Job-Kolumne: Kann ich einen verpassten Lebenstraum noch nachholen?

 

Viele Medienprofis haben einmal einen großen Traum gehabt - auswandern, für ein Sozialprojekt arbeiten statt für einen Konzern, einen ganz anderen Lebensweg gehen als alle anderen. In der Lebensmitte werden Zweifel wach, den Lebenstraum von einst verpasst oder nie gewagt zu haben. Mediencoach Attila Albert über den Umgang mit verpassten Chancen.

Ein Chefredakteur hat viele Jahre davon geträumt, einmal nach Südafrika auszuwandern und ist am Ende doch den konventionellen Weg gegangen: In Süddeutschland geblieben, Familie gegründet, Karriere bei einem Medienkonzern gemacht und trotz manchem Frust geblieben. Eine Reporterin wollte als Studentin "etwas Sinnvolles machen", etwa für eine gemeinnützigen Stiftung oder ein Sozialprojekt arbeiten. Stattdessen schreibt sie seit mehr als zehn Jahren Schicksalsgeschichten und Ratgeber für ein Frauenmagazin.

Viele Menschen haben einmal große, oft idealistische Träume gehabt: Was sie ganz anders machen wollten, wie sie aus der relativen Vorhersehbarkeit des Lebens ausbrechen wollten und einen anderen Weg gehen. Doch in den entscheidenden Momenten wählten sie auch die sicherere Optionen, folgten vermeintlichen oder echten Zwängen. Viele Jahre später, oft in der Lebensmitte, melden sich diese Träume zurück und lassen zweifeln: Habe ich damals falsch entschieden und etwas verpasst, das sich jetzt nicht mehr nachholen lässt?

Zuerst: Diesen nicht unbedingt angenehmen Gedanken kann man durchaus auch positiv sehen. Da ist noch immer etwas lebendig in Ihnen, sonst hätten Sie den Traum von damals längst vergessen. Entscheidend ist, mit welchem Gefühl Sie ihn heute verbinden. Amüsierte Nostalgie, wie man sie beim Gedanken an frühere Musik- und Modevorlieben verspürt? Verbitterung oder Enttäuschung, weil Sie sich um ein besseres Leben gebracht fühlen, etwa durch die Firma, Partner oder Familie? Aufgeregte Lust, es doch noch zu wagen?

Vielen genügt der Gedanke an ein anderes Leben

Natürlich liest man allerlei Weisheiten, was in solch einem Fall zu tun sei: Man solle es nur wagen, "jeden Tag leben, als wäre es der letzte", seine Träume wahr machen. Diesen Weg gehen jedoch nur die wenigsten, und das hat seine Gründe. Vielen gefällt und genügt der Gedanke, dass sie auch einen ganzen anderen Weg gehen könnten. Insgesamt sind sie aber doch zufrieden mit den Umständen. Erwachsene wägen auch umfassender ab als Teenager: Was würde der Schritt z. B. für die Finanzen, Beziehung, Kinder bedeuten?

Ich erinnere mich an einen Geschäftsführer, der auf eine lange Karriere bei einem Verlag zurückblicken konnte, sich aber gleichzeitig von hohen Lebenshaltungskosten, Erwartungen seiner Partnerin und der Konkurrenz jüngerer Kollegen belastet fühlte. "Eigentlich", meinte er nachdenklich, "wäre ich am liebsten ein Bauer mit einem kleinen Hof, den ich bewirtschaften und vermarkten würde." Es blieb immer bei diesem gedanklichen Ausflug, bei dem eine sentimentale Verklärung eines anderen Lebens mitschwang, er änderte nichts.

Machen Sie sich keine unnötigen Vorwürfe

Falls Sie einen unerfüllten Lebenstraum haben, etwa unbedingt auswandern, einen ganz anderen Beruf oder Wohnort wollten, es aber dann doch nie gemacht haben: Verurteilen Sie sich nicht dafür. Werfen Sie sich beispielsweise nicht vor, inkonsequent, willensschwach oder feige zu sein. Höchstwahrscheinlich gab es gute Gründe für Ihre Entscheidungen, und Sie haben sich alternativ ein Leben aufgebaut, das ebenfalls gut für Sie funktioniert.

Was Sie dennoch tun könnten, um sich nicht noch viele Jahre mit Gedanken an eventuell verpasste Möglichkeiten zu belasten: Überlegen Sie, was nötig wäre, um den Plan jetzt und mit vorhandenen Mitteln (also nicht mit Lottogewinnen, Erbschaften usw.) umzusetzen. Eine Recherche, bei der Sie so viele Informationen wie möglich einholen, sich Dinge ansehen oder auch ausprobieren. Beispiel: Sie wollten einmal Kunsthandwerker werden. Könnten Sie sich heute noch ausbilden lassen, was kostet das, können Sie es vorab mal testen?

Diese kleine praktische Übung hat oft erstaunliche Effekte:

  • Sie merken schnell, wie viel "Energie" überhaupt in Ihrem Traum steckt. Manche verlieren schon nach wenigen Schritten die Lust. Andere werden mit jeder erkannten Schwierigkeit motivierter, weil sie den Traum nun tatsächlich für umsetzbar halten.

  • Sie erkennen, wie viel von der einstigen Idee Sie verwirklichen könnten. Vielleicht alles, was Sie sich damals vorgestellt haben, vielleicht nur noch eine Variante davon - immerhin. Beispiel: Statt einer Firmengründung eine Teilselbständigkeit beginnen.

  • Sie nehmen in jedem Fall etwas für sich mit, indem Sie über Ihre Wünsche und Ziele nachdenken und Ihre Talente ausprobieren und entwickeln. Auch, wenn Sie danach nichts ändern, sind Sie innerlich vorbereitet für spätere Veränderungen.

Für viele Medienprofis ist der Beruf bereits ein erfüllter Traum. Als Reporter prominente Persönlichkeiten treffen und interessante Orte bereisen, als Lokalredakteur all die Facetten einer Stadt oder Region erkunden, als Autor einfach nur schreiben können, fotografieren oder filmen. Nicht wenige beginnen in der Lebensmitte mit einem Abenteuer, das darauf aufbaut: Eine PR-Karriere starten, eine eigene Content-Agentur eröffnen, öffentlich reden oder Workshops veranstalten. Für manche Lebensträume der Jugend ist es vielleicht zu spät, für die Lebensträume des Erwachsenenalters dagegen genau die richtige Zeit.

Zum AutorAttila Albert (45) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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