Ullrich Erzigkeit erinnert sich an die Redakteure, die mit ihm in der DDR gearbeitet hatten: "Die meisten waren Siebzigprozentige, einige noch weniger. Die mit dem System unzufrieden waren, blieben ganz unscheinbar." Er war nach der Revolution der längst dienende Chefredakteur im Osten, fast ein Vierteljahrhundert: 1990 wurde er in turbulenter Sitzung von den Redakteuren gewählt, 2014 feierlich in den Ruhestand verabschiedet.

Er führte die Zeitung unter drei Titeln: Einen Tag noch als SED-Bezirkszeitung  "Volkswacht", dann ab 18. Januar 1990 als unabhängige "Ostthüringer Nachrichten" und schließlich ab 1. Juli 1991, nach heftigen Auseinandersetzungen mit der Treuhand, als  "Ostthüringer Zeitung (OTZ)". Wir trafen uns bei der Grenzwanderung im "Schwarzen Adler" in Bad Lobenstein. "Hier habe ich im Herbst 1968 mein Volontariat begonnen", erzählte er,  "im heutigen Gastraum standen früher die Schreibtische der Volkswacht-Lokalredaktion." Wir sprachen mit ihm über den Lokaljournalismus an der Grenze:

Gab es in der DDR einen unabhängigen Journalismus, wie wir ihn heute kennen und pflegen?

Ulrich Erzigkeit: Nein, wir waren eine Parteizeitung, abhängig von den Weisungen der SED, die dirigistisch eingriff, eben ein Teil der umfassenden Propaganda, mit der die Partei die DDR überzog. Als sich die "Volkswacht" zur unabhängigen Tageszeitung wandelte, verabschiedeten wir ein Redaktionsstatut: Von dem Tag an waren wir Anwalt der Bürger und nicht mehr Anwalt einer Partei und ihrer Funktionäre.

Wie berichteten Sie in einer Grenz-Redaktion wie Bad Lobenstein über die Grenze?

Ulrich Erzigkeit: Wir durften über die Grenze nichts berichten, die war komplett tabu. Nur an Silvester war das anders: Da gingen die hohen SED-Funktionäre zu den Soldaten und dankte ihnen für den  vorbildlichen Dienst mit den üblichen Floskeln; darüber berichteten wir mit Foto und vorgeschriebenem Text.

Waren auch verhinderte Fluchten kein Thema? Immerhin gab es für die Soldaten Lob und Auszeichnung.

Ulrich Erzigkeit: Nein, wir erfuhren auch offiziell nichts davon. Wenn wir abends mit den Grenzern ein Bier tranken, erfuhren wir schon, was an der Grenze los war. Aber das war inoffiziell, das durften wir eigentlich gar nicht wissen, erst recht durften wir davon nichts schreiben. Fluchtversuche passten so gar nicht in das Bild vom sozialistischen Paradies der Arbeiter und Bauern.

Hatten die Grenzer keine Angst, dass sie plötzlich doch in der Zeitung standen?

Ulrich Erzigkeit: Nein, die wussten genau: Das bleibt eine vertrauliche Verschluss-Sache. Hätte ich etwas über eine Flucht geschrieben, wäre das in der mehrfachen Zensur sicher rausgeflogen -  und ich gleich hinterher; keinen Tag länger wäre ich Redakteur geblieben. Wir mussten die vorgestanzten Texte von oben mitnehmen, das war unsere Aufgabe, das sicherte uns auch die Ruhe.

Prahlten die Grenzoffiziere nicht damit, wenn sie eine Flucht verhindert hatten?

Ulrich Erzigkeit: Einige schon, aber manche fragten sich schon: Ist es das wert? Müssen wir wirklich ein Menschenleben zerstören, nur weil einer fliehen will?

Durften Sie als Redakteur überhaupt ins Grenzgebiet fahren?

Ulrich Erzigkeit: Nur die Redakteure durften das, die im Grenzgebiet wohnten und einen Stempel im Ausweis hatten. Ich hatte noch kein Auto. Wenn ich zu einem Termin fahren musste, holte mich ein Chauffeur im Redaktions-Wagen ab: Ins Grenzgebiet wäre der nie gefahren. Die Kontrolle der Redakteure war umfassend.

Worüber schrieben Sie denn, wenn die spannendsten Berichte, die von der Grenze, tabu waren?

Ulrich Erzigkeit: Meistens über die Bonzen, die immer irgendetwas eröffneten, verkündeten und sich gegenseitig auf die Schultern klopften. Oder über die Helden der Arbeit, aber die kannten uns und die kannten die Regeln: Sie sprachen schon so, wie wir schreiben mussten. Das war ein geschlossenes System, aus dem keiner ungestraft ausbrechen konnte.

Und was machten Sie dann den lieben langen Tag?

Ulrich Erzigkeit: Das frage ich mich im Nachhinein auch. Wir waren zu fünft und produzierten eine Lokalseite, die jeden Werktag außer montags erschien; am Montag gab es einen erweiterten Sportteil.  Wir begannen morgens um sieben und hörten mittags um zwei auf; um zwei ging einer zum Bahnhof, wo ein Zug die Texte und Fotos nach Gera mitnahm - für die Ausgabe vom übernächsten Tag. Aktualität war für den DDR-Lokaljournalismus ein unbekanntes Wort.

Wie muss man sich eine Redaktion in der DDR vorstellen: Viele Hundertprozentige und einige Tausendprozentige?

Ulrich Erzigkeit: Die meisten waren Siebzigprozentige, einige noch weniger. Die mit dem System unzufrieden waren, blieben ganz unscheinbar. Ich hatte einen Chef, der sich immer wieder konspirativ mit einem Freund aus Österreich traf. Er ließ sich gar nichts anmerken, war nicht übereifrig, aber immer korrekt im Sinne der Partei. So waren die meisten. Was erklärt, dass trotz kluger und weltoffener Leute in der Redaktion eine so grausige Zeitung gemacht wurde.

Gab es denn gar keine Hundertprozentigen in der Redaktion?

Ulrich Erzigkeit: Ein paar in der Redaktion waren schon ideologisch verbohrt. Ihr Anteil bezifferte sich auf etwa ein Drittel. Der Chefredakteur in Gera gehörte dazu und die meisten Ressortchefs auch. Sie mussten die politische Linie der Partei durchsetzen, kompromisslos, eins zu eins, ohne die kleinste Abweichung. Karriere machten nur die strammen Genossen.

Wer am Tisch der Mächtigen sitzen durfte, musste nicht nur mit der Meute heulen, sondern auch denken und fühlen wie sie. Ein nachdenklicher oder gar zweifelnder Mensch wäre schnell zerschellt an der Sturheit, Borniertheit und gefährlichen Dummheit der Bonzen.  Manche in der Redaktion, auch in der Chefredaktion, hielten ihren inneren Konflikten nur dadurch stand, indem sie sich mit Schnaps betäubten.

Aber in den Redaktionen saßen doch auch Parteileute, die nie im Roten Kloster waren, also in der Leipziger Journalisten-Ausbildung?

Ulrich Erzigkeit: Das waren Schein-Journalisten, wie ich sie nenne, die über Institutionen der SED und der Parteihochschule in die Redaktionen kamen. Die wussten nichts vom normalen Leben um sich herum, trugen aber den Marschallstab im Tornister. Sie stiegen gleich als Ressortleiter oder stellvertretende Chefredakteure ein.

Das permanente Misstrauen der SED-Führung gegenüber universitär ausgebildeten Journalisten verstärkte sich in den Achtzigerjahren noch. Hätte die DDR noch ein paar Jahre fortbestanden, dann wären die Redaktionen durchweg von lupenreinen Parteikadern dominiert und geführt worden. Dann hätte der ohnehin todkranke Journalismus in den DDR-Medien seinen endgültig letzten Hauch getan.

Ullrich Erzigkeit schrieb ein Buch über die spannende "Selbstbefreiung" des SED-Blatts "Volkswacht" in eine unabhängige Regionalzeitung (Klartext-Verlag 2015, 122 Seiten, 13,95 Euro). Die Kapitel des Buchs: Gemeinsames Wagnis / Lenin hatte abgewirtschaftet / Andruck für die OTN / Reformer setzen sich durch / Suchet der Stadt Bestes / Die Mitarbeitergesellschaft entsteht / Learning by doing / Die OTZ, im Streit geboren / Stunde der Intriganten / Die Stimme Ostthüringens / Leser können mitgestalten.

Der Autor

Paul-Josef Raue kennt den Osten Deutschlands: Er gründete im Januar 1990 in Eisenach die erste deutsch-deutsche Zeitung, war Chefredakteur der "Volksstimme" in Magdeburg und zuletzt der "Thüringer Allgemeine" in Erfurt. Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, auch in Braunschweig, Frankfurt/Main und Marburg. Er veröffentlichte im Klartext-Verlag einige Bücher über die Wende, die Grenze und die deutsch-deutsche Geschichte. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an einigen Hochschulen.

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