute empfehlen, um das andere Amerika für sich zu entdecken?

Es ist ein älteres Buch. Ich habe ja auch ein Jahr in den USA studiert und  viel amerikanische Literatur gelesen, unter anderen Sinclair Lewis: Der schrieb 1935 "It can't happen here". Dieses Buch wird zurzeit unglaublich oft in Amerika gelesen: Kann Faschismus auch bei uns passieren? Ja, sagt Lewis, und erzählt von den Amerikanern, die völlig anders sind als die, die wir unentwegt in den "Tagesthemen" sehen.

Fällt Ihnen noch ein eigenes Stück ein, eine Geschichte über das andere Amerika?

Ich drehte einen Film über einen Streik in Kentucky, der schon über ein halbes Jahr lief. Da lagen sich die Streikenden und die Leute der Kohlenminen-Besitzer mit Gewehren gegenüber, buchstäblich in Schützengräben. Da bin ich zum Sheriff gegangen: "Was sagen Sie denn dazu?" Er holte unter seinem Tisch eine riesige Kiste raus: "Das sind alles Maschinenpistolen, die habe ich denen weggenommen. Die Waffen sind dafür da zu töten; die anderen, die ich ihnen gelassen habe, sind nur da, um sich zu verteidigen." Ich habe auch einen Streikenden zu Hause besucht, der wohnte mit seiner Frau und zwei Kindern in einem Holzhaus im Wald. Der sagte mir: "Ich ernähre mich unter anderem, dass ich ab und zu mal ein Reh schieße. Ich kann von dem Lohn nicht leben, deswegen muss ich streiken." Das ist plötzlich ein Amerika, das wir nicht kennen, das wir nicht verstehen, aber das ein Reporter nahebringen sollte.

Info 1: Was Klaus Brinkbäumer über Trump sagt: Er ist nicht dumm

Klaus Brinkbäumer  argumentiert ähnlich wie Ulrich Wickert in einem Interview mit "detektor fm": "Wir müssen Trump ernst nehmen. Man darf ihn nicht ständig karikieren". Und verteidigt seine Entscheidung, auf einem Spiegel-Titelbild Trump zu zeigen, wie er der Freiheits-Statue den Kopf abschlägt: "Ein Titelbild beim 'Spiegel' hat die Funktion zuzuspitzen."

Brinkbäumer hat, wie Wickert, in den USA als Korrespondent gearbeitet und vor zehn Jahren mit dem Immobilien-Unternehmer Trump telefoniert: "Er hat sich gemeldet mit: 'This is the Donald.' Es war ein absurdes Gespräch." Mit seiner TV-Show stieg Trump zu einer landesweiten Berühmtheit auf: "You're fired" wurde sein Lieblingsspruch, den bald jeder Amerikaner mit ihm verband.

Doch sei es nicht richtig, Trump nur als  Unterhaltungsphänomen zu behandelt; in diese Kritik schließt Brinkbäumer die "New York Times" und die "Washington Post" ein: "Das ist der falsche Umgang, weil es ihn nicht ernst nimmt, ihn unterschätzt. Trump ist demagogisch geschickt, er weiß, wie er Leute erreicht, er wiederholt seine Botschaften ständig, weil er gelernt hat, dass das funktioniert. Man wird nicht Präsident der USA, wenn man dumm ist oder wenn man nicht weiß, wie man Leute fängt und wie man sich durchsetzt."

Wer Trump gerecht werden will, sollte recherchieren und investigativ arbeiten.

Info 2: Das komplette Interview

Die Ulrich-Wickert-Preise und der Peter Scholl-Latour-Preis werden am 27. September in Berlin verliehen.  Die Sieger-Beiträge und das komplette Interview mit Wickert erscheinen in einem Magazin, das Journalisten bei "Plan International" beziehen können: presse(at)plan.de

Ulrich Wickert beschreibt seine Preise und die Kooperation seiner Stiftung mit "Plan International" so: "Wir würdigen Journalisten, die in ihren Beiträgen Kindern eine Stimme geben, denen ihre Rechte verweigert werden. Für mich war entscheidend, mit "Plan International" einen Partner zu gewinnen, der sich besonders für Mädchen einsetzt in Ländern, wo die Kinderrechte missachtet werden. Mit dem ,Peter Scholl-Latour-Preis' wollten wir das Spektrum erweitern und Berichte auszeichnen, die Schicksale von Menschen in Krisen- und Konfliktgebieten erzählen."

Der Autor

Paul-Josef Raue ist seit Beginn vor acht Jahren Mitglied der Jury des Wickert-Preises. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur in Erfurt, Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg  und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus. Im Klartext-Verlag erschienen Bücher wie "Die unvollendete Revolution" über die deutsch-deutsche Geschichte und  "Luthers Sprach-Lehre"; in wenigen Tagen kommt die Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen heraus: "Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft".  Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, er lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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