"kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand: Wie der "Spiegel" mehr Konstanz in seine Chefredaktion bringen kann

 

Der "Spiegel" verschleißt seine Chefredakteure. Warum ist das so? Dieser Frage geht "kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand im Editorial der neuen Ausgabe nach.  

Beginnen wir an dieser Stelle ausnahmsweise einmal fröhlich:

Treffen sich zwei Journalisten. Sagt der eine: "Du, stell dir vor, ich bin neuer Chefredakteur des 'Spiegel'!" Sagt der andere: "Gratuliere! Super! Und was machst du nächstes Jahr?"

In den vergangenen zehn Jahren mussten als Chefredakteur des "Spiegel" gehen: Stefan Aust (2008), Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron (2013), Wolfgang Büchner (2014) und Klaus Brinkbäumer (2018). Der "Spiegel" hat also in den vergangenen zehn Jahren fünf Chefredakteure gefeuert. Zum Vergleich: Es gab in dieser Zeit nur eine Bundeskanzlerin und einen Fußball-Nationaltrainer.

Alle Chefs verkörperten verschiedene Qualitäten und Führungsmodelle: Aust stand für die Exzellenz alter Schule und führte von oben, Mascolo und Müller von Blumencron teilten als Doppelspitze Print-Tradition und Digital-Moderne, Büchner kam als Change-Profi, Brinkbäumer als Eigengewächs.

Was beim "Spiegel" zudem auffällt, ist nicht nur die Frequenz der Führungswechsel, sondern auch die Art und Weise. Jedes Mal ist es wie bei einer guten "Spiegel"-Geschichte: viel Drama mit hohem Unterhaltungswert. Die Erklärung dafür ist recht einfach: Die Redakteure wissen, wie man jemanden loswird, indem man ihn in der Öffentlichkeit bloßstellt. Sie haben es oft genug im Blatt beschrieben.

Schwieriger fällt die Analyse aus, warum die Chefredakteure mit ihren ganz unterschiedlichen Ansätzen scheiterten. Wenn man sich die gefeuerten Ex-Chefs anschaut, muss man sich langsam fragen, ob die Redaktion nicht eher einen Therapeuten als einen Chefredakteur braucht.

Ein Teil des Führungsproblems resultiert aus den Besitzverhältnissen beim "Spiegel". Die Belegschaft hat über die Mitarbeiter KG das Sagen. Damit liefert man die großen strategischen Fragen der internen Gruppendynamik aus. Die Entscheidungsfindung ist langatmig, die Entscheide selbst sprunghafter und emotional.

Jetzt mag mancher einwenden, dass die Spiegel-Gruppe wirtschaftlich kerngesund ist. Das kann schon sein. Aber das Unternehmen hat Top-Marken und sollte sich mit den Besten messen. Die Kollegen der "Zeit" etwa sind strategisch deutlich weiter als der "Spiegel". Ihr Kerngeschäft ist stabil und viele zusätzliche Erlösquellen sichern inzwischen die Publizistik ab. Das kann die Spiegel-Gruppe noch nicht von sich behaupten. Ein Grund für den Erfolg der "Zeit": Das Führungsduo ist seit Jahren dasselbe.

Die Eignerstruktur des Spiegel mit der Mitarbeiter KG hat eine personelle Konstanz an der Spitze bisher verhindert. Sie ist ein Teil des Problems, nicht der Lösung.

Zum Vergleich: Wenn ein Titel einen Besitzer hat, ist die Führung einfacher. Zentral für den Chefredakteur ist es, die Bedürfnisse des Verlegers zu befriedigen. Wenn er es konservativer mag, wird die Blattlinie konservativer. Wenn er mehr Rendite will, wird gespart. Fertig.

Noch einfacher sind die Ansprüche von Medienkonzernen zu erfüllen, die an der Börse sind. Da geht es oft nur um die Frage, wie man die Rendite maximieren kann. Gelingt das den Führungskräften: Fein. Gelingt es nicht: Der Nächste, bitte!

Wir hätten drei Vorschläge, wie der "Spiegel" mehr Konstanz in seine Chefredaktion bringen kann und sich strategisch besser entwickelt:

1. Die Mitarbeiter KG löst sich auf und verkauft ihre Anteile an die "Zeit"-Verleger Dieter von Holtzbrinck und Stefan von Holtzbrinck. Wahlweise auch an: Springer, Burda oder Gruner + Jahr.

2. Die Mitarbeiter KG löst sich auf und verkauft ihre Anteile an einen internationalen Investor.

3. Die Mitarbeiter nehmen ihre Verantwortung als Anteilseigner wahr und hören auf, den Chef an der Spitze zu demontieren. Sie stellen ihre eigenen Interessen zugunsten des Unternehmens zurück.

kress.de-Tipp: Das Editorial von Chefredakteur Markus Wiegand zur "Spiegel"-Strategie stammt aus dem aktuellen "kress pro". Zu den weiteren Themen der Ausgabe 7/2018 gehören "Die Schibsted-Strategie", das "Ranking: Die größten deutschen Fachzeitschriften", die Story "Wie Google die Medien ködert" und ein Dossier zum Deutschen Landwirtschaftsverlag: "Neue Geschäftsmodelle für Fachmedien". Das Heft kann in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt gekauft werden - und ist auch im iKiosk erhältlich. Per E-Mail kann es unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden. "kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. Zum "kress pro"-Abo.

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