Wie ze.tt-Chefredakteurin Marieke Reimann den Blick für den Osten schärfen will

 

Anschreiben gegen das Chemnitz-Trauma und raus aus der Themenfalle Ost: Marieke Reimann, Chefredakteurin des jungen "Zeit"-Angebots ze.tt, Absolventin der Deutschen Journalistenschule und selbst gebürtige Rostockerin, möchte der Einseitigkeit in der Berichterstattung über Ostdeutschland etwas entgegensetzen. Im "kressköpfe"-Interview erklärt sie ihre Themenreihe zur Deutschen Einheit.

kress.de: Frau Reimann, Sie stammen gebürtig ja aus Rostock. Fühlt man sich da nicht eher als Norddeutsche? Oder wie viel Ost-Identität steckt auch 28 Jahre nach der Wiedervereinigung in Ihnen?

Marieke Reimann: Ich fühle mich als Nord-Ostdeutsche. Es ist tatsächlich ein Unterschied, ob sie in Hamburg oder Rostock aufwachsen. Ich bin durch meine Eltern und Lehrer*innen und durch meine Freunde ostsozialisiert. Alle, mit denen ich als Kind und Jugendliche zu tun hatte kamen aus der ehemaligen DDR; das hatte schon einen großen Einfluss auf mein Werte- und Weltbild.

kress.de: Sie starten – passend zum Tag der Einheit in einem derzeit innerlich offenbar recht zerissenen Land, wenn man der medialen Aufregung glauben mag – eine große Themenserie rund um Ostdeutschland. Was hat Sie in der Redaktion dazu veranlasst?

Marieke Reimann: Mir ist schon früh klar gewesen, dass Ostdeutschland in der Gesamt-Medienberichterstattung Deutschlands eine eher untergeordnete Rolle spielt. Meist wird nur dann über "den Osten" berichtet, wenn Wahlen anstehen oder es rechtsextreme Auseinandersetzungen gibt. Das Ziel von ze.tt ist es, den Alltag der Menschen von Mecklenburg bis Thüringen zu zeigen; ihre Sorgen, ihre Ängste, ihr Leben.

kress.de: Wenn "ostdeutsche" Themen in den Medien landen, dann ähnelt die Berichterstattung rund um Ausländerfeindlichkeit, AfD-Nähe, dem Gefühl, abgehängt zu sein, doch sehr stark. Wie erklären Sie sich das?

Marieke Reimann: Ich denke, das liegt daran, dass es zum einen generell wenig ostdeutsche Redakteur*innen in überregionalen Medien gibt und zum anderen noch weniger Ostdeutsche in leitenden Funktionen in Redaktionen. Es fehlt das Gefühl und auch das Interesse für andere "Ost-Themen". Was die Leute nicht selbst umtreibt, das interessiert sie in der Regel auch weniger. So verhält es sich auch mit westdeutschen Redakteur*innen und "Ost"-Themen.

kress.de: Warum tun sich andere Themen aus Ostdeutschland, die ein weniger enggeführtes Bild präsentieren, offenbar so schwer?

Marieke Reimann: Themen tun sich nicht von selbst schwer; es kommt immer darauf an, wie man welches Thema seiner Leser*innenschaft präsentiert. Ich denke, das Problem liegt hier vielmehr darin, dass "andere Ostthemen" gar nicht erst auf die Tagesordnung kommen, weil sie in den Redaktionen selbst kein oder kaum ein Thema sind. Was wiederum auf die eben beschriebenen Strukturen in Redaktionen zurückzuführen ist.

kress.de: Wenn über Ostdeutschland – aktuell wieder aufgehängt an den Protesten in Chemnitz oder Köthen - berichtet wird, steht schnell der Vorwurf im Raum, aus Mediensicht oft nicht das "ganze Bild" zu zeigen. Wie kann man da gegensteuern?

Marieke Reimann: Zum Beispiel indem man ostdeutsche Redakteur*innen in seinem Team zu Wort kommen lässt. Ostdeutsche Themen zur Normalität werden lässt und nicht nur dann berichtet, wenn parallel ein Brennpunkt zur gleichen Thematik im Fernsehen läuft. Indem man aufhört "mal schnell" eine Vor-Ort-Reportage in Sachsen zu machen, um dann über die "den ganzen Osten" verstehen zu wollen. Indem man sich als Medienhaus überlegt, mal ein paar mehr Redakteur*innen dauerhaft in alle Neuen Bundesländer zu schicken.

"Wir haben eine mehrheitlich westdeutsche Berichterstattung."

kress.de: Welche Verantwortung haben Medienhäuser in ihrer Berichterstattung über Ost und West?

Marieke Reimann: Eine gleich große wie bei jeder anderen Berichterstattung auch: Immer ein möglichst ganzheitliches Bild zu zeigen. In der Berichterstattung in einem seit 28 Jahren wiedervereinten Deutschland gelingt das bislang nicht: Wir haben eine mehrheitlich westdeutsche Berichterstattung.

"Alles, was dumm war, sprach irgendwie Sächsisch."

kress.de: Sie sind selbst rund um die Wendezeit aufgewachsen. Wann entwickelten Sie selbst ein Gespür für Ihre Herkunft und wie diese Sie prägen könnte?

Marieke Reimann: Schon sehr früh. Ich erinnere mich zum Beispiel gut daran, dass ich als Kind fernsah und dort Sendungen wie "Die Wochenshow" immer Sachsen ins Lächerliche zogen. Alles, was dumm war, sprach irgendwie Sächsisch. Ich konnte das nicht verstehen, weil meine Eltern aus Leipzig stammten und offensichtlich kluge Menschen waren.

kress.de: Welche Schwerpunkte wollen Sie in ihrer Themenreihe auf ze.tt setzen und wie wählen Sie die aus?

Marieke Reimann: Schwerpunkt soll sein, zu zeigen, dass es neben "Stasi" und "Neonazi" noch andere Themen gibt, die "Ostdeutschland" betreffen und berühren. Es geht darum, Lebenswirklichkeiten von Menschen im Osten aufzuzeigen. Hierfür haben wir verschiedene Formate gewählt: Zum Beispiel ein Videoporträt über einen Sorben in Brandenburg, eine Reportage über eine Leipzigerin, die in einem Bauwagen wohnt, einen Kommentar einer westdeutschen Studierenden, die erst in einem Berliner Uni-Projekt merkte, dass sie "ein Wessi" ist, eine Fotoserie über die Schönheit von Plattenbauten, einen Podcast mit Menschen, die von Ost- nach West-Berlin flüchteten.

"Ich habe gerade einen Workshop dazu gegeben, ob wir 2018 tatsächlich wiedervereinigt sind."

kress.de: Sie arbeiten für ein junges Medium: Verlaufen die Trennlinien in der Gesellschaft – nicht nur hierzulande, auch etwa bei der unsäglichen Brexit-Diskussion in Großbritannien – nicht oft entlang ganz anderer Grenzen, etwa zwischen den Generationen?

Marieke Reimann: Ja. Allerdings ist es beim Thema "Wiedervereinigung" tatsächlich nicht so, dass alle jungen Menschen, die nach 1990 geboren sind, plötzlich aufhören in "Ost" und "West" zu denken. Im Gegenteil, ich habe gerade einen Workshop dazu gegeben, ob wir 2018 tatsächlich wiedervereinigt sind und alle Teilnehmer*innen, die zwischen 20 und 29 Jahren waren, waren sich einig, dass wir es leider noch nicht sind.

kress.de: Wie sieht es eigentlich mit der Zusammensetzung der Leserschaft bei ze.tt aus? Wie viel Zuspruch oder Kritik bekommen Sie von Lesern, die sich selbst als Ostdeutsche sehen?

Marieke Reimann:Insgesamt trennen wir nicht nach ost- und westdeutschen Leser*innen. Jedoch ist es schon auffällig, dass wir bei "Ostthemen" sehr viel positiven Zuspruch von Menschen aus den Neuen Bundesländern kriegen. Viele wünschen sich von allen Medien mehr Berichte über "ihr Leben" und finden es toll, wenn wir bei ze.tt solche bereits mitdenken.

kress.de: Wie groß ist die Hoffnung, dass Ihre Reihe dazu beiträgt, auch mehr ostdeutsche Leser für ze.tt, vielleicht sogar für die "Zeit", dauerhaft zu erreichen?

Marieke Reimann: Natürlich sehr groß =) Vor allem wäre es aber schön, auch bei "westdeutschen" Leser*innen mehr Interesse für "Ost-Themen" zu generieren.

"Die besten Geschichten passieren nicht in dpa-Tickern, sondern auf Schulhöfen oder in Dorfkneipen."

kress.de: Sie haben die Anfänge Ihrer Journalistinnenkarriere zunächst auch bei Medien in Ostdeutschland durchlaufen. In wie weit hat Sie diese Arbeit rückblickend geprägt?

Marieke Reimann: Da es sich um Lokalmedien handelte, bei denen ich in der Rostocker Fußgängerzone nach den beliebtesten Eissorten gefragt oder im Hochschulfunk Ilmenau Witze über Uni-Dozenten gemacht habe; würde ich sagen, dass es eher das ist, was mich mitgeprägt hat: die Nähe zum Lokalen. Die besten Geschichten passieren nicht in dpa-Tickern, sondern auf Schulhöfen oder in Dorfkneipen.

kress.de: Wenn Sie heute auf Ihre Laufbahn zurückblicken: Wie haben Sie am meisten gelernt und welche Erfahrungen sind Ihnen für die tägliche Arbeit beim Hamburger Medienhaus besonders wichtig?

Marieke Reimann: Ich habe schon früh gemerkt, dass sich etwas in der Struktur von deutschen Redaktionen ändern muss. Es gibt ja nicht nur zu wenig Ostdeutsche bei allen Medien, sondern auch zu wenig Redakteur*innen mit Migrationshintergrund.  Es kann doch nicht sein, dass hauptsächlich weiße Mitvierziger*innen darüber entscheiden, was im Land gelesen wird. Ich habe schon während meiner Schulzeit zwei Schülerzeitungen gegründet und in meinem ersten Studium dann eine Medienplattform mit aufgebaut, schon damals habe ich gemerkt, wie wichtig ein diverses Team für eine Vielfalt in der Berichterstattung ist.

kress.de: Hart arbeiten, dann aber auch Leben in der Metropole Berlin: Wie und wo laden Sie Ihre Batterien wieder auf?

Marieke Reimann: Beim Surfen auf dem Meer.

kress.de: Sie führen schon länger ein "kressköpfe"-Profil. Wie wichtig ist Ihnen das Netzwerken? 

Marieke Reimann: Sehr wichtig. Dabei meine ich aber nicht dieses "mitm Cocktail irgendwo Rumgestehe", sondern wahrhaftiges Interesse für journalistische Projekte zu haben. Das heißt, dass ich auch privat zum Beispiel oft zu Veranstaltungen gehe, wo ich Medienmacher*innen unterschiedlichster Hintergründe treffe und ihre Projekte kennenlerne.

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und "kress pro"?

Marieke Reimann: Über kress erfahre ich am ehesten Neues über journalistische Formate oder Wechsel in den Redaktionen.

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