Ex-"Spiegel"-Reporter Dieter Bednarz und die Angst vor dem Vorruhestand: "Älter als 35 ist alt"

 

Kommt ein geachteter Reporter zur Professorin, die über Demographie und Personalmanagement forscht. Er muss sich entscheiden: Weitermachen oder Vorruhestand?  Er fragt nach seinen Chancen. "In Ihrer Branche wird kein Stein auf dem anderen bleiben", sagt die Professorin. "Sie stehen nun mal auf der dunklen Seite des Arbeitsmarktes." Der Reporter ist Dieter Bednarz, der ein Journalistenleben lang für den "Spiegel" schrieb. Sein ebenso faszinierendes wie aufwühlendes Buch "Zu jung für alt" hat Paul-Josef Raue für seine Kolumne gelesen.

 

Immer weniger Redakteure erreichen ihren regulären Rentenbeginn: Chefredakteure und Manager wollen sparen, schicken ihre besten Leute in die Altersteilzeit und stellen, wenn überhaupt, neue Leute ein, jung, digital und billig. Die alten Hasen trifft es meist unvorbereitet: Sie sind sicher, dass sie unersetzlich sind, sie fühlen sich noch in Bestform, besitzen reiche Erfahrung und können mit einer prall gefüllten Kontakte-Datei im Smartphone glänzen - wie Dieter Bednarz, der viele der Mächtigen im Nahen Osten interviewt hat von Irans Ahmadinedschad bis zu Syriens Assad; trotzdem spricht sein Chef ihn auf den Vorruhestand an.

So alt und überflüssig, wie sich Bednarz auf einmal fühlt, ergeht es vielen der Journalisten-Generation, die stets in der ersten Reihe saßen, die VIPs waren in der kleinen oder großen Welt: "Seit  35 Jahre diene ich nicht irgendeiner Firma, sondern betrachte sie als meine Welt. Bin stolz, dazuzugehören, verteidige den Betrieb auch in dunklen Stunden. Zugegeben, ich weiß auch den Glanz des großen Namens überaus zu schätzen, sonne mich gerne darin. Den Status, das gute Geld, das gebe ich doch nicht vorzeitig her."

"Sie können Ihr Adressbuch mit all den Botschaftern und Scheichs verbrennen", raubt ihm eine Outplacement-Beraterin alle Illusionen, "das ist an Ihre alte Position gebunden." Und jene Professorin, die den Arbeitsmarkt für die Generationen erforscht, erschüttert ihn, "den größten  Interviewer der schrecklichsten Despoten aller Zeiten", mit nur einem Satz: "Wissen Sie, lieber Herr Bednarz, bei allem Respekt, einen Trump kann auch ein 35-Jähriger interviewen."

Zu alt. Der Reporter schnaubt so laut im Inneren, dass es sogar die Professorin hören kann. Sie hebt abwehrend die Hände: "Selbst wenn Sie es besser könnten - Sie sind einfach viel zu teuer." Zu teuer! Und: Zu alt!

Nur - was heißt "alt"? Die Experten kennen kein Mitleid. In Branchen, die der "Tsunami der Digitalisierung"  heimsucht, gilt die Definition: "Älter als 35 ist alt." Zeitungen und Magazine stecken mittendrin im Tsunami, der fast eine komplette Redakteurs-Generation in den Vorruhestand spülen wird. Selbst Chefredakteure haben keine Chance mehr, auch wenn sie "als Jedi-Ritter auftreten und lächelnd  die Rettung der alten Welt geloben": Sie werden von Managern ausgetauscht, bevor diese selber gehen müssen. Lakonisch stellt Bednarz für seine Branche fest: "Kein Meister Yoda in Sicht."

Anfangs ist der Reporter des wichtigsten Nachrichtenmagazins trotzdem überzeugt, schnell einen neuen, gut bezahlten Job zu finden, am besten in Teilzeit,  oder eine andere "Herausforderung". Doch mehr und mehr mit dem vorzeitigen Karriere-Ende konfrontiert, steigt die erste Angst auf.

Bednarz fragt: "Was machen diese fundamentalen Wechsel-Jahre eigentlich mit unserer Seele? Warum bedeutet uns Karriere so viel?" Er macht sich auf, deutschlandweit eine Antwort zu finden: Wie lernen wir, auch ohne berufliche Erfolge und Visitenkarte ein erfülltes Leben zu führen? Die beste Therapie für einen Journalisten, den schwere Fragen, gar Krisen bedrängen, ist es, ein Buch zu schreiben. So führt Bednarz sich und seine Leser in eine "große Magical Mystery Tour"; er fährt durch unwegsames Gelände, in dem alle, die er nach dem Ziel fragt, nett sind, aber auch erbarmungslos.

Bednarz schreibt über sich, doch er schreibt kein Bednarz-Buch. Seine persönliche Konfrontation mit Alter und Vorruhestand ist für den Autor nur ein Mittel, um den Leser mitzunehmen bei seiner Recherche-Reise zu Professorinnen und Experten, zu Männern und Frauen, die schon im Vorruhestand oder in Rente sind, die ihren Weg gefunden haben, die Bednarz Mut machen, ihn aber auch vor falschen Hoffnungen warnen.

So nehmen die Leser teil an der Desillusionierung des alternden Autors, die er nicht romanhaft inszeniert, sondern wirklich erleidet. Da besinnt sich ein journalistischer Profi auf all sein Können und schreibt ein Sachbuch als lange Ich-Reportage. Dieter Bednarz entwirrt zum Thema Älterwerden und Ruhestand die Knoten aus Verzweiflung und Klage, er entwirft wie ein moderner Cicero die Lebenskunst des Alterns, mischt seine Lebensgeschichte mit einem Schuss Selbstmitleid und schafft einen neuen Typus von Ratgeber-Literatur: Ich belehre nicht, sondern lasse mich erschüttern, nehme den Leser an die Hand, erzähle ihm schonungslos von meinen Ängsten, die auch seine Ängste sind, öffne meine und seine Augen für Lösungen, von denen etliche gleich wieder verworfen werden, entdecke Perspektiven, die meist keine sind - und finde am Ende, nach gut zweihundertfünfzig Seiten, das Ziel meiner und seiner Reise:

"Nun  muss die  Firma ohne  den Unersetzlichen  klarkommen. Und das wird sie auch. Locker. Ich muss jetzt meinen roten Faden suchen. Und ich werde ihn schon finden. Ganz sicher. Da geht noch was!" Der Journalist weiß, dass er seine Leser nicht in der Angst zurücklassen darf, dass er Lösungen anbieten muss - für sie und für sich. Bei der Lösung hilft Philipp Lahm, einer, der mit 33 in den Ruhestand ging, freiwillig, überlegt und mit erhobenem Kopf. Sieben Ratschläge entlockt der Journalist dem Weltstar: "Spätestens in der zweiten Karriere sollten wir darauf achten, den eigenen Werten und Zielen gerecht zu werden. Ein Mehr an Identität und Erfüllung entschädigt für ein Weniger an Geld und Bedeutung..."

Redakteure werden weite Passagen des Buchs mit Schaudern lesen: Jahrelang haben sie über den Wandel der Arbeitswelt geschrieben, mit erhobenem Zeigefinger beschworen, jeder müsse sich ihm aufrecht  stellen - und dann kommt auf sie die große Leere zu, es sei denn sie wollen den Ruhestand auf Kreuzfahrtschiffen verbringen oder beim Senioren-Studium.

Journalisten werden als Verlierer der Globalisierung in die Ecke gestellt. So sieht es übrigens auch -jenseits des Bednarz-Buches - Mathias Döpfner, der Springer-Chef. In einem Bloomberg-Interview sagte er: Ich kaufe keine Print-Marken mehr, wir konzentrieren uns auf digitale. Da kommt bei ihm auch keine Angst vor dem Ausscheiden und dem Alter hoch: Aufhören? Warum sollte ich? Der Spaß hat gerade erst begonnen. Ein Medien-Kapitän wie Döpfner, oben auf der Brücke, hat gut reden. Viele Redakteure im Maschinenraum dagegen müssen die "Komfortzone Festanstellung" verlassen. Die goldenen Zeiten sind vorbei,  bei Zeitungen und auch beim "Spiegel", "einst neidvoll bespöttelt als das einzige Presseversorgungswerk mit angeschlossenem Wochenblatt".

"Zu jung für alt" ist das Buch eines lebensklugen Journalisten. Jüngeren mag der Selbsterfahrungs-Ton auf den Geist gehen: Sie sind wirklich zu jung, um ans Alter zu denken, das zudem völlig anders auf sie zukommen wird. Ältere ab 50 holt Bednarz ab. So wie man sich auf eine Karriere vorbereiten kann, so kann man sich auch auf die Rente vorbereiten - mit diesem Buch, das ein Standard-Werk für das Älterwerden wird.

Welchen Rat gibt Philipp Lahm zu guter Letzt? "Irgendwann ist genug trainiert, geübt, vorbereitet und besprochen. Dann musst du raus auf den Platz. Du weißt, was du kannst. Du weißt, was du willst. Du wirst dein Bestes geben. Mit aller Leidenschaft."

Dieter Bednarz hat zum Schluss genug gefragt und recherchiert.  Er macht sich selbst Mut und bricht auf: " Wir eröffnen ein ganz neues Spiel. Los geht's! Wir sind ja noch jung. Jedenfalls zu jung für alt."

Leseprobe

Unsere Bilanz kann sich durchaus sehen lassen: Durch die Rushhour unseres Lebens sind wir bereits mit vollem Tempo gerast, haben Karriere und / oder Familie irgendwie koordiniert bekommen - oder auch nicht. Es hat uns jedenfalls nicht aus der Kurve geschleudert. Weil wir Glück hatten. Oder weil wir achtsam waren. Oder aus ganz anderen Gründen. Fest steht jedenfalls: Wir sind nicht mehr in den sogenannten besten Jahren, haben unseren Fünfzigsten aber noch sehr lebendig vor Augen. Viele schielen bereits auf den Sechzigsten, und die etwas Voreiligen überlegen bereits, wie sie ihren Siebzigsten begehen wollen. Wir sind also in den wirklich besten Jahren. Mal ehrlich, eigentlich haben wir doch jetzt erst die Zeit für eine Revolution.

Und Alter ist in diesem Fall keine Entschuldigung. Im Gegenteil, es geht ja gerade ums Alter. Wir kämpfen für eine neue Sicht auf diese Lebensphase, in der Sie und ich uns gerade befinden, und für eine neue Sicht auf uns, die neuen Alten. Alt steht nicht länger für ausgelaugt und ausgemustert. Wir neuen Alten sind aktiv und autonom; wir lassen uns nicht aus dem Arbeitsleben drängen, nicht auf irgendein Altenteil abschieben.

Und falls es einem Chef gelingen sollte, uns um unseren Arbeitsplatz zu bringen, weil wir angeblich zu alt sind - warum sollten wir uns dann geschlagen geben? Warum erfinden wir uns nicht neu und starten wieder durch? Bewusster, besonnener, zufriedener! Warum machen wir uns nicht selbstständig oder werden sogar Unternehmer? Erfahrung und Kontakte haben wir genug! Oder wir besuchen nicht nur wieder öfter Schauspielhäuser, sondern machen selbst Theater. Oder wir gehen wieder - manche auch das erste Mal - zur Universität. Und diesmal geht es nicht ums Examen. Das ist unsere Ergotherapie.

So leben wir unseren Enkeln vor, was für jene, wenn sie selbst alt sind, selbstverständlich sein wird: dass der Mensch sein Leben lang lernen kann, dass der tradierte Lebenszyklus von Ausbildung - Arbeit - Altersruhe endgültig von gestern ist; dass nach einem ersten Berufsweg, von dem uns junge, präpotente Chefs vielleicht abgebracht haben, ein zweiter beschritten wird. Wer sagt denn, dass der ersten Karriere nicht eine zweite folgen kann? Warum nicht auch eine dritte? Wer sagt, dass mit Mitte sechzig Schluss sein muss? Wir nicht. Wir sagen: Da geht noch was! (Aus dem Vorwort)

Der Autor

Paul-Josef Raue ist, ähnlich wie Dieter Bednarz, in den Ruhestand geschoben worden, nachdem er 35 Jahre lang als Chefredakteur gearbeitet hatte, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus. Vor kurzem erschien "Luthers Sprach-Lehre", und im September kommt bei Klartext die Biografie des Genossenschafts-Gründers heraus: "F. W. Raiffeisen: Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft". Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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